Texte zu einzelnen Stellen des Alten Testaments
Psalmen
Die Psalmen gehören zu den bedeutendsten Texten des Alten Testaments und sind auch zum Gebetbuch der Kirche geworden. In der Reihe "Beten mit den Psalmen" möchte ich einige dieser Texte für das persönliche Beten erschließen. Folgen Sie dem Link zu dem jeweiligen Psalm:
Weitere Texte zu den Psalmen finden Sie hier: www.hofmannroland.de/Psalmen.html
Weitere Texte
Abraham – Aufbruch, Verheißung, Glaube
Aufbruch – Verheißung – Glaube, so habe ich meine Gedanken zu Abraham überschrieben. Abraham ist eine faszinierende Gestalt, deren Tiefe wir nur nach und nach ausloten können.
Abraham ist der Stammvater von Juden, Muslimen und Christen. Die Juden berufen sich auf die Linie nach Isaak, die Muslime auf die Linie nach Ismael und die Christen sehen in Abraham den Vater aller Glaubenden.
Interessant ist die von der Bibel vorgelegte zeitliche Entwicklung, die natürlich nicht als eine historische Schilderung im heutigen Sinn gesehen werden darf. Sie zeigt uns Geschichte im Licht des Glaubens. Nach dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies breiten sich die Menschen auf der Erde aus, doch wegen ihrer Schlechtigkeit löscht Gott die Menschen durch die Sintflut. Mit Noah und seiner Familie, den einzigen Überlebenden, macht Gott einen Neuanfang.
Doch wieder erzürnen die Menschen Gott. Noch sind sie zusammen und wollen sich durch den Turmbau zu Babel ein Denkmal setzen. Doch Gott setzt diesem Hochmut der Menschen ein Ende und verwirrt ihre Sprache. Dadurch endet ihr gemeinsames Tun und die Menschen verstreuen sich über die ganze Erde.
Auch die Vorfahren Abrahams sind nach der Sprachverwirrung aufgebrochen. Schon sein Vater will ins gelobte Land ziehen, doch auf halbem Weg macht er halt und lässt sich in Haran nieder.
Hier greift Gott ein. Er ruft den Abraham, weiterzuziehen. Das Ziel liegt nicht auf halbem Weg. Gottes Wille geschieht nicht, wenn wir uns sesshaft einrichten und es uns bequem machen. Das gilt im übertragenen Sinn auch heute. Wo bleibe ich in meinem Leben auf halbem Weg vorm Ziel stehen? Wo ruft Gott mich, weiterzugehen? Vertraue ich seinem Wort?
Abraham (1) – Aufbruch (Gen 12)
Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. (Gen 12,1f)
Drei Aufträge und drei Verheißungen gibt Gott dem Abraham. Er wird zu einem großen Volk, sein Name wird groß sein und als ein von Gott Gesegneter wird er selbst zum Segen für andere.
Was er dafür verlassen soll, ist alles, was einem Menschen zu seiner Zeit Heimat und Sicherheit gab. Wer damals sein Heimatland verließ und in die Fremde zog, wurde zu einem recht- und schutzlosen Menschen. Sein Geschick lag nun sozusagen ganz in Gottes Hand.
Die weitläufige Verwandtschaft bot Schutz bei Übergriffen und Streitigkeiten, ohne sie konnte sich damals ein Mensch nicht gegen seine Gegner durchsetzen. Ebenso wichtig war die Bindung an das Vaterhaus. Aus diesem verstoßen zu sein, war das Schlimmste, das einem zustoßen konnte, es freiwillig zu verlassen eines der größten Risiken.
Doch Abraham vertraut darauf, dass Gottes Verheißungen stärker sind als menschliche Bindungen. Er will sich ganz an Gott halten, um das zu sein, was Gott von ihm will. Ein Segen sein für die ganze Welt, das kann kein Mensch von sich her, das kann nur geschehen, wenn ein Mensch sich ganz Gott schenkt und Gott durch sich wirken lässt.
Herr, hilf uns, dass wir uns nicht an falsche Sicherheiten klammern, hilf uns, das zu verlassen, was uns von dir trennt, und lass uns im Vertrauen auf dich unseren Weg mit dir gehen.
Abraham (2) – Verheißung (Genesis, Kapitel 15, 18 und 21)
Sieh doch zum Himmel hinauf und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst. – So zahlreich werden deine Nachkommen sein. (Gen 15,5)
Nachkommen so zahlreich wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meer, das ist die Verheißung Gottes an Abraham. Doch Abraham ist über 80 und seine Frau Sara nicht viel jünger als er. Da mögen ihnen diese Worte wie ein Hohn erscheinen. Aber Gott steht zu seinem Wort.
Als Abraham 99 ist, kommen drei geheimnisvolle Gestalten, die Abraham als seine Gäste aufnimmt und bewirtet. In diesen Männern erscheint Gott selbst dem Abraham und verheißt ihm die Geburt eines Sohnes. Sara belauscht das Gespräch in ihrem Zelt. Sie muss lachen: Unmöglich dass zwei so alte Leute noch Kinder bekommen können. Doch Sara wird schwanger und Abraham wird als hundertjähriger noch Vater.
Aus dem ungläubigen Lachen Saras ist ein Lachen der Freude geworden. Man spürt förmlich, wie die Last, die Sara durch ihre Kinderlosigkeit trug, von ihr abfällt, wenn sie sagt: „Gott ließ mich lachen, jeder der davon hört, wird mit mir lachen. Nun habe ich Abraham in meinem Alter noch einen Sohn geboren.“ (Gen 21,6f)
Herr, hilf dass auch wir nicht verzweifeln und lass nach dunklen Stunden das Licht deiner Freude leuchten.
Abraham (3) – Glaube
Abraham glaubte Gott und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet. (Gen 15,6)
Paulus bezeichnet in seinen Briefen mehrmals Abraham als Vater des Glaubens. Der Glaube als das feste Vertrauen auf Gott durchzieht die ganze Abrahamsgeschichte. Abraham zeigt sein Vertrauen auf Gott, als er auf sein Wort hin aufbricht, um ins Heilige Land zu ziehen. Er vertraut darauf, dass Gott ihm einen Sohn schenken wird, auch als er in hohem Alter noch kinderlos ist. Gott steht zu seinen Verheißungen.
Doch Abrahams Glaube wird auch auf eine harte Probe gestellt. Als sein Sohn endlich geboren war und gesund heranwuchs, verlangte Gott, dass er ihn als Opfer darbringt (Gen 22). Eine sehr makabre Geschichte, wie Vater und Sohn auf den Berg steigen und Abraham seinen Sohn Isaak als Opfer auf das Brennholz legt. Im letzten Moment greift Gott ein und verhindert ein Unglück. Gott will keine Menschenopfer.
Unverständlich bleibt, warum Gott Menschen so sehr auf die Probe stellt. Auch heute geschehen viele Dinge, bei denen wir uns fragen: wie kann Gott das zulassen. Gerade auch fromme Menschen werden oft von harten Schicksalsschlägen getroffen.
Abraham geht in seiner Beziehung zu Gott gestärkt aus dieser Situation hervor und Gott bekräftigt seine Segensverheißung an ihn. Abraham hat verstanden, dass seine Nachkommen nicht die Frucht seiner Manneskraft sind, sondern ganz allein Gottes Geschenk.
Abraham (4) - Der Besuch der Gottes bei Abraham (Gen 18)
Dass alles letztlich von Gott kommt, das durfte Abraham erfahren. In der Lesung aus dem Alten Testament hören wir von dem Besuch der drei Männer bei Abraham. Diese Begebenheit diente Rubljow als Grundlage für seine berühmte Dreifaltigkeitsikone. Dass Gott dem Abraham in der Gestalt dreier Männer erscheint wurde schon früh als ein Hinweis darauf gesehen, dass Gott sich schon im Alten Testament als der dreifaltige, als Vater, Sohn und Heiliger Geist, offenbart.
Doch zurück zu unserem eigentlichen Thema. Abraham war von Gott verheißen worden, dass seine Nachkommen das Land Israel besitzen werden, aber nun sind er und seine Frau Sara bereits in hohem Alter und immer noch kinderlos. Er zweifelt an Gott und seiner Verheißung. Selbst für Gott ist es doch ganz und gar unmöglich, einem etwa hundertjährigen und seiner ebenso alten Frau noch Kinder zu schenken. Aber er muß erfahren, dass für Gott nichts unmöglich ist. Gott steht zu seiner Verheißung, auch über den Kleinglauben von uns Menschen hinweg. Gerade diese drei Männer, die zu Abraham kommen, überbringen ihm die Botschaft, dass er im nächsten Jahr um diese Zeit den ersehnten Sohn haben wird. Es heißt auch, dass Sara, die das Gespräch im Zelt heimlich belauscht hat, über diese Botschaft lacht. Wie sollen mein alter Mann und ich noch Kinder bekommen! Aber jeder von uns weiß, dass Gott doch Recht behalten hat. Abraham und Sara bekamen schließlich ihren ersehnten Sohn, Isaak. Gott kann wirklich mehr schenken, als wir uns vorstellen können und mehr, als wir mit all unserem Mühen selbst erreichen können.
Nachdem Gott dem Abraham in der Gestalt der drei Männer erschienen ist und ihm die Geburt eines Sohnes verheißen hat, wenden sich die Männer Sodom zu. Gott enthüllt dem Abraham, was er vor hat, er möchte die sündigen Städte Sodom und Gomorra dem Erdboden gleich machen. Da fängt Abraham an, mit Gott zu handeln. Er erinnert ihn an sein Erbarmen. Gott kann doch nicht wollen, daß die Gerechten zusammen mit den Sündern vernichtet werden, und Gott gibt ihm recht. Wenn sich dort fünfzig, ja auch nur zehn Gerechte finden, werden die Städte nicht zerstört. Doch jeder weiß, wie die Geschichte endet. Außer Lot, dem Bruder Abrahams, und dessen Familie finden sich keine Gerechten dort. Eine erschreckende Bilanz. Gott möchte den Menschen sein Erbarmen schenken, aber wer möchte es annehmen? Gott liebt die Menschen, aber viele weisen seine Liebe ab.
Der Heilige Pfarrer von Ars hat gesagt: Gott liebt uns mehr, als der beste Vater, mehr als die liebste Mutter. es genügt, daß wir uns seinem Willen unterwerfen und uns ihm anheimgeben mit dem Herzen eines Kindes.
Unser Herr ist auf der Erde, wie eine Mutter, die ihr Kind auf dem Arm trägt. Das Kind ist böse, schlägt die Mutter, beißt und kratzt sie, aber die Mutter macht kein Aufbebens davon. Sie weiß, wenn sie es losläßt, wird es fallen, es kann ja nicht alleine laufen. Seht, wie unser Herr ist: er erträgt unser böses Benehmen und alle unsere Anmaßungen; er vergibt uns alle unsere Dummheiten und hat Erbarmen mit uns trotz allem.
O Jesus, dich kennen heißt dich lieben! Wenn wir wüßten, wie sehr der Herr uns liebt, wir würden vor Freude sterben. Ich glaube nicht, daß es Herzen gibt, die so hart sind, nicht zu lieben, wenn sie sich so geliebt sehen ... Das einzige Glück, das wir auf Erden haben, ist, Gott zu lieben und zu wissen, daß Gott uns liebt. Amen.
Mose
Mose ist eine der bedeutendsten Gestalten des Alten Testamentes. In Mose zentriert sich die Identifikation des Volkes Israel. Er gilt als der Mittler des Alten Bundes, der dem Volk die Gebote Gottes überbracht hat.
Seine Berufung erfuhr er am Horeb, als Gott aus dem brennenden Dornbusch zu ihm sprach. Ihn hat Gott zum Pharao gesandt, um die Erlaubnis zum Aufbruch des Gottesvolkes aus Ägypten zu bewirken. Nach ergebnislosen Verhandlungen brechen die Israeliten nach der Feier des ersten Paschafestes auf. Gott führt sie durch das Rote Meer und vernichtet die Streitmacht des Pharao, die ihnen nachjagt. Der Auszug aus Ägypten wird zum bedeutendsten Ereignis der Geschichte Israels.
Vierzig Jahre führt Mose das Volk durch die Wüste, durch alle Bedrängnisse hindurch. Oft murrt das Volk über die Strapazen und immer wieder drohen die Menschen, vom Glauben an den Gott, der sie aus Ägypten befreit hat, abzufallen. Immer wieder murren sie gegen Mose: „Warum hast du uns überhaupt aus Ägypten hierher geführt? Um uns, unsere Söhne und unser Vieh verdursten zu lassen?“ Immer wieder stellen sie Gott auf die Probe und fragen: „Ist der Herr in unserer Mitte oder nicht?“
Doch immer wieder wirkt Gott durch Mose ein rettendes Wunder. Gott bleibt seinem Namen treu, den er dem Mose aus dem brennenden Dornbusch verkündet hat. Immer wieder erweist er sich als der Gott, der da ist für sein Volk.
Mose am brennenden Dornbusch
Gott,
Du hast viele Namen,
einer sagt eigentlich alles.
Er stammt von Dir selber.
Du sagst zu Mose:
Das ist mein Name
„Ich-bin-da“,
immer und überall,
auch jetzt
und hier.
Gott, Du bist da
mit der Glut deines Herzens
mit dem Feuer deiner Liebe.
Danke, Gott, dass Du uns so nahe bist.
An diesem Sonntag hören wir aus dem Buch Exodus (3,1-8a.13-15) von der Erscheinung Gottes vor Mose im brennenden Dornbusch. Mitten in seinem Alltag – Mose weidet das Vieh seines Schwiegervaters – begegnet Gott dem Mose. Gott zieht die Aufmerksamkeit des Mose auf sich, da ist in der Steppe ein Dornbusch der brennt und doch nicht verbrennt. Wie nahezu alle Menschen, so ist auch Mose neugierig. Er will sich diese außergewöhnliche Erscheinung näher ansehen. Als Mose auf den Dornbusch zukommt, ruft Gott ihn mit Namen, zweimal: Mose, Mose! Mose hört den Anruf Gottes und spricht: Hier bin ich. Diese Szene ist typisch für alle Berufungsgeschichten. Gott ist es, der ruft, Gott macht auf sich aufmerksam, ruft jeden Menschen bei seinem Namen. Die Antwort des Mose ist auch typisch: Hier bin ich. Auf den Ruf Gottes kann es nur diese Antwort geben. Gott, hier bin ich, hier stehe ich vor Dir, mach mit mir, was Dir gefällt. Vor allem anderen kommt es auf dieses Da-Sein vor Gott, das Hören auf das, was er jedem einzelnen sagen möchte, an.
Gott selbst ist es, der da ist, immer und überall. Gott offenbart dem Mose seinen Namen. Die genaue Bedeutung des Gottesnamens ist zwar unklar, aber doch kann man sagen, daß in diesem „Ich-bin-da“ das Wesentliche ausgesagt ist. Gott ist mir näher, als ich mir selbst bin. Er kennt mich besser, als ich mich selbst kenne. Daher weiß auch er am besten, was gut für mich ist. Gott ruft uns ja nicht, um uns irgendwelche Lasten aufzubürden, sondern weil er uns das Leben in Fülle schenken möchte. Daher ist es so wichtig, immer wieder auf Gott zu hören, nicht um ihm einen Gefallen zu tun, sondern um selbst glücklich zu werden.
Nach dem Hören des Rufes und der bereiten Antwort folgt die Sendung. Gott sendet jeden Menschen an seinen Platz in der Welt. Jede Heilige Messe endet mit dem Segen und der Sendung. Jede und jeder hat in der Welt einen Platz, um Gott dienen zu können. Wo dieser ist, kann man wohl letztlich nur im immer neuen Hören auf den Anruf Gottes, in der immer neuen Bereitschaft, sich senden zu lassen, herausfinden. Das kann oft ein mühsamer Weg sein. Auch Mose, der ja Gott so unmittelbar begegnet ist, wie kein anderer Mensch, hatte es nicht immer leicht auf diesem Weg mit Gott. Nehmen wir diese Fastenzeit als eine Chance, wieder neu in die Begegnung mit Gott einzutreten. Versuchen wir, wieder neu auf ihn zu hören, vielleicht in der stillen Betrachtung der Heiligen Schrift oder einem anderen Gebet. Hören wir, wie Gott uns ruft, sagen wir neu Ja zu ihm, hier bin ich. Vielleicht tun sich dann neue Perspektiven auf, wie wir in unserem Alltag mehr den Willen Gottes tun können.
Samuel
Mit Samuel begegnen wir nach Abraham und Mose einer weiteren großen Gestalt des Alten Textaments. Schon als Kind wird Samuel von seiner Mutter, die lange kinderlos war, in den Tempel gebracht. Dort verrichtet er unter Aufsicht des alten Priesters Eli den Dienst im Tempel.
Eines Nachts wird Samuel geweckt von einer Stimme, die ihn ruft. Er meint, es sei Eli, und läuft zu ihm. Doch Eli hat Samuel nicht gerufen. Dreimal wiederholt sich dies. Dann erst merkt Eli, dass es Gott ist, der Samuel ruft. Er sagt zu ihm: „Wenn er dich wieder ruft, dann antworte: Rede, Herr, denn dein Diener hört.“ So geschieht es und der Herr offenbart sich dem Samuel. (1 Samuel Kapitel 3)
Samuel wird zum Propheten für das Volk. Er ist es, der im Auftrag Gottes die beiden ersten Könige Israels, Saul und David, auswählt und salbt. Weil David auf Gott gehört hat, kann Gott durch ihn zum ganzen Volk sprechen.
Die Berufung des Samuel ist für uns eine Geschichte vom Beginn des Gebets: Gott ruft den Jungen Samuel. Der fühlt sich erst gar nicht angesprochen, weiß nicht, wer da redet und kann sich nicht vorstellen, dass Gott so etwas tut. Der Meister Eli hilft ihm zu verstehen: „Samuel - du bist wichtiger als du denkst. Gott meint dich, nicht mich, den Meister. Hör hin - glaube nur, dass Gott es ist. Gott findet dich so liebenswert, dass er ein Gespräch mit Dir beginnt.“
Auch uns findet Gott liebenswert und will mit uns ein Gespräch beginnen. Menschliche Beziehungen können entstehen, wenn wir offen sind für das, was um uns herum geschieht, wenn wir hören und wahrnehmen und uns nicht verschließen, wenn wir in aller Bescheidenheit annehmen, dass wir tatsächlich liebenswert sind.
Auch das Gebet entsteht, wenn wir uns als von Gott geliebt erfahren und auf das achten, was er tut. Gott lässt die Sonne aufgehen - mir zuliebe. Gott zeigt mir seine Liebe, indem mir jemand zulächelt. Ich brauche nur die Augen aufzumachen, um seine Liebesbezeugungen entdecken.
Gebet heißt auch Sehnsucht. Nicht erst der Akt des Glaubens, sondern bereits der Entschluss zu suchen, die Sehnsucht nach Gott, bedeutet schon Glauben. Die Sehnsucht, über das rein Irdische hinaus zu gehen, die Sehnsucht nach mehr, ist schon Gebet. Gebet fängt früher an, als die Worte sich finden. Wer Gott suchen will, wer sich danach sehnt, ein anderes Leben zu führen, der betet - und Gott wird antworten.
Herr, hilf mir, die Sehnsucht nach Dir zu spüren. Wie der Psalmist will ich sprechen: „Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir. Nach dir schmachtet mein Leib, wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser.“ (Psalm 63,2) Mit dieser Sehnsucht will ich nach dir suchen und wie Samuel sage ich: „Rede Herr – dein Diener hört.“ Hilf mir, mich so in die Haltung des Gebetes einzuüben, still zu werden vor dir und zu lauschen auf deine Stimme. Amen.
David
David war nach Saul der zweite König von Israel. In der Tradition wurde er zum König Israels schlechthin. Sein Königtum war so bedeutend, dass er zum Vorbild für den Messias wurde. Der Messias, den das Volk erwartet hat, sollte sein wie David.
Sehr schön ist die Geschichte von der Erwählung Davids (1 Samuel 16). Der Prophet Samuel kommt in das Haus Isais, des Vaters Davids. Gott hat ihm aufgetragen, einen seiner acht Söhne zum König zu salben. Als Samuel den ältesten der Söhne erblickt, der groß und stark ist, meint er, in ihm den neuen König Israels vor sich zu haben. So war es damals bei der Erwählung Sauls zum König. Der war ein Mann, der alle an Größe und Stärke überragte.
Doch Gott belehrt Samuel eines Besseren. Gott sieht nicht auf das Äußere, er sieht auf das Herz. Sieben seiner Söhne, die Isai dem Samuel vorstellt, hat Gott nicht erwählt. Da bleibt nur noch der Jüngste, an den keiner gedacht hat, und den man erst von den Schafen holen muss. Er ist es, den Gott erwählt hat.
David ist kein Muskelprotz, aber er ist ein Mann mit Köpfchen, der es gerade deshalb auch mit dem stärksten Gegner aufnehmen kann, wie es die Geschichte von David und Goliath zeigt. Er ist von schöner Gestalt und besitzt musikalische Fähigkeiten. David kann wunderschöne Lieder singen. Die Tradition führt viele der Psalmen des Alten Testaments auf die Urheberschaft Davids zurück.
Anfangs muss sich David gegen den noch regierenden, aber von Gott verworfenen König Saul durchsetzen, mit dessen Sohn Jonathan ihn eine enge Freundschaft verbindet. Als er dann die Herrschaft fest im Griff hat, macht er sich daran, das Reich Israel zu erweitern. Nie war der Einflussbereich Israels so groß wie unter David und seinem Sohn Salomo.
Doch David war nicht immun gegen die Versuchungen der Macht. Neben seinen großen Taten erzählt die Bibel auch von seinen Fehlern. So hat er einen seiner Soldaten bewusst im Krieg in eine ausweglose Situation hineingestellt, um sich nach dessen Tod seine Frau für sich zu nehmen. Die Geschichte von David und Batseba erzählt von Liebe, Macht und Grausamkeit.
Immer wieder hat David gesündigt, doch immer wieder ist er umgekehrt, um Gott zu suchen. Er wusste, dass seine Herrschaft ohne den Segen Gottes keinen Bestand haben konnte. Demütig hat er immer wieder vor Gott seine Verfehlungen bekannt und Gott hat ihm stets vergeben, hat seine segnende Hand von ihm nicht zurückgezogen. All dieses Ringen mit Gott und seiner Barmherzigkeit kommt in vielen Psalmen zum Ausdruck.
Es ist die Hilfe Gottes, die David Stärke verleiht. „Herr, du bist meine Stärke, mein Erlöser und mein Heil, mein Fels und meine Festung, du bist mein Gott!“ Immer wieder hören wir diesen Lobpreis in den Psalmen. So betet David in Psalm 27:
Der Herr ist mein Licht und mein Heil! Vor wem sollte ich mich fürchten?
Der Herr ist die Kraft meines Lebens! Vor wem sollte mir bangen?
Mag ein Heer mich belagern, mein Herz wird nicht verzagen. Mag Krieg gegen mich toben, ich bleibe dennoch voll Zuversicht.
Hoffe auf den Herrn und sei stark! / Hab festen Mut und hoffe auf den Herrn!
Elija – Brennen für Gott
Ich möchte die Reihe über bedeutende Personen das Alten Testaments abschließen mit dem Propheten Elija. Der Schwerpunkt des Wirkens dieses Propheten fällt in die Zeit des Königs Ahas. Dieser hat sich Isebel, die Königstochter eines Nachbarvolkes, zur Frau genommen. Aus ihrer Heimat bringt sie den Kult fremder Götter, vor allem den des Baal, mit nach Israel. Durch die Anziehungskraft, die diese Kulte auf das Volk ausüben, ist der Glaube an den einen Gott Israels ist bedroht. Elija bietet dem König die Stirn und tritt ein für den Glauben an den Gott Israels.
Durch Elija prophezeit Gott, dass eine große Dürre über das Land kommen wird. Daraufhin will der König Elija töten, weil er in ihm die Ursache für das Unheil sieht, das dadurch über das Volk kommt. Elija flieht in die Einsamkeit. Dann geht er ins benachbarte Ausland, zu einer Witwe. Auch dort herrscht Hungersnot, doch Gott lässt im Haus der Witwe die Nahrung nicht ausgehen, weil sie Elija aufgenommen hat.
Dann kommt es zum großen Duell zwischen Elija und den Propheten des Baal. In einem von Elija inszenierten großen Opferfest soll das ganze Volk, das herbeigeströmt ist, erkennen, welches der wahre Gott ist. Beide Parteien errichten einen Altar. Der Gott soll der wahre sein, der selbst das Brennholz entzündet und somit zeigt, dass er das Opfer annimmt. Die Propheten des Baal tanzen sich in Trance, aber kein Feuer entzündet sich auf ihren Altar.
Dann kommt die große Stunde des Elija, Er lässt seien Altar noch mit Wasser übergießen und betet dann zu Gott. Sofort entzündet sich das nasse Holz und Gott nimmt das Opfer an. Elija nutzt die Gunst der Stunde, um das Volk zu einem Massaker an den verhassten Baalspriestern anzustacheln. Dann flieht er, um der Rache Isebels zu entgehen. Zuvor aber sendet Gott Regen, der so lange ausgeblieben ist.
Wieder ist Elija in der Einsamkeit. Tief geschlagen sitzt er in der Wüste unter einem Ginsterbusch. Auf seinen Triumph folgt nun tiefer Zweifel. Er erkennt, dass er zu weit gegangen ist. Elija muss sein Bild von Gott korrigieren. Gott ist nicht ein Gott, der dreinschlägt und vernichtet.
Nach Tagen der Einsamkeit ruft ihn Gott zum Horeb. Dort will Gott sich dem Elija zeigen. Gott zieht an Elija vorüber, während dieser in einem Felsspalt steht und sein Gesicht verbirgt, um nicht das Angesicht Gottes zu sehen. Die Erfahrung, die Elija nun von Gott macht, bringt uns auch heute noch zum Nachdenken.
Gott zieht an Elija vorüber. Es kommen Sturm, Gewitter und Unwetter, doch in all dem lauten Getöse ist Gott nicht. Elija erkennt Gott in der sanften Stimme des Schweigens. Eine erfüllte Stille ist es, in der Gott vorüberzieht. Das Wort ist schwer zu übersetzen. Gotteserfahrungen lassen sich nicht adäquat vermitteln. Jeder muss selbst diese Erfahrung machen. Wir können uns von anderen nur Hinweise und Wegweiser geben lassen, wo wir Gott finden können. Die Begegnung mit ihm ist aber für jeden Menschen ganz persönlich und einmalig.
Wer Gott begegnen möchte, muss auch bereit sein, anzuerkennen, dass Gott immer anderes ist, als wir ihn uns vorstellen. Auch für einen Mann Gottes wie Elija war diese Erfahrung schmerzhaft. Nach seinem größten Triumph sehen wir ihn zusammengekauert und verlassen unter einem dürren Strauch in der Wüste. Er war es doch, der Gott die Ehre erwiesen hat und nun lässt Gott ihn scheinbar allein.
Doch Elija ist nicht allein, Gott ist da und als Elija seine Lektion gelernt hat, darf er Gott auf eine Art und Weise begegnen, wie er es vorher noch nie erlebt hat. Gott führt uns auf dem Weg mit ihm immer weiter. Vertrauen wir darauf, dass Gott da ist und lassen ihn an uns wirken.
1Kön 17,10-16: Elija und die Witwe von Sarepta
Es wirkt auf den ersten Blick etwas unverschämt. Der Prophet Elija kommt in die Stadt Sarepta und trifft am Stadttor eine Frau, die dort Holz aufliest. Es ist offensichtlich, dass sie arm ist, denn sonst hätte sie das sicher nicht nötig. Elija bittet sie um etwas Wasser zum Trinken. Als sie weggeht ruft er ihr nach, dass sie auch noch etwas Brot mitbringen soll. Sie wird sich gedacht haben, was will der Fremde denn noch alles. Sie klagt ihm ihr Leid, eine Hand voll Mehl hat sie nur noch im Haus und ein wenig Öl. Das reicht für eine letzte Mahlzeit für sie und ihren Sohn. Sie ist eine Witwe und hat somit in der damaligen Zeit ein hartes Leben und kann nur mit Mühe für ihren Lebensunterhalt sorgen. Auch für ihren Sohn muss sie noch sorgen. Zudem herrscht gerade eine große Dürre und Hungersnot im Land, so dass sie auch nicht mit der Unterstützung anderer rechnen kann, weil die meisten Menschen selbst nichts haben.
Elija scheint noch unverschämter zu werden. Sie soll erst mal was für ihn machen. Doch er gibt ihr zugleich eine Verheißung: danach kann sie auch etwas für sich und ihren Sohn zubereiten. Ihr Mehltopf wird nicht leer werden und ihr Ölkrug nicht versiegen, bis Dürre und Hungersnot zu Ende sind. Die Frau vertraut den Worten des fremden Gottesmannes. Sie gibt ihm zu Essen und zu Trinken. Sein Wort geht in Erfüllung, auch sie und ihr Sohn brauchen nicht zu hungern. Die zunächst unverschämte Bitte des Elija zeigt seine Fürsorge. Durch ihr freigebiges Schenken will er der Frau die Möglichkeit geben, mehr als Geschenk von Gott zu bekommen, als sie selbst zu Geben in der Lage ist.
Ich denke, es ist ein großes Problem, an dem viele Menschen leiden, vielleicht sogar unsere ganze Gesellschaft: wir haben zu wenig Vertrauen in Gott. Wir denken zu vernünftig, wir meinen, daß wir durch unser Machen und Planen alles erreichen könnten. Wir rechnen nur mit Fakten und Zahlen. Wir meinen, dass es nur dann einen Fortschritt geben kann, wenn wir durch immer mehr Rationalisierung die Leistung optimieren. Freilich herrschen in der Wirtschaft eigene Gesetze, die ein Unternehmen befolgen muss, wenn es auf dem Markt Bestand haben will. Aber wir sollten doch nicht vergessen, dass es auch eine Welt gibt jenseits unserer Kosten- Nutzenrechnung.
Doch wir brauchen nicht gleich auf die globale Wirtschaft zu blicken. Es kann schon sehr gewinnbringend sein, wenn jeder bei sich selbst einmal aufmerksam hinsieht, wo er seine eigene Kosten- Nutzenrechnung aufstellt. Freilich muss gerade in unserer Gesellschaft jeder durch sinnvolle Planung in die Zukunft blicken. Aber wir dürfen nicht meinen, dass das alles ist. Wir dürfen nie vergessen, dass unser Leben in Gott seinen Ursprung und sein Ziel hat und dass er uns führt. Es gibt für jeden Menschen in seinem Leben Momente, in denen er aufgefordert ist, selbstlos zu schenken, nicht nur von seinem Geld, sondern auch von seiner Zeit, seinen Fähigkeiten und Talenten. Wer einen solchen Moment nicht verpaßt, hat die Chance auf, eine andere Weise mehr zurückzubekommen, als er je geben könnte. Diese Bilanz ist nicht kalkulierbar. Ihre Posten lassen sich nicht gegeneinander verrechnen. Der Gewinn ist nicht für ein bestimmtes Quartal einplanbar. Mag sein, dass sich das lange Zeit hindurch als Verlustrechnung erweist. Sicher ist aber eines, es wird die Zeit kommen, in der die Rechnung aufgehen wird und der Gewinn ausgeschüttet wird, vielleicht manchmal nur im kleinen, vielleicht auch einmal ganz groß.
Wer loslassen kann, der erhält, was er zu verlieren fürchtet, wer schenkt, der bekommt mehr zurück, als er gibt. Je größer der Verlust auf den ersten Blick erscheint, desto größer wird der Gewinn sein. Dieses Gesetz ist für uns schwerer zu verstehen, als unsere scheinbar so logischen Berechnungen. Es braucht dazu das Vertrauen auf Gott, das Wagnis, dort wo es notwendig ist, eine andere Rechnung zu machen, als wir es vielleicht sonst gewohnt sind. Jesus stellt uns im Evangelium eine arme Witwe als Vorbild hin, die in einem kleinen Geldstück ihren ganzen Lebensunterhalt opfert. Wenn es auch im Verborgenen geschieht, es gibt einen, der es sieht, und der steht zu seiner Verheißung. Gott will nicht nur etwas von unserem Überfluss, sondern er will uns ganz, dass er sich uns auch ganz schenken kann. Herr, laß uns erkennen, wo Du unsere Freigiebigkeit erwartest und gib uns im Vertrauen auf Deine Verheißung die Kraft, das zu geben, was du von uns erwartest.
Ijob - Ist Gott gerecht ? Eine kleine Betrachtung zu ausgewählten Kapiteln aus dem Buch Ijob.
Jeder von Ihnen hat sicher schon von Ijob aus dem Alten Testament gehört. Bekannt sind Ihnen auf jeden Fall die Hiobsbotschaften. Ijob, ein wohlhabender und angesehener Mann, lebt gerecht und gerade vor Gott, doch plötzlich wird ihm alles genommen. Ein Bote nach dem anderen bringt ihm eine neue Schreckensnachricht, sein ganzer Besitz, ja selbst seine Kinder gehen ihm verloren. Schließlich verliert er auch noch seine Gesundheit und sitzt, übersät von eiternden Wunden, auf dem Abfallhaufen. Was für ein Abstieg. Die Rahmenerzählung schiebt die Ursache für dieses Unheil auf den Satan. Dieser ärgert sich über den gerechten Ijob und wettet gleichsam mit Gott, daß Ijob nur deshalb so gottesfürchtig ist, weil Gott ihm so viel Gutes geschenkt hat. Wenn es Ijob schlecht ginge, würde er Gott ins Angesicht fluchen. Und Gott erlaubt den Satan, Ijob zu prüfen.
Und was macht Ijob? Er flucht Gott nicht ins Angesicht, aber er hadert mit ihm. Er kann nicht begreifen, daß die Ordnung, die für den Gerechten Glück und für den Frevler Unheil vorsieht, so auf den Kopf gestellt wird. Es kommen Freunde um ihn zu trösten in seinem Elend. Doch sie erweisen sich als untauglich. Sie wiederholen nur immer wieder diese alte Regel, daß es dem Gerechten gut, dem Bösen aber schlecht geht. Irgendein Unrecht muß Ijob also begangen haben, sonst würde es ihm nicht so schlecht ergehen. Doch Ijob ist überzeugt, immer nach Gottes Willen gehandelt zu haben. Er will wissen, warum ihm solches Unheil widerfährt. Er wendet sich nicht von Gott ab, aber er will mit ihm rechten, er will wissen, warum Gott ihm solches widerfahren läßt. Ist Gott am Ende ein unberechenbarer Frevler?
Viele werden erstaunt sein, eine solche Aussage in der Hl. Schrift zu finden. Ijob geht wirklich bis ans Äußerste, an einen Punkt, an den sich manch ein frommer Beter nie wagen würde. Aber blicken wir auf uns. Freilich, für ganz gerecht wird sich keiner halten. Jeder weiß um seine kleinen Schwächen und Fehler. Aber im großen und ganzen bemühen wir uns doch, als christliche Menschen zu leben, gehen in den Gottesdienst, beten, versuchen anderen gegenüber gut zu sein ... Und doch ereilt auch so manchen Frommen ein bitteres Unglück und Leid. Es ist schwer, darauf eine Antwort zu geben und man kann sicher nicht Gott für alles verantwortlich machen. Aber wenn er doch alles kann, könnte er dann nicht ...
Wir haben durch Christus die Hoffnung auf die Auferstehung und können zumindest noch sagen, daß selbst, wenn wir hier auf Erden so manches Leid tragen müssen, wenigstens im Himmel dann die ewige Freude für die Gerechten bereitet ist. Zur Zeit des Ijob war dieser Glaube an die Auferstehung noch nicht verbreitet. Lohn und Strafen mußten sich auf dieser Welt ereignen, falls sie angebracht waren. Das macht die Sache komplizierter. Doch sei schon vorweg gesagt (auch weil ich hier nicht das ganze Buch Ijob vorstellen kann, sondern nur einige Auszüge daraus), daß Gott am Ende Ijob als Gerechten anerkennt, trotz allem, was er in seinen Reden Gott vorhält, seine Freunde aber, die leidigen Tröster, werden getadelt. Ijob bekommt am Ende alles, was er vorher verloren hat, doppelt zurück, eine Geschichte mit happy end. Vielleicht hilft es, sich dies im Hinterkopf zu behalten, wenn wir nun auf Ijob in seiner Not blicken, wie er da mit eiternden Wunden sitzt, seine Freunde ihm gegenüber, die ihn nicht verstehen. Ich möchte seine ersten drei Reden vorstellen. Zwischen den Reden Ijobs spricht jeweils einer seiner Freunde, darauf möchte ich nicht näher eingehen. Wer möchte, kann gerne den Text des Buches Ijob im Alten Testament nachlesen.
Die erste Rede Ijobs (3,1-26)
Ijob verwünscht den Tag, an dem er geboren ist, die Nacht, in der die Kunde von seiner Geburt überbacht wurde. Jeweils mehrere Verwünschungen spricht er über jenen Tag und jene Nacht aus. (1-10) Wäre es nicht besser für ihn gewesen, angesichts all seiner Leiden, wenn er nie geboren worden wäre? Dann wäre er als Fehlgeburt direkt in die Unterwelt gewandert. Diese ist nach damaligen Vorstellungen der Aufenthaltsort aller Toten, dort sind sie ohne Ansehen der Person. Nur Gott ist in der Unterwelt nicht zu finden. (11-19) Warum gibt er dem Elenden Licht und Leben denen, die in der Bitterkeit des Herzes sind? Der Mensch im Leid sehnt sich nach dem Grab, der Mensch, den all das trifft, wovor er in besseren Tagen zurückschreckte. Wer kennt das nicht, man hört von einer schweren Krankheit anderer, einem Unfall oder dergleichen und denkt, diese armen Menschen, zum Glück hat es aber uns nicht getroffen. Und plötzlich ist man selber in Bedrängnis, unverhofft kommt eine Krankheit, die Last des Alters. Wie schön waren doch die früheren Tage. Warum trifft mich nun all das, wovor mit bangte? Nicht wird mir Friede, nicht Stille nicht Ruh, schon kommt das Erbeben. (20-26)
Die zweite Rede Ijobs (6,1 – 7,21)
Schwer drückt Ijob das Leid, schwerer als aller Sand des Meeres. Er klagt nicht zu Unrecht, wie das Vieh nur dann schreit, wenn es kein Futter hat, so würde er seine Klage nicht erheben, wenn er keinen Grund dafür hätte. Er sieht Gott als Verursacher seiner Leiden. Würde Gott ihn doch ganz vernichten, das wäre besser als zu Leiden. Lieber ein schneller Tod als langes Siechtum. Sein Leib ist nicht aus Fels oder Erz, daß ihm die Leiden nichts ausmachten. Er hat die Hoffnung auf Hilfe aufgegeben. (6,1-13) Auch die Freunde nützen nichts. Sie sind wie vertrocknete Wasserläufe, denen Karawanen der Wüste in der Hoffnung auf Wasser folgen, aber enttäuscht werden und vor Durst umkommen. (14-20) Er erwartet doch nichts Unmögliches von ihnen. Er möchte nur ihre Zuwendung und daß sie an seine Rechtschaffenheit glauben. Aber sie verurteilen ihn und machen so seine Leiden nur noch schwerer. (21-30)
Noch einmal klagt Ijob sein Leid. Harter Kriegsdienst ist des Menschen Leben auf der Erde, er muß sich abmühen wie ein Tagelöhner, nur Enttäuschung und Mühsal sind ihm bestimmt. Seine Tage eilen schneller dahin als das Weberschiffchen, ohne jede Hoffnung. (7,1-6) So ist das Leben nur ein Hauch, plötzlich ist der Mensch wieder verschwunden von der Erde, wie eine Wolke, die verweht am Himmel.
Nun beginnt Ijob sich an Gott zu wenden. Warum achtet Gott so sehr auf den ach so vergänglichen Menschen? Was andere als Fürsorge Gottes erfahren, daß er den Menschen allezeit beschirmt, das wird für Ijob zur Qual. Gott ist für ihn ein Menschenwächter, der nur nach dem Schlechten im Menschen sucht und ihn straft. Wenn Gott die bösen Mächte, die Seeungeheuer einsperrt, dann kann Ijob das noch verstehen, denn das sind widergöttliche Mächte, die großen Schaden zufügen können. Aber er, der kleine, unbedeutende Mensch, kann Gott da nicht wegblicken? Aber es gibt auf Erden keinen Ort, auf den Gott nicht blicken kann, für den einen tröstlich – für Ijob eine unzumutbare Bedrängnis, denn er sieht sein Leid allein durch den strafenden Blick Gottes verursacht. (7-21)
Die dritte Rede Ijobs (9,1 – 10,22)
Ijob gibt seinen Freunden recht, kein Mensch kann sich selbst vor Gott als gerecht bezeichnen. Gott bleibt der Allmächtige, mit dem der Mensch nicht rechten kann. Die ganze Schöpfung ist in Gottes Hand. Selbst wenn der Mensch sich gerecht achtet, vor Gott würde ihn sein eigener Mund schuldig sprechen. Und doch fühlt sich Ijob als Gerechter. Er kann nicht begreifen, was mit ihm geschieht. Er ist gerecht und doch von Gott schuldig gesprochen. Kann man dann von Gott überhaupt noch Gerechtigkeit erwarten? Nein, meint Ijob, den Schuldigen und den Schuldlosen trifft das gleiche Urteil Gottes. Er versteigt sich sogar zu der Ansicht, daß dann Gott selbst ein Frevler sein muß, wenn Gerechtigkeit bei ihm nichts mehr zählt. Die Erde ist in Frevlerhand, das Gesicht ihrer Richter deckt er zu. Denn ist Gott es nicht, wer ist es denn? (9,1-24) Wer ist es denn der all das Unrecht gutheißt? Für Ijob ist Gott eben der, der alles bewirkt. Welche Antwort können wir an dieser Stelle geben? Muß alles Leid zwangsläufig auf Gott zurückgeführt werden? Woher kommt es denn?
Bis hierher hat Ijob Gott nur in der dritten Person („Er“) angeredet, nun beginnt langsam der Umschwung. Er kann manchmal „Du“ sagen. Dennoch weiß er keinen Rat. Alle Gerechtigkeit erscheint umsonst. Hält er sich rein, so taucht ihn Gott in die Grube, daß er voll ist von Schmutz. Es gibt keinen Schiedsrichter zwischen Gott und dem Menschen. Wie gern würde Ijob mit Gott ins Gericht gehen, er ist dieses Lebens überdrüssig. (9,25 – 10,1)
Den Rest der Rede wendet sich Ijob nun an Gott, indem er ihn mit „Du“ anspricht. Was nützt es Gott denn, wenn er ihn so quält. Er ist doch das Werk seiner Hände, Gott hat Ijob gebildet. Wenn er gesündigt hätte, könnte er den Zorn Gottes verstehen, so aber ist ihm Gottes Verhalten rätselhaft. Warum wurde er dann überhaupt geboren, nur für das Leid? Wenigstens einige schöne Tage möge Gott ihm noch gönnen, bevor er diese Erde verlassen muß, in die Unterwelt. (10,2-22)
Ist das nicht erstaunlich, in seinem größten Zorn gegen Gott wendet Ijob sich ihm plötzlich ganz neu zu. Er wird nicht irre an Gott. Er schreit ihm sein Leid ins Gesicht, er nimmt kein Blatt vor den Mund, aber doch ist Gott für ihn Gott, der über den Menschen steht. Er muß sich Gott zuwenden, selbst wenn er sich noch so mißverstanden und zu Unrecht von ihm gestraft fühlt. Selbst einem Gott, der ihm so viele Schmerzen zuzufügen scheint, vertraut Ijob. Der Zorn ist herausgelassen, nun appelliert er an Gottes Mitleid mit dem armen Menschen. Gott hat doch den Menschen geschaffen, er will doch das Gute für uns, warum bleibt es manchmal aus? In seiner nächsten Rede, die ich hier nicht mehr behandeln möchte, wird Ijob es so formulieren: Auch wenn Gott mich töten würde, werde ich auf ihn hoffen, doch meine Wege verteidige ich vor ihm. Und er selbst wird mein Retter sein. (13,15 f.) Ijob hat dieses Grundvertrauen auf Gott, das nichts erschüttern kann. Wenn ihm etwas nicht paßt, so scheut er sich nicht, Gott das vorzuhalten. Aber auch im größten Leid wird er sich nicht von ihm abwenden. Denn was auch geschieht, nur Gott kann ihn retten, niemand sonst.
15.06. Prophet Amos
Der Prophet, der hier besorgt ins Tal blickt und dessen Worte in einem Buch des Zwölfprophetenbuches überliefert sind, sagt im 7. Kapitel dieses Buches von sich selbst: „Ich bin kein Prophet und kein Prophetenschüler, sondern ich bin ein Viehzüchter und ich ziehe Maulbeerfeigen. Aber der Herr hat mich von meiner Herde weggeholt und zu mir gesagt: Geh und rede als Prophet zu meinem Volk Israel!“
Das ist der Auftrag Gottes an den Propheten Amos. Amos ist der Prophet der Gerechtigkeit. Ein markanter Satz seiner Botschaft lautet:
„Sucht das Gute, dann werdet ihr leben!“
Amos trat in der Mitte des 8. Jahrhunderts vor Christus im Nordreich Israel auf. Er ruft seine Worte einer Gesellschaft zu, die meint in höchster Blüte zu stehen und nicht merkt, daß sie fast tot ist.
Nach dem Tod König Salomos wurde Israel in das Südreich Juda und das Nordreich Israel geteilt. Beide litten unter den Angriffen ihrer Nachbarvölker. Unter Jerobeam II. war es im Nordreich nach einer langen Periode kriegerischer Auseinandersetzungen wieder zu Ruhe, Frieden und wirtschaftlichem Aufschwung gekommen. Doch davon profitierte nur eine kleine Oberschicht. Die einfache Bevölkerung geriet immer mehr in Armut und Abhängigkeit. Die Reichen verstanden es, sich durch ungerechte Machenschaften immer mehr zu bereichern.
Gott wird in den Reichsheiligtümern, allen voran Bet-El, mit einem pompösen Kult verehrt. Doch feiert die Oberschicht nicht einfach nur sich selbst durch diesen Kult? Die staatlich angestellten Hofpropheten tun ihr übriges dazu, daß man sich im Recht und ob seines Reichtums in besonderem Maße als von Gott auserwählt wähnt.
Da tritt der Prophet Amos als Störenfried auf. „Sucht das Gute, dann werdet ihr leben!“
Aber wir leben doch und das nicht schlecht. Und überhaupt: was will dieser Fremde aus dem Südreich Juda hier bei uns? Er soll doch wieder nach Hause gehen.
Doch Amos bleibt. Er weiß sich von Gott als Prophet berufen. Er hat seine Heimat, seine Herde und seine Maulbeerfeigen verlassen. Er folgt dem Auftrag Gottes: „Geh und rede als Prophet zu meinem Volk Israel!“ Er ist frei und braucht in seinen Reden auf niemand Rücksicht zu nehmen. Er gehört nicht zu den Hofpropheten, die nur gefällige Sprüche sprechen dürfen, weil sie sonst um ihr Einkommen fürchten müssten.
Er verkündet den Ruf Gottes nach Gerechtigkeit. Gott verabscheut die pompösen Gottesdienste, die fetten Opfer und den Lärm der Lieder, weil er nicht mit dem Leben zusammengeht. Es nützt nichts, auf der einen Seite Gottesdienst zu feiern und dann hinauszugehen und Unrecht zu begehen. Leben und Gottesdienst müssen in Einklang zueinander stehen. Das Unrecht macht das Land kaputt. Mag es auch Reichtum bringen, am Ende bringt es den Tod. Nur die Gerechtigkeit bringt Leben. Sucht das Gute, dann werdet ihr leben!
Wenige Jahre nach seinem Auftreten wird das Nordreich von den Assyrern erobert und verschwindet für immer von der Landkarte.
Hohelied 1,7 - Ubi pascis? - in meridie! Das ist der Tag, den der Herr gemacht!
Vor einigen Tagen ist mir eine sehr alte Oster-Predigt über einen Vers aus dem Hohelied begegnet, zu der ich mir einige Gedanken gemacht habe.
Du, den meine Seele liebt, sag mir: Wo weidest du die Herde? Wo lagerst du? So heißt es im Hohelied (1,7). Wer ist der, den meine Seele liebt? Es ist kein anderer als unser Herr Jesus Christus. Er ist der Bräutigam unserer Seele. All unsere Liebe gebührt zuerst ihm, denn nur in ihm können wir wahrhaft lieben. Doch wo finden wir den, den unsere Seele liebt? Er antwortet: Im Mittag.
Wie finden wir den Herrn im Mittag? Blicken wir hin auf den Karfreitag. Vom Mittag bis drei Uhr am Nachmittag herrscht Finsternis. Die Sonne verdunkelt sich. Die Schöpfung erfüllt ihre Pflicht und trauert um ihren Schöpfer, der am Kreuz hängt. Doch der Böse denkt, dass er nun die Macht errungen hat, dass er das Licht besiegt und Finsternis über die ganze Welt gebracht hat. Doch Gott siegt über die Finsternis. Ja Herr, die Finsternis ist für dich nicht finster, die Nacht leuchtet wie der Tag! (Ps 139,12) Doch wir finden den Herrn im Mittag am Kreuz. Gott, von der Finsternis verschlungen – das Licht, von der Finsternis besiegt?
Tod, wo ist dein Sieg? Über den Herrn des Lebens hat der Tod keine Macht, sondern der Tod hat sich seinen eigenen Untergang bereitet. Der Tod hat den Herrn des Lichtes und des Lebens zu sich geholt. So kann das Licht auch die letzte Finsternis erleuchten und mit Leben füllen. Christus steigt hinab in das Reich des Todes, doch der Tod kann ihn nicht halten. Er muß sein Reich räumen. Nun hat der Tod keine Macht mehr über den, der an Christus glaubt. Der Tod wird zum Durchgang vom Leben zum Leben.
Christus steht von den Toten auf. Er kommt zurück aus dem Reich des Todes. Die Finsternis konnte das Licht nicht besiegen. Das Licht erleuchtet auch die letzte Finsternis und bricht mit neuer Kraft hervor. Am Ostermorgen erstrahlt das Licht in vorher nie gekannter Fülle, ein Tag in vollem Licht, ohne Abend, ein dauernder Mittag. Du, den meine Seele liebt, wo finde ich dich? Wo weidest du die Herde? Wo lagerst du? Und Jesus antwortet: Im Mittag. Ich habe einen neuen Tag gemacht, einen Tag, der keinen Abend kennt. Jeder Mensch, wo immer er auch ist, findet mich im Licht dieses Tages. Das Licht des Auferstandenen leuchtet auf der ganzen Welt. Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt, kommt alle zu mir, Frauen und Männer, Alte und Junge. Kommt hervor aus der Finsternis, tretet ein in das Licht meines Tages! Ich bin es, der euch weidet, bei mir findet ihr Ruhe! Ja, Herr, laß uns immer bei dir sein!
Jes 58,1-9a: Ein Fasten, wie ich es liebe - Fasten ist mehr
So spricht Gott, der Herr: Rufe aus voller Kehle, halte dich nicht zurück! Lass deine Stimme ertönen wie eine Posaune! Halt meinem Volk seine Vergehen vor und dem Haus Jakob seine Sünden! Sie suchen mich Tag für Tag; denn sie wollen meine Wege erkennen. Wie ein Volk, das Gerechtigkeit übt und das vom Recht seines Gottes nicht ablässt, so fordern sie von mir ein gerechtes Urteil und möchten, dass Gott ihnen nah ist. Warum fasten wir, und du siehst es nicht? Warum tun wir Buße, und du merkst es nicht? Seht, an euren Fasttagen macht ihr Geschäfte und treibt alle eure Arbeiter zur Arbeit an.
Obwohl ihr fastet, gibt es Streit und Zank, und ihr schlagt zu mit roher Gewalt. So wie ihr jetzt fastet, verschafft ihr eurer Stimme droben kein Gehör. Ist das ein Fasten, wie ich es liebe, ein Tag, an dem man sich der Buße unterzieht: wenn man den Kopf hängen lässt, so wie eine Binse sich neigt, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? Nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem Herrn gefällt?
Nein, das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen.
Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Wunden werden schnell vernarben. Deine Gerechtigkeit geht dir voran, die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach. Wenn du dann rufst, wird der Herr dir Antwort geben, und wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: Hier bin ich.
Am Aschermittwoch haben wir mit der Auflegung des Aschenkreuzes die Fastenzeit, die Österliche Bußzeit begonnen. Die Asche will uns hinweisen auf die Vergänglichkeit unseres Lebens. Die Kirche will uns deutlich machen, dass es nicht egal ist, wie wir die Jahre unseres Lebens verbringen. Die Zeit vor Ostern soll uns dabei helfen, uns wieder neu darauf zu besinnen, was für uns wirklich wichtig ist. Wir sollen uns wieder neu orientieren auf das Ziel unseres Lebens hin und uns fragen: Welchen Stellenwert nehmen materielle Dinge in meinem Leben ein? Kann ich verzichten? Kann ich mit anderen teilen? Kann ich für andere da sein? Und schließlich: Wo habe ich in meinem Leben Platz für Gott?
Der Prophet Jesaja wirft den Menschen vor, dass sie nicht in rechter Weise fasten. Was machen sie falsch? Wie können wir in rechter Weise Fasten?
Mit dem Wort Fasten verbinden wir zunächst den materiellen Verzicht. Viele nehmen sich vor, in der Fastenzeit auf gutes Essen, Naschereien, Alkohol und dergleichen zu verzichten. Das ist gut so, denn wir brauchen für das Fasten einen äußeren Rahmen, wenn es etwas Besonderes sein soll. Dazu ist die Zeiteinteilung der Kirche und der persönliche Vorsatz wichtig. Dass dies allein aber noch nicht genügt, ist meines Erachtens die Aussage des Propheten Jesaja. Es genügt nicht, ein rein äußerliches Fastenpensum zu erfüllen um zu meinen, man sei ein besonders frommer Mensch.
Fasten ist mehr. Der äußere Verzicht soll mich auch im Inneren öffnen. Er soll mich offen machen für meine Mitmenschen, er soll mich offen machen für Gott. Die Offenheit zu den Mitmenschen zeigt sich im Teilen und im aufeinander Zugehen.
Jesaja sagt: Das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen in dein Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen.
Das ist eine lange Liste. Was kann ich davon tun? Damals waren doch ganz andere Verhältnisse. Da hatte man selbst vielleicht einen Sklaven, den man freilassen konnte, da kam ab und zu mal ein Vagabund vorbei, dem man etwas geben konnte. Aber heute... Wir haben die Fürsorge an verschiedene Institutionen delegiert. Der Staat hat für das Wohlergehen seiner Bürger zu sorgen. Ich spende ab und zu etwas und zahle meine Steuern. Es ist doch alles geregelt. Also, was soll ich heute mit dieser Liste.
Sicher ist die Hilfe durch Spenden sehr wichtig und gehört zum Fasten. Aber doch können wir uns mit Spenden nicht loskaufen von der eigentlichen Verantwortung, in der wir stehen.
Fasten ist mehr. Das Teilen mit den anderen kann auch vor meiner Haustüre geschehen, indem ich einem Menschen, den ich in Not sehe, etwas abgebe. Dann kommt es im Teilen auch zu einer persönlichen Begegnung und darin kann ich schon etwas erfahren von dem, was Fasten wirklich ist. Fasten bedeutet, dass ich mein Herz öffne für die Menschen um mich herum. Was kann ich mit ihnen teilen? Nicht nur Materielles, auch Zeit und vor allem Freundlichkeit. Es gibt sicher in meinem Umfeld Menschen, denen gegenüber ich eine gewisse Abneigung habe, seien es mir nahestehende Menschen, mit denen ich im Streit bin, seien es mir fernstehende, die sich über ein gutes Wort von mir freuen würden, das ich ihnen aber nie sage.
Fasten ist mehr. Äußeren Verzicht können wir aufrechnen, Spenden können wir zählen, was aber geschieht, wenn wir auf einen anderen Menschen zugehen, das ist nicht vorhersehbar. Wir könnten Ablehnung erfahren. Was denkt der andere? Will er das überhaupt? Ich bin doch nicht schuld, dass er sonst niemand hat. Es gibt so vieles, was eine wirkliche Begegnung schwer erscheinen läßt. Aber doch sollten wir es einmal versuchen. Vielleicht gelingt die Begegnung und wir machen die Erfahrung, dass die Verheißung des Jesaja sich wirklich erfüllt, dass dann unser Licht hervorbricht wie die Morgenröte. Das Licht, das wir anderen bringen, strahlt auch auf uns zurück.
Fasten ist mehr. Wenn wir mit einer solchen Haltung unseren Mitmenschen begegnen, dann werden wir auch offen für eine ganz neue Begegnung mit Gott. Die Begegnung mit Gott spielt sich nicht nur im stillen Kämmerlein ab, sondern auch auf der Straße. Unser Gebet soll nach außen hin Früchte tragen und diese Früchte werden dann auch wieder Nahrung sein für unser Gebet. Fasten ist ohne Gebet nicht möglich, Fasten hat in Gott seinen Ursprung und sein Ziel. Die Begegnung mit Gott ist das Ziel unseres Lebens.
Johannes Chrysostomus sagt: Das Fasten ist die Speise der Seele. Wie die körperliche Speise stärkt, so macht das Fasten die Seele kräftiger und verschafft ihr bewegliche Flügel, hebt sie empor und läßt sie über himmlische Dinge nachdenken.
Der Prophet Jesaja verheißt, dass Gott den Menschen nahe ist, die so fasten, wie er es liebt. Er sagt: Wenn du dann rufst, wird der Herr dir Antwort geben, er wird sagen: Hier bin ich.
Ich wünsche Ihnen allen, dass sie diese Nähe Gottes in Ihrem Leben erfahren dürfen.
Hos 11 - Liebe fesselt
Der Prophet Hosea hat im 8. Jhd. v. Chr. gelebt. Will man seine Botschaft in wenigen Worten zusammenfassen, so kann man sagen, daß in ihr der Schmerz zum Ausdruck kommt, der dadurch entsteht, daß das Volk (hier unter der Bezeichnung Efraim für das Nordreich Israel), das von Gott auserwählt und geliebt ist, sich von Gott abwendet und nichtigen Götzen dient. Dies schildert die Lesung vom Donnerstag:
Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb, ich rief meinen Sohn aus Ägypten. Je mehr ich sie rief, desto mehr liefen sie von mir weg. Sie opferten den Baalen und brachten den Götterbildern Rauchopfer dar. Ich war es, der Efraim gehen lehrte, ich nahm ihn auf meine Arme. Sie aber haben nicht erkannt, daß ich sie heilen wollte. Mit menschlichen Fesseln zog ich sie an mich, mit den Ketten der Liebe. Ich war für sie da wie die Eltern, die den Säugling an ihre Wangen heben. Ich neigte mich ihm zu und gab ihm zu essen.
Wie könnte ich dich preisgeben, Efraim, wie dich aufgeben, Israel? Mein Herz wendet sich gegen mich, mein Mitleid lodert auf. Ich will meinen glühenden Zorn nicht vollstrecken und Efraim nicht noch einmal vernichten. Denn ich bin Gott, nicht ein Mensch, der Heilige in deiner Mitte. Darum komme ich nicht in der Hitze des Zorns. (Hos 11,1-4.8a.c-9)
Liebe fesselt. Diese Erfahrung hat wohl jeder gemacht, der schon einmal verliebt gewesen ist. Wenn ich einen Menschen liebe, drängt es mich danach, in seiner Nähe zu sein, ich möchte ihn näher kennenlernen. Doch das läßt sich nicht erzwingen. Liebe ist immer ein Geschenk, das sich Menschen einander in Freiheit schenken. Wenn die Zuneigung beiderseitig ist, kann es zu einer Freundschaft kommen, oder zu einer Ehe und Familie. Dann entsteht eine gewisse Art von Verbindlichkeit. Das zeigt auch unser Sprachgebrauch. Wir sprechen vom Band der Freundschaft, vom Bund der Ehe, von Familienbanden. In einer Freundschaft muß man einander vertrauen können. In der Ehe entsteht eine Verbindung, die Heimat gibt, Raum schafft für Kinder und im besten Fall die verschiedenen Generationen umschließt.
Dennoch hat man nie die endgültige Sicherheit, daß eine Freundschaft oder Beziehung Bestand hat. Wahre Liebe kann und will nie den anderen an sich fesseln. Es ist immer der liebende Mensch, der an den Geliebten gefesselt ist, im Vertrauen auf die Erwiderung seiner Liebe. Gerade dies macht die Liebe so verletzlich, sie kann enttäuscht werden. Das ist eine schmerzliche Erfahrung, die sicher viele von uns schon einmal gemacht haben. Von einer solchen enttäuschten Liebe – der enttäuschten Liebe Gottes zu seinem Volk - hören wir in der heutigen Lesung.
Gott ist mit seinem Volk einen Bund eingegangen. Seine Liebe wird verglichen mit der Liebe der Eltern zu ihren Kindern. Wie Gott damals sein Volk geliebt hat, so liebt er auch uns heute, liebt er jeden einzelnen von uns. Wie damals gibt Gott auch heute uns zu Essen, er hebt uns an die Wangen, wie die Eltern den Säugling, er hat uns großgezogen und uns gehen gelehrt. Doch wie damals das Volk sich von Gott abgewandt und anderen Göttern geopfert hat, so wenden sich auch heute Menschen von Gott ab. Jeder von uns kennt die heimlichen Götzen, denen er dient und die ihn versklaven. Ich weiß, daß ich oft nicht so lebe, wie Gott es von mir möchte.
Wie reagiert Gott, wenn seine Liebe enttäuscht wird? Wenn unsere Liebe enttäuscht wird reagieren wir Menschen oft mit Wut, Zorn, Resignation. Viele sagen: ich kann nicht vergessen, was diese Person mir angetan hat. Ist Gott wie wir? Wir hören doch in der Heiligen Schrift vom Zorn Gottes. Wird er das abtrünnige Volk dem Verderben preisgeben?
Liebe fesselt. Gott sagt: „Ich will meinen glühenden Zorn nicht vollstrecken. Mein Herz wendet sich gegen mich, mein Mitleid lodert auf. Ich bin Gott, nicht ein Mensch, der Heilige in deiner Mitte.“ Gott, der seinem Wesen nach Liebe ist, kann nichts anderes als Lieben. Sein Zorn dauert nur einen Augenblick, doch seine Güte ein Leben lang, wie es in einem Psalm heißt. Wenn die Bande menschlicher Liebe auch schmerzlich zerbrechen können, Gottes Liebe ist unvergänglich. Wir dürfen darauf vertrauen, daß Gott uns seine Liebe niemals entzieht. Gottes Liebe ist immer größer, als wir Menschen sie uns denken können.
Gott liebt jeden von uns schon vor allem Anbeginn. Gott kann nicht anders, als uns lieben. Gott möchte jeden von uns mit seiner Liebe überschütten. Was hindert ihn daran? Es ist allein unsere Freiheit, mit der wir bewußt oder unbewußt uns dieser Liebe Gottes verschließen. Oft ist es auch unser Stolz, der zwischen uns und Gott steht. Wir meinen, wir müßten uns die Liebe Gottes erkaufen, indem wir ihm unsere Werke als Leistung anbieten. Doch die Liebe Gottes kann sich kein Mensch erkaufen. Sie ist so groß, daß wir sie mit keinem Preis bezahlen könnten. Gott will sie uns unverdient schenken. Gott hat seinen Bund mit uns nicht geschlossen, weil wir perfekte Menschen sind, sondern weil er uns liebt. Was er will ist einfach unser Ja zu ihm, daß wir ihn als Gott anerkennen, daß wir ihn lieben und uns mit seiner Hilfe immer wieder dafür entscheiden, seinen Willen zu tun.
Herr, öffne unsere Herzen für Deine Liebe. Schenke uns Deine Liebe. Laß uns dich lieben. Und hilf uns deine Liebe weiterzuschenken an unsere Mitmenschen