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Texte zur Österlichen Bußzeit

Vater, hilf mir in dieser Fastenzeit,

mich mit neuer Entschiedenheit dir zuzuwenden

und mich abzuwenden von allem, was mich von dir trennt.

Die Texte zum Lesejahr B sind bereits im neuen Format und Sie gelangen zu ihnen über einen der folgenden Links. Weitere Texte zur Fastenzeit finden Sie darunter auf dieser Seite.  

Übersicht Fastenzeit 

Meditation zur Fastenzeit (1)

Meditation zur Fastenzeit (2)

Aschermittwoch

Erster Fastensonntag B

Zweiter Fastensonntag B

Dritter Fastensonntag B

Vierter Fastensonntag B

Fünfter Fastensonntag B

Palmsonntag

Karwoche

Wer sich hingibt, der empfängt

In einem Gebet (GL 29,6) heißt es: „Wer sich hingibt, der empfängt; wer sich selbst vergißt, der findet.“ In der Lesung aus dem Buch Genesis verlangt Gott von Abraham etwas scheinbar ganz Unmögliches: er soll Isaak, seinen einzigen Sohn, opfern. Menschenopfer, im Alten Orient praktiziert, waren in Israel ungebräuchlich. Der Gott Israels will keine Menschenopfer, er ist ein Gott des Lebens und der Liebe. Dennoch soll Abraham ihm seinen Sohn darbringen. Ich denke, es geht hier mehr als um das Thema Menschenopfer. Abraham hat sich sehr lange nach einem Sohn gesehnt. Erst als es schon aussichtslos erschien und er und seine Frau Sara nach natürlichen Maßstäben zu alt waren, um Kinder zu bekommen, hat Gott ihm noch einen Sohn geschenkt. Dieser war sein ein und alles, der Stammhalter, die Hoffnung auf die Erfüllung der Verheißung Gottes, daß seine Nachkommen zahlreich sein werden wie der Sand am Meer und die Sterne am Himmel. Und diesen Sohn soll er nun aufgeben? Abrahams Glaube ist größer als diese Zweifel. Er ist bereit, Gott alles zu schenken, selbst seinen geliebten Sohn, das Wertvollste, was er hat. Er ist davon überzeugt, daß Gott, wenn er eine Verheißung gibt, auch die Macht hat, sie zu erfüllen. So befolgt Abraham im Vertrauen auf Gott den ihm unverständlich erscheinenden Befehl und bekommt seinen Sohn von Gott neu geschenkt.

Im Römerbrief heißt es: „Wie sollte Gott uns in Christus nicht alles schenken.“ Fasten heißt auch, auf dieses Beschenktsein von Gott neu aufmerksam gemacht zu werden. Wir sind immer in Gefahr, an Vielem, das uns angenehm erscheint, festhalten zu wollen. Doch wirklich glücklich können wir nur sein, wenn wir bereit sind, loszulassen. Blicken wir auf die Dinge, die uns kostbar sind: wären wir bereit, sie für Gott aufzugeben? Wie groß ist unser Vertrauen darauf, daß Gott uns dann noch viel mehr schenken kann?

Im Epheserbrief (Eph 2,4-10) schreibt Paulus: Gott hat uns in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht. Aus Gnade seid ihr gerettet.

Wir dürfen uns als von Gott Erlöste und Beschenkte wissen und sollen auch so leben. Erhellt von Gottes Licht soll unser Leben ein Widerschein dieses Lichtes in unserer oft so finsteren Welt sein. Durch das Tun der Wahrheit, durch Werke der Liebe, machen wir Christus in der Welt sichtbar. Jeder Christ ist zu dieser Liebe berufen und zur Verkündigung Christi, der allein der Grund ist, auf dem wir unser Leben aufbauen können.

Sind wir uns dessen bewußt? Glauben wir, dass unser Leben dadurch einen Sinn bekommen hat und wir zum Heil gelangen können, weil wir von Christus erlöst sind? Sind wir uns der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen überhaupt noch bewusst? Ist der Mensch nicht aus eigener Kraft durch den Gebrauch der Vernunft fähig, sich selbst zu erretten und eine bessere Welt aufzubauen?

Nach christlicher Lehre hat zwar Gott die Welt und den Menschen ansich gut erschaffen und hat dem Menschen die Vernunft und den freien Willen gegeben um sich immer wieder neu für das Gute zu entscheiden. Der freie Wille beinhaltet aber auch die Möglichkeit, genau das Gegenteil davon zu tun und wir sehen selbst, daß zu allen Zeiten Menschen gesündigt haben und sich gegen Gott entschieden haben. Menschen fügen einander Leid zu, aus Bosheit, Macht- und Profitgier ... wir zerstören Gottes gute Schöpfung indem wir ausbeuten, was uns zu Nutzen und Bewahrung anvertraut wurde.

Trotz allem bleibt Gottes Liebe zum Menschen und zur Schöpfung bestehen. Aber es ist dem Menschen nicht aus eigener Kraft möglich, sich aus diesem Geflecht der Sünde zu befreien. Darum hat Gott seinen geliebten Sohn in die Welt gesandt. Durch sein einmaliges Kreuzesopfer, durch seinen Tod und seine Auferstehung hat Gott allen Menschen Rettung und Heil angeboten. Es liegt an uns, mit Gottes Hilfe dieses Angebot anzunehmen in der Taufe. Diese reinigt uns von aller Sünde und macht uns zu neuen Menschen, zu Kindern und Freunden Gottes, unverdient, von Gott geschenkt. Sie entreißt uns der Finsternis und macht uns zu Kindern des Lichtes (als Symbol dafür dient die Taufkerze). Als solche müssen wir uns im Alltag bewähren.

Es liegt an uns, mit Gottes Hilfe das empfangene Licht dorthin zu tragen, wo noch Finsternis herrscht. Vergessen wir nie: Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Der Glaube an diese Liebe Gottes und die Hoffnung auf das ewige Leben bei Gott sind es, die unser Leben tragen, auch in schweren Stunden.

Ein Gebet von Max Josef Metzger, in der Todeszelle verfaßt, kann uns helfen, das Geheimnis der Erlösung näher zu betrachten: 

V: Im Übermaß Deiner Liebe zu uns Menschen ließest Du Deinen Sohn sterben am Kreuz, um uns für das ewige Leben zu retten. H: Herr! Wir danken für Deine Liebe und Barmherzigkeit.

V: Im siebenfachen Strom fließt uns Deine Gnade zu Kraft des Kreuzesopfers, das täglich neue Gegenwart wird auf den Altären.  A: Herr! Wir glauben an Deine Güte und Barmherzigkeit. 

Die Zehn Gebote (Ex 20,1-17)

Hier finden Sie eine weitere Auslegung zu den Zehn Geboten.   

Die Zehn Gebote bilden bis heute die Grundlage für ein Leben nach dem Willen Gottes. Im Buch Exodus (Kapitel 19 und 20) erfahren wir, wie Gott dem Mose die Tafeln mit den Zehn Geboten übergeben hat. Neben Ex 20,1-17 sind die Zehn Gebote auch im Buch Deuteronomium 5,6-22 überliefert.

Die ersten drei Gebote bestimmen die Beziehung des Menschen zu Gott, die weiteren sieben Gebote regeln das Miteinander der Menschen. Vielleicht hat Jesus diese Zweiteilung im Blick, wenn er das ganze Gesetz zusammenfaßt in dem Hauptgebot der Liebe (Mk 12,30f):

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.

An einer anderen Stelle heißt es, dass die Liebe die Erfüllung des Gesetzes ist (Röm 13,10). Daher darf man die Zehn Gebote nicht als Regeln sehen, die uns einschränken, sondern als eine Wegweisung, die uns hinführt zu immer größerer Liebe und zu einem Mehr an Leben. Die Tage der Fastenzeit können ein Ansporn sein, wieder neu zu überlegen, wie ich die Zehn Gebote in meinem Leben umsetzen kann.

Vater, gib mir den Mut und die Demut, wahrhaftig deinen Willen zu suchen, indem ich dich und den Nächsten liebe.

Die Zehn Gebote nach der katholischen Zählung:

1. Ich bin der Herr, Dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.
2. Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren.
3. Gedenke, dass du den Sabbat heiligst.
4. Du sollst Vater und Mutter ehren.
5. Du sollst nicht morden.
6. Du sollst nicht die Ehe brechen.
7. Du sollst nicht stehlen.
8. Du sollst kein falsches Zeugnis geben über deinen Nächsten.
9. Du sollst nicht die Frau deines Nächsten begehren.
10. Du sollst nicht das Hab und Gut deines Nächsten begehren.

Viele Menschen sagen heute, dass es doch vor allem darauf ankommt, ein guter Mensch zu sein und das zeige sich doch daran, wie wir uns anderen gegenüber verhalten. Auch die Zehn Gebote regeln das Miteinander von Menschen, aber erst im zweiten Teil. ´

Die Eltern zu ehren ist eines der wichtigsten Gebote. Die Familie war und ist die Keimzelle unserer Gesellschaft. Wie können die Kinder in rechter Weise ihre Eltern ehren? Wie steht es in der Zeit von Renten- und Sozialversicherung um die Sorge um unsere alten Menschen?

Morden, Stehlen, Falschaussage gelten auch nach heutigem Recht als strafwürdige Delikte. Doch fängt nicht das Fehlverhalten schon viel früher an? Wenn wir anderen nicht verzeihen können, töten wir die Beziehung zu ihnen in unserem Herzen. Profitgier nimmt anderen das weg, was ihnen eigentlich zustehen würde. Schon ein scheinbar harmloser Spott kann das Ansehen eines Menschen schädigen.

Wie steht es um den Ehebruch? Dem Begehren nach der Frau eines anderen? An welchem Tag liefert uns das Fernsehen keine Bilder davon, dass so etwas heutzutage eigentlich „ganz normal“ ist? Wie beeinflußt das unser Denken?

Wie steht es heute um das Begehren nach dem Hab und Gut anderer Menschen? Dreht sich nicht alles um das Geld? Statussymbole sind wichtig, die Menschen wollen zeigen, was sie haben. Wer nicht mitmacht, wird schnell zum Außenseiter. Fragen wir uns auch einmal, um welchen Preis viele Billigprodukte in unseren Läden produziert werden und wo wir auf Kosten der Armen leben, auch wenn sie weit weg sind.

Viele Menschen bejahen auch heute den Wert dieser Gebote für ein gutes Miteinander der Menschen. Wie aber sieht es mit dem ersten Teil der Zehn Gebote aus, die fordern, Gott an erste Stelle zu setzen? Warum verlangt Gott so eifersüchtig danach, dass das Volk neben ihm keine anderen Götter haben soll, sich kein Gottesbild machen darf und den Namen Gottes ehren soll?

Gott will, dass wir ihm allein vertrauen und uns nicht an Mächte binden, die uns von ihm trennen. Gott will das Gute für die Menschen. Gott hat etwas für sein Volk getan. Er hat es aus der Sklaverei in Ägypten befreit, das ist das entscheidende Ereignis in der Geschichte Israels. Für uns können wir heute sagen, dass Gott uns durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes das Leben neu gebracht hat.

Gott will, dass es uns gut geht. Gott weiß, dass die Götzen der anderen Völker seinem Volk nur schaden. Das Volk Israel war von Völkern umgeben, die scheinbar mächtige Götter hatten. Doch diese können keine Rettung bringen, weil sie nur von Menschenhand gemachte Götterbilder sind. Durch die Hinwendung zu den fremden Göttern ist das Volk Israel oft in die Abhängigkeit anderer Völker geraten.

Nur in der Gotteskindschaft bleibt der Mensch frei. Dies zeigt sich auch an dem „freien Tag“ zu Ehren Gottes. Das Leben des Menschen ist nicht allein dazu da, dass er durch Arbeit etwas produziert oder unbegrenzt konsumieren kann. Der Mensch ist in erster Linie dazu da, um Gott zu ehren. Es soll einen Tag geben, an dem der Mensch ganz frei ist, um dies zu tun.

Auch heute gibt es Menschen, die sich in Gottesbilder begeben, die abhängig machen, die Ideologien folgen und gefangen sind von Süchten. Woran hänge ich mein Herz?

Herr, wende uns ab von den falschen Göttern, die wir lieben und anbeten, damit wir dich, den einen wahren Gott anbeten und lieben, dich, in dem die Sehnsucht unseres Herzens Erfüllung findet.

Lesejahr A

Aschermittwoch

Wie schön wäre es, wenn die Liebe zu Gott in unserem Leben den Vorrang hätte und die Liebe zum Nächsten hervorbrächte. Aber wir merken, wie oft wir hinter diesem Wunsch zurückbleiben. Daher brauchen wir Zeiten, in denen wir zur Besinnung kommen und unser Leben wieder neu auf das Wesentliche hin ausrichten. Die Fastenzeit vor Ostern ist eine solche uns geschenkte Zeit.

Wir nehmen uns vor, auf etwas zu verzichten, woran wir vielleicht zu sehr hängen, um eine neue Freiheit zu gewinnen. Wichtig ist aber auch, dass wir unser Augenmerk nicht allein auf die Abkehr von den Dingen richten, sondern vielmehr darauf, dass wir uns zu Gott hinkehren. Bitten wir Gott um diese neue Ausrichtung unseres Lebens auf ihn hin.

Herr, gib uns die Zeit, die wir brauchen,
um umzukehren zu dir
und unser Leben
neu an deinem Wort auszurichten.
Amen.

1. Fastensonntag – Paradiesische Zustände

Am ersten Fastensonntag hören wir als Evangelium die Versuchung Jesu (Mt 4,1-11). Jesus wird zu Beginn seines öffentlichen Wirkens vor die Wahl gestellt, ob er ein sensationeller Wunderprediger sein will, dem die Menschen in Scharen nachlaufen, dem es aber letztlich nur um sich selbst geht, oder ob er sich zum Diener Gottes und der Menschen machen möchte, der dem Willen Gottes gehorsam ist bis in den Tod.

Versuchung könnten wir als das bezeichnen, was uns davon abbringen will, das zu tun, was Gott von uns möchte, aber auch – weniger religiös – uns unserer Verantwortung, die das Leben an uns stellt, zu stellen. In der Lesung aus dem Alten Testament hören wir vom Sündenfall im Paradies (Gen 2,7-9; 3,1-7). Zuvor heißt es in der Bibel, dass Gott die Welt sehr gut gemacht hat – für den Menschen. Der Mensch aber zweifelt daran, dass es Gott wirklich gut mit ihm meint. Die Versuchung verspricht eine angeblich schönere Welt, erweist sich dann aber als ein Weg ins Verderben.

Adam lehnt die Verantwortung für das, was er getan hat, hab. Die Frau habe ihn dazu verführt. Die Frau wiederum verweist auf die Schlange. Wir können ja nichts dafür … Gott weiß, welche Fähigkeiten er den Menschen gegeben hat. Der Mensch kann der Versuchung widerstehen. Er muss die Verantwortung für sein Tun übernehmen.

Wir träumen sicher alle manchmal von einer Welt, in der alles gut ist, in der wir uns nicht zu plagen brauchen, in der jeder genug hat, in der wir sicher und geborgen sind, akzeptiert und angenommen und uns frei entfalten können. Manche meinen, eine solche Welt würde dann entstehen, wenn der Mensch sich befreit von vermeintlichen Zwängen, die ihm andere aufzuerlegen scheinen, das Umfeld, die Gesellschaft oder auch die Kirche.

Die Bibel bietet uns eine andere Lösung an. Freiheit entsteht nicht durch absolute Entgrenzung, sondern – scheinbar paradox – durch Bindung, durch die Bindung an Gott und sein Gebot, das nicht einengender Zwang, sondern Weisung zum Leben ist. Freiheit entsteht dort, wo Menschen bereit sind, verantwortlich zu leben.

Paradiesische Zustände – die Katastrophe in Japan führt uns wieder deutlich vor Augen, wie verletzlich Sicherheit und Wohlstand sind, die wir in den Staaten der „Ersten Welt“ genießen. Auch heute noch ist der Mensch nahezu machtlos den Gewalten der Natur ausgeliefert.

Es ist ein primitiver Trugschluss, wenn man Naturkatastrophen als Strafe Gottes sieht. Aber doch können sie uns aufrütteln, bewusster zu leben und verantwortungsvoller zu sein im Umgang mit der Natur, aber auch mit uns selbst und den Menschen um uns herum. Auch wenn tausende von Menschen umkommen und wir durch die Zahlen die Einzelschicksale vergessen, Gott kennt jeden Menschen und jeder Mensch ist kostbar in Gottes Augen.

Oft können wir nicht helfen, nur spenden und beten. Aber doch können wir uns jeden Tag entscheiden, bewusster zu leben und die Verantwortung, die das Leben an uns stellt, anzunehmen, um die Welt um uns herum etwas schöner sein zu lassen.

Vater, lehre uns,
der Versuchung zur Sünde zu widerstehen
und dir und dem Nächsten zu dienen,
damit sich deine Pläne mit uns erfüllen.
Amen.

2. Fastensonntag – Abraham – Aufbruch, Verheißung, Glaube

Aufbruch – Verheißung – Glaube, so habe ich meine Gedanken zu Abraham überschrieben. Abraham ist eine faszinierende Gestalt, deren Tiefe wir nur nach und nach ausloten können.

Abraham ist der Stammvater von Juden, Muslimen und Christen. Die Juden berufen sich auf die Linie nach Isaak, die Muslime auf die Linie nach Ismael und die Christen sehen in Abraham den Vater aller Glaubenden.

Interessant ist die von der Bibel vorgelegte zeitliche Entwicklung, die natürlich nicht als eine historische Schilderung im heutigen Sinn gesehen werden darf. Sie zeigt uns Geschichte im Licht des Glaubens. Nach dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies breiten sich die Menschen auf der Erde aus, doch wegen ihrer Schlechtigkeit löscht Gott die Menschen durch die Sintflut. Mit Noah und seiner Familie, den einzigen Überlebenden, macht Gott einen Neuanfang.

Doch wieder erzürnen die Menschen Gott. Noch sind sie zusammen und wollen sich durch den Turmbau zu Babel ein Denkmal setzen. Doch Gott setzt diesem Hochmut der Menschen ein Ende und verwirrt ihre Sprache. Dadurch endet ihr gemeinsames Tun und die Menschen verstreuen sich über die ganze Erde.

Auch die Vorfahren Abrahams sind nach der Sprachverwirrung aufgebrochen. Schon sein Vater will ins gelobte Land ziehen, doch auf halbem Weg macht er halt und lässt sich in Haran nieder.

Hier greift Gott ein. Er ruft den Abraham, weiterzuziehen. Das Ziel liegt nicht auf halbem Weg. Gottes Wille geschieht nicht, wenn wir uns sesshaft einrichten und es uns bequem machen. Das gilt im übertragenen Sinn auch heute. Wo bleibe ich in meinem Leben auf halbem Weg vorm Ziel stehen? Wo ruft Gott mich, weiterzugehen? Vertraue ich seinem Wort?

Abraham (1) – Aufbruch (Gen 12)

Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. (Gen 12,1f)

Drei Aufträge und drei Verheißungen gibt Gott dem Abraham. Er wird zu einem großen Volk, sein Name wird groß sein und als ein von Gott Gesegneter wird er selbst zum Segen für andere.

Was er dafür verlassen soll, ist alles, was einem Menschen zu seiner Zeit Heimat und Sicherheit gab. Wer damals sein Heimatland verließ und in die Fremde zog, wurde zu einem recht- und schutzlosen Menschen. Sein Geschick lag nun sozusagen ganz in Gottes Hand.

Die weitläufige Verwandtschaft bot Schutz bei Übergriffen und Streitigkeiten, ohne sie konnte sich damals ein Mensch nicht gegen seine Gegner durchsetzen. Ebenso wichtig war die Bindung an das Vaterhaus. Aus diesem verstoßen zu sein, war das Schlimmste, das einem zustoßen konnte, es freiwillig zu verlassen eines der größten Risiken.

Doch Abraham vertraut darauf, dass Gottes Verheißungen stärker sind als menschliche Bindungen. Er will sich ganz an Gott halten, um das zu sein, was Gott von ihm will. Ein Segen sein für die ganze Welt, das kann kein Mensch von sich her, das kann nur geschehen, wenn ein Mensch sich ganz Gott schenkt und Gott durch sich wirken lässt.

Herr, hilf uns, dass wir uns nicht an falsche Sicherheiten klammern, hilf uns, das zu verlassen, was uns von dir trennt, und lass uns im Vertrauen auf dich unseren Weg mit dir gehen.

Abraham (2) – Verheißung (Genesis, Kapitel 15, 18 und 21)

Sieh doch zum Himmel hinauf und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst. – So zahlreich werden deine Nachkommen sein. (Gen 15,5)

Nachkommen so zahlreich wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meer, das ist die Verheißung Gottes an Abraham. Doch Abraham ist über 80 und seine Frau Sara nicht viel jünger als er. Da mögen ihnen diese Worte wie ein Hohn erscheinen. Aber Gott steht zu seinem Wort.

Als Abraham 99 ist, kommen drei geheimnisvolle Gestalten, die Abraham als seine Gäste aufnimmt und bewirtet. In diesen Männern erscheint Gott selbst dem Abraham und verheißt ihm die Geburt eines Sohnes. Sara belauscht das Gespräch in ihrem Zelt. Sie muss lachen: Unmöglich dass zwei so alte Leute noch Kinder bekommen können. Doch Sara wird schwanger und Abraham wird als hundertjähriger noch Vater.

Aus dem ungläubigen Lachen Saras ist ein Lachen der Freude geworden. Man spürt förmlich, wie die Last, die Sara durch ihre Kinderlosigkeit trug, von ihr abfällt, wenn sie sagt: „Gott ließ mich lachen, jeder der davon hört, wird mit mir lachen. Nun habe ich Abraham in meinem Alter noch einen Sohn geboren.“ (Gen 21,6f)

Herr, hilf dass auch wir nicht verzweifeln und lass nach dunklen Stunden das Licht deiner Freude leuchten.

Abraham (3) – Glaube

Abraham glaubte Gott und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet. (Gen 15,6)

Paulus bezeichnet in seinen Briefen mehrmals Abraham als Vater des Glaubens. Der Glaube als das feste Vertrauen auf Gott durchzieht die ganze Abrahamsgeschichte. Abraham zeigt sein Vertrauen auf Gott, als er auf sein Wort hin aufbricht, um ins Heilige Land zu ziehen. Er vertraut darauf, dass Gott ihm einen Sohn schenken wird, auch als er in hohem Alter noch kinderlos ist. Gott steht zu seinen Verheißungen.

Doch Abrahams Glaube wird auch auf eine harte Probe gestellt. Als sein Sohn endlich geboren war und gesund heranwuchs, verlangte Gott, dass er ihn als Opfer darbringt (Gen 22). Eine sehr makabre Geschichte, wie Vater und Sohn auf den Berg steigen und Abraham seinen Sohn Isaak als Opfer auf das Brennholz legt. Im letzten Moment greift Gott ein und verhindert ein Unglück. Gott will keine Menschenopfer.

Unverständlich bleibt, warum Gott Menschen so sehr auf die Probe stellt. Auch heute geschehen viele Dinge, bei denen wir uns fragen: wie kann Gott das zulassen. Gerade auch fromme Menschen werden oft von harten Schicksalsschlägen getroffen.

Abraham geht in seiner Beziehung zu Gott gestärkt aus dieser Situation hervor und Gott bekräftigt seine Segensverheißung an ihn. Abraham hat verstanden, dass seine Nachkommen nicht die Frucht seiner Manneskraft sind, sondern ganz allein Gottes Geschenk.

Gott, hilf uns, den Sinn deiner Wege mit uns zu verstehen, auch wenn er uns dunkel erscheint, und lass uns dir gläubig folgen.

3. Fastensonntag – Mose

In der Lesung aus dem Buch Exodus (Ex 17,3-7) hören wir von Mose. Er ist eine der bedeutendsten Gestalten des Alten Testamentes. In Mose zentriert sich die Identifikation des Volkes Israel. Er gilt als der Mittler des Alten Bundes, der dem Volk die Gebote Gottes überbracht hat.

Seine Berufung erfuhr er am Horeb, als Gott aus dem brennenden Dornbusch zu ihm sprach. Ihn hat Gott zum Pharao gesandt, um die Erlaubnis zum Aufbruch des Gottesvolkes aus Ägypten zu bewirken. Nach ergebnislosen Verhandlungen brechen die Israeliten nach der Feier des ersten Paschafestes auf. Gott führt sie durch das Rote Meer und vernichtet die Streitmacht des Pharao, die ihnen nachjagt. Der Auszug aus Ägypten wird zum bedeutendsten Ereignis der Geschichte Israels.

Vierzig Jahre führt Mose das Volk durch die Wüste, durch alle Bedrängnisse hindurch. Oft murrt das Volk über die Strapazen und immer wieder drohen die Menschen, vom Glauben an den Gott, der sie aus Ägypten befreit hat, abzufallen. Immer wieder murren sie gegen Mose: „Warum hast du uns überhaupt aus Ägypten hierher geführt? Um uns, unsere Söhne und unser Vieh verdursten zu lassen?“ Immer wieder stellen sie Gott auf die Probe und fragen: „Ist der Herr in unserer Mitte oder nicht?“

Doch immer wieder wirkt Gott durch Mose ein rettendes Wunder. Gott bleibt seinem Namen treu, den er dem Mose aus dem brennenden Dornbusch verkündet hat. Immer wieder erweist er sich als der Gott, der da ist für sein Volk.

4. Fastensonntag – Samuel und David

Mit Samuel begegnen wir nach Abraham und Mose einer weiteren großen Gestalt des Alten Textaments. Schon als Kind wird Samuel von seiner Mutter, die lange kinderlos war, in den Tempel gebracht. Dort verrichtet er unter Aufsicht des alten Priesters Eli den Dienst im Tempel.

Eines Nachts wird Samuel geweckt von einer Stimme, die ihn ruft. Er meint, es sei Eli, und läuft zu ihm. Doch Eli hat Samuel nicht gerufen. Dreimal wiederholt sich dies. Dann erst merkt Eli, dass es Gott ist, der Samuel ruft. Er sagt zu ihm: „Wenn er dich wieder ruft, dann antworte: Rede, Herr, denn dein Diener hört.“ So geschieht es und der Herr offenbart sich dem Samuel. (1 Samuel Kapitel 3)

Samuel wird zum Propheten für das Volk. Er ist es, der im Auftrag Gottes die beiden ersten Könige Israels, Saul und David, auswählt und salbt. Weil David auf Gott gehört hat, kann Gott durch ihn zum ganzen Volk sprechen.

Die Berufung des Samuel ist für uns eine Geschichte vom Beginn des Gebets: Gott ruft den Jungen Samuel. Der fühlt sich erst gar nicht angesprochen, weiß nicht, wer da redet und kann sich nicht vorstellen, dass Gott so etwas tut. Der Meister Eli hilft ihm zu verstehen: „Samuel - du bist wichtiger als du denkst. Gott meint dich, nicht mich, den Meister. Hör hin - glaube nur, dass Gott es ist. Gott findet dich so liebenswert, dass er ein Gespräch mit Dir beginnt.“

Auch uns findet Gott liebenswert und will mit uns ein Gespräch beginnen. Menschliche Beziehungen können entstehen, wenn wir offen sind für das, was um uns herum geschieht, wenn wir hören und wahrnehmen und uns nicht verschließen, wenn wir in aller Bescheidenheit annehmen, dass wir tatsächlich liebenswert sind.

Auch das Gebet entsteht, wenn wir uns als von Gott geliebt erfahren und auf das achten, was er tut. Gott lässt die Sonne aufgehen - mir zuliebe. Gott zeigt mir seine Liebe, indem mir jemand zulächelt. Ich brauche nur die Augen aufzumachen, um seine Liebesbezeugungen entdecken.

Gebet heißt auch Sehnsucht. Nicht erst der Akt des Glaubens, sondern bereits der Entschluss zu suchen, die Sehnsucht nach Gott, bedeutet schon Glauben. Die Sehnsucht, über das rein Irdische hinaus zu gehen, die Sehnsucht nach mehr, ist schon Gebet. Gebet fängt früher an, als die Worte sich finden. Wer Gott suchen will, wer sich danach sehnt, ein anderes Leben zu führen, der betet - und Gott wird antworten.

Herr, hilf mir, die Sehnsucht nach Dir zu spüren. Wie der Psalmist will ich sprechen: „Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir. Nach dir schmachtet mein Leib, wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser.“ (Psalm 63,2) Mit dieser Sehnsucht will ich nach dir suchen und wie Samuel sage ich: „Rede Herr – dein Diener hört.“ Hilf mir, mich so in die Haltung des Gebetes einzuüben, still zu werden vor dir und zu lauschen auf deine Stimme. Amen.

David

David war nach Saul der zweite König von Israel. In der Tradition wurde er zum König Israels schlechthin. Sein Königtum war so bedeutend, dass er zum Vorbild für den Messias wurde. Der Messias, den das Volk erwartet hat, sollte sein wie David.

Sehr schön ist die Geschichte von der Erwählung Davids (1 Samuel 16). Der Prophet Samuel kommt in das Haus Isais, des Vaters Davids. Gott hat ihm aufgetragen, einen seiner acht Söhne zum König zu salben. Als Samuel den ältesten der Söhne erblickt, der groß und stark ist, meint er, in ihm den neuen König Israels vor sich zu haben. So war es damals bei der Erwählung Sauls zum König. Der war ein Mann, der alle an Größe und Stärke überragte.

Doch Gott belehrt Samuel eines Besseren. Gott sieht nicht auf das Äußere, er sieht auf das Herz. Sieben seiner Söhne, die Isai dem Samuel vorstellt, hat Gott nicht erwählt. Da bleibt nur noch der Jüngste, an den keiner gedacht hat, und den man erst von den Schafen holen muss. Er ist es, den Gott erwählt hat.

David ist kein Muskelprotz, aber er ist ein Mann mit Köpfchen, der es gerade deshalb auch mit dem stärksten Gegner aufnehmen kann, wie es die Geschichte von David und Goliath zeigt. Er ist von schöner Gestalt und besitzt musikalische Fähigkeiten. David kann wunderschöne Lieder singen. Die Tradition führt viele der Psalmen des Alten Testaments auf die Urheberschaft Davids zurück.

Anfangs muss sich David gegen den noch regierenden, aber von Gott verworfenen König Saul durchsetzen, mit dessen Sohn Jonathan ihn eine enge Freundschaft verbindet. Als er dann die Herrschaft fest im Griff hat, macht er sich daran, das Reich Israel zu erweitern. Nie war der Einflussbereich Israels so groß wie unter David und seinem Sohn Salomo.

Doch David war nicht immun gegen die Versuchungen der Macht. Neben seinen großen Taten erzählt die Bibel auch von seinen Fehlern. So hat er einen seiner Soldaten bewusst im Krieg in eine ausweglose Situation hineingestellt, um sich nach dessen Tod seine Frau für sich zu nehmen. Die Geschichte von David und Batseba erzählt von Liebe, Macht und Grausamkeit.

Immer wieder hat David gesündigt, doch immer wieder ist er umgekehrt, um Gott zu suchen. Er wusste, dass seine Herrschaft ohne den Segen Gottes keinen Bestand haben konnte. Demütig hat er immer wieder vor Gott seine Verfehlungen bekannt und Gott hat ihm stets vergeben, hat seine segnende Hand von ihm nicht zurückgezogen. All dieses Ringen mit Gott und seiner Barmherzigkeit kommt in vielen Psalmen zum Ausdruck.

Es ist die Hilfe Gottes, die David Stärke verleiht. „Herr, du bist meine Stärke, mein Erlöser und mein Heil, mein Fels und meine Festung, du bist mein Gott!“ Immer wieder hören wir diesen Lobpreis in den Psalmen. So betet David in Psalm 27:

Der Herr ist mein Licht und mein Heil! Vor wem sollte ich mich fürchten?
Der Herr ist die Kraft meines Lebens! Vor wem sollte mir bangen?
Mag ein Heer mich belagern, mein Herz wird nicht verzagen. Mag Krieg gegen mich toben, ich bleibe dennoch voll Zuversicht.
Hoffe auf den Herrn und sei stark! / Hab festen Mut und hoffe auf den Herrn!

5. Fastensonntag A - Lazarus, Freund Jesu (Joh 11,1-45)

Im Gegensatz zu den anderen Evangelien, die uns die Heilungswunder Jesu eher kurz und knapp berichten, baut Johannes diese zu langen Erzählungen aus, die er mit einen tiefen theologischen Inhalt füllt.

Ich möchte die Geschichte von der Erweckung des Lazarus unter die Überschrift „Freundschaft mit Jesus“ stellen. Lazarus und dessen beide Schwestern Martha und Maria werden ausdrücklich als Freunde Jesu bezeichnet. Freunde Jesu sind aber auch wir, wenn wir an Jesus glauben und tun, was er uns gesagt hat. Dieses Evangelium betrifft also ganz wesentlich jede und jeden von uns.

Lazarus ist krank, so krank, dass er bald sterben wird. Das Thema, um das es hier geht, ist also die Frage nach dem Leid, warum leiden, warum sterben müssen? Wo ist Gott in unseren Schmerzen und in den dunklen Tagen?

Martha und Maria schicken sofort Leute, um Jesus holen zu lassen. Doch Jesus macht sich nicht sofort auf den Weg, um seinem kranken Freund zu helfen. Jesus weiß sogar, dass dieser sterben wird und lässt das, man kann es nicht anders sagen, seelenruhig geschehen.

Diese Gelassenheit Jesu hat mich in diesem Evangelium am meisten beschäftigt. Alle anderen um ihn herum zeigen eine gewisse Aufregung. Die beiden Schwestern sind wegen des Kummers um die Krankheit und den Tod ihres Bruders ganz aufgelöst. Die Jünger sind besorgt, als sich Jesus dazu entscheidet, nach Judäa zurückzukehren. Sie wissen, dass man dort danach trachtet, ihn zu töten.

Jesus aber bleibt ruhig. Es ist die Ruhe eines Menschen, der darum weiß, dass in allem der Wille seines Vaters im Himmel geschieht und dass dieser Wille das Gute möchte. Er erkennt den tieferen Sinn hinter dem Leid, das wir oft nicht verstehen können. Das, was hier geschieht, dient der Verherrlichung Gottes.

Nach zwei Tagen macht sich Jesus endlich auf den Weg zu seinen Freunden, zu spät, um Lazarus noch zu retten – so sehen es dessen Schwestern. „Herr, wärst du hier gewesen ...“ Wie oft stellen wir selbst diese Frage. Herr, wo warst du in dem Moment, als das Unglück geschehen ist? Warum hast du nicht eingegriffen, um das zu verhindern? Wir verstehen Gottes Handeln nicht.

Herr, wo warst du? Diese Frage erinnert mich an die bekannte Geschichte von den Spuren im Sand. Jesus hat versprochen, mitzugehen, aber als sich der Mensch umblickt, kann er nur eine Spur erkennen. Wo warst du Herr? Und die Antwort des Herrn ist: Ich habe dich getragen.

Von Gott getragen, auch in schweren Zeiten, in Krankheit und Leid, wie schwer fällt es uns, das zu verstehen. Wie meinen vielmehr, von Gott verlassen, von ihm im Stich gelassen zu sein. Warum hilfst du nicht, Herr? Auch Martha und Maria glauben nun nicht mehr, dass Jesus etwas tun kann. Jesus fängt zwar mit Martha ein Gespräch über die Bedeutung des Glaubens an, doch wenn wir ihre Antwort lesen, scheint es, dass sie Jesus nicht verstanden hat. Aber doch hält sie weiter zu Jesus und kündigt ihm die Freundschaft nicht auf, auch wenn sie ihn nicht verstehen kann und ihm dieses Unverständnis ganz deutlich zeigt.

Doch dann geschieht das Unerhörte. Jesus, der bisher so gelassen gewirkt hat, ist auf einmal im Innersten erschüttert, beginnt zu weinen, als er vor dem Grab des Lazarus steht. Wir können nur ahnen, was in ihm vorgeht, wie er mit seinem Vater ringt im Gebet, wie er versucht, den Willen des Vaters zu verstehen. Und dann plötzlich ruft er den Toten aus dem Grab. Wir spüren förmlich die Kraft dieses Rufes, die aus der tiefen Überzeugung kommt, den Willen des Vaters zu erfüllen. Lazarus kommt aus dem Grab. Gott hat auf wunderbare Weise geholfen.

Ein Einzelfall, denken wir. Ein einmaliges Wunder. Wir sehen um uns herum und auch im eigenen Leben die vielen Fälle, wo Gott scheinbar nicht hilft, wo Menschen beten und doch an ihren Krankheiten sterben. Was sagt uns also diese Geschichte für uns in unserem Alltag?

Ich finde hier sehr wichtig, was Jesus zu Martha sagt. „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“ Das Leben, das Jesus verheißt, liegt nicht erst in der fernen Zukunft einer jenseitigen Welt. Jesus verheißt uns das Leben schon im hier und heute. Auferstehung ist nicht erst am Jüngsten Tag. Wenn wir an Jesus glauben, haben wir durch die Taufe schon jetzt Anteil an diesem neuen Leben.

Jesus ist der Garant für dieses neue Leben. In ihm ist das Leben und durch ihn haben wir Anteil daran. Um dies zu erwirken, hat Jesus mit seinem Tod bezahlt. Wenn wir im Evangelium weiter lesen, erkennen wir, dass die Auferweckung des Lazarus der Anlass dafür war, dass der Hohe Rat der Juden endgültig beschlossen hat, Jesus bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit aus dem Weg zu räumen.

Jesus ist selbst durch alles Leiden hindurch gegangen und hat einen qualvollen Tod erlitten. Nun gibt es kein Leid und keinen Schmerz mehr, der fern von Gott wäre. Auch wenn Gott auf dem ersten Blick nicht zu helfen scheint, dürfen wir doch sicher sein, dass er mit uns durch alle Situationen unseres Lebens geht, die guten und die schlimmen. Gott ist immer nahe, er ist immer ansprechbar, er verlässt uns nicht.

Versuchen wir, uns die Geduld Jesu zu eigen zu machen, die auf dem Vertrauen beruht, dass Gott immer das Gute will. Oft geben wir zu früh auf, und lassen so Gott nicht den Raum, uns zu helfen. Es kann sein, dass Gott von uns erwartet, manche schweren Situationen durchzustehen. Aber auch dann dürfen wir sicher sein: er ist da und in Gottes Plan gibt es einen Weg aus Leid und Not, nicht erst im Jenseits, sondern hier und jetzt.

Österliche Busszeit 2010 - Lesejahr C 

Herr und Gott, es ist schwer,
so wie ich bin, vor dir zu stehen,
ohne mich zu verstellen oder etwas vorzutäuschen.
Noch schwerer ist es, mich von dir führen zu lassen;
oft ziehe ich es vor, meine eigenen Wege zu gehen.
Hilf mir, besser auf dich zu hören,
damit ich dir in Wahrheit mein Herz übergebe
und nichts zurückbehalte.
Amen.

Mit dem Aschermittwoch beginnen die 40 Tage der Vorbereitung auf das Osterfest. Es soll eine Zeit der Umkehr und des Verzichtes sein, wir richten uns neu aus auf den Herrn Jesus Christus, der die Mitte unseres Lebens ist.

Zerreisst eure Herzen, nicht eure Kleider! (Joel 2,13)

In der Lesung am Aschermittwoch hören wir, wie der Prophet Joel das Volk zu einem Fasten aufruft. „Kehrt zu mir um von ganzem Herzen, mit Fasten, Weinen und Klagen. Zerreisst eure Herzen, nicht eure Kleider!“

Das Zerreissen der Kleider ist im jüdischen Kulturraum Zeichen für Trauer und Schmerz, es drückt die Trauer um des Verlust eines lieben Menschen aus, aber auch das Entsetzen über eine unheilvolle Situation.

Wenn die Propheten das Volk zu Fasten und Trauer aufrufen, so ist meist das Volk durch eigenes Verschulden in eine Unheilssituation geraten. Es hat die Gebote Gottes, ja Gott selbst, vergessen, und ist so in die Abhängigkeit fremder Götter und fremder Reiche geraten.

Gott will sein Volk aus falschen Abhängigkeiten befreien, dazu ist es aber notwendig, dass das Volk von sich aus den Schritt zur Umkehr hin zu Gott tut. Das Volk muss bereit sein, Buße zu tun. Die Menschen zerreissen ihre Kleider, streuen sich Asche aufs Haupt und Fasten und tun so ihre Bereitschaft zur Umkehr kund.

Der Prophet Joel warnt aber davor, dass die Umkehr bei den äußeren Zeichen stehen bleibt. Sie muss tiefer gehen, muss das Herz erreichen. Die äußeren Zeichen taugen nur dann etwas, wenn sie wirklich Ausdruck geben von einer inneren Gesinnung. Es ist unser Herz, das wir für Gott öffnen sollen. Wir müssen uns die Frage stellen: wie sieht es in unserem Herzen aus? Woran hängen wir „von ganzem Herzen?“

Wie können wir heute Fasten? Der richtige Weg ist wie immer ein gesundes Mittelmaß. Wir brauchen äußere Formen des Fastens. Sicher ist es bei uns nicht üblich, mit zerrissenen Kleidern und Asche auf dem Haupt durch die Strassen zu gehen. Wir müssen andere Formen des Fastens finden, Formen, die sich auch mit den Anforderungen unserer Gesellschaft und Arbeitswelt vereinbaren lassen. Es gilt einen Mittelweg zu finden, zwischen einem „zu wenig“ und einem „zu viel“. Wo kann ich verzichten, dass es ein wahrer Verzicht ist, der auch spürbar ist, aber mich doch auch nicht daran hindert, meinen alltäglichen Pflichten gerecht zu werden.

Sicher kann man erst einmal daran denken, seinen Konsum von Alkohol und Süssigkeiten einzuschränken. Doch man braucht nicht nur auf das Essen sehen. Es gibt heute so viele Dinge, die wir oft unnötig konsumieren. Die verschiedensten Medien liefern uns ständige Unterhaltungsmöglichkeiten. Kann ich vielleicht auf einen geliebten Fernsehfilm verzichten und statt dessen das Gespräch mit einem Menschen suchen – oder mir einmal Zeit nehmen, eine Bibelstelle zu betrachten?

Wenn wir so aufmerksam auf die Dinge unseres Alltags sehen, werden wir vielleicht so manche Anhängigkeiten entdecken, in die wir ganz unbemerkt geraten sind. Muß ich jeden Tag eine bestimmte Serie sehen? Muss ich mehrmals am Tag im Internet die neuesten Nachrichten abrufen? Brauche ich jeden Abend mein Glas Rotwein oder Bier?

Wenn wir am Aschermittwoch mit der österlichen Busszeit beginnen, so kann uns dies helfen, den Blick wieder frei zu bekommen für das Wesentliche, den Weg zu unserem Herzen freizuräumen, dass Gott zu uns kommen kann. Manchmal ist unser Herz vielleicht verschlossen wie mit einem Korken. Den gilt es zu ziehen, dass der wahre Lebenssaft fließen kann, der unser Leben frei und glücklich macht. Oft sind es auch Bosheiten und Groll, die unser Herz verschlossen halten. Wenn wir solche Steine in unsrem Herzen nicht aufbrechen lassen – denn letztlich ist es oft nicht in unserer Macht, diese Steine zu zerstören, sondern sie können nur brechen, wenn wir sie offen und ehrlich Gott hinhalten und ihn um Verzeihung und Heilung bitten – dann schaden wir uns selbst.

Seien wir ehrlich mit uns und versuchen wir in diesen Tagen, bewusst auf etwas zu verzichten, das uns vielleicht schon zur Gewohnheit geworden ist. Fasten soll keine Übung sein, um uns zu quälen, sondern Fasten soll uns hinführen zu einem Mehr an Freiheit. In Gott finden wir Freiheit. Wenn wir unsere Herzen von unnötigem Ballast befreien und uns öffnen für Gott, dann haben wir den Weg gefunden, den uns der Prophet Joel weist.

Getreuer Gott,
im Vertrauen auf dich beginnen wir
die vierzig Tage der Umkehr und Buße.
Gib uns die Kraft zu christlicher Zucht,
damit wir dem Bösen absagen
und mit Entschiedenheit das Gute tun.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.

1. Fastensonntag – Versuchung (Lk 4,1-13)

Heute hören wir im Evangelium von der Versuchung Jesu. Darüber schreibt Henri Nouwen:

Ich bin fest davon überzeugt, dass das Schlüsselerlebnis für das öffentliche Wirken Jesu die Taufe im Jordan war, bei der Jesus die Bestätigung hörte: „Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen ge-funden habe.“ Das ist die Kernerfahrung Jesu. Er wird auf eine ganz tiefe Weise daran erinnert, wer er ist.

Die Versuchungen in der Wüste sind darauf angelegt, ihn von dieser spirituellen Identität abzubringen. Er wurde versucht, zu glauben, er sei ein anderer: Du bist doch einer, der Steine in Brot verwandeln kann. Du bist doch einer, der von der Zinne des Tempels springen kann. Du bist doch einer, der andere seiner Macht unterwerfen kann. Aber Jesus sagt dreimal Nein, aus der festen Überzeugung: „Ich bin Gottes geliebter Sohn.“

Ich denke, dass sein ganzes Leben darin besteht, fortwährend diese Identität in Anspruch zu nehmen, bei allem, was auch immer geschieht. Es gibt Zeiten, in denen er gerühmt wird, und Zeiten, in denen er verachtet und abgelehnt wird, aber beharrlich sagt er immer: „Andere werden mich allein lassen, aber mein Vater wird das nie tun. Ich bin Gottes geliebter Sohn. Ich bin die leibhaftige Hoffnung, die in dieser Identität zu finden ist.“

Hunger

Als Jesus vierzig Tage in der Wüste gefastet hatte, hatte er Hunger (vgl. Lk 4,1f).

Vierzig Tage in der Wüste, ohne Nahrung, ohne einen Menschen zu sehen, das zehrt an den Kräften, ist unerträglich, mörderisch. Jesus hat es überstanden, doch dann hat er Hunger. Der nehezu übermenschlichen Anstrengung folgt ein ganz menschliches Bedürfnis.

Hunger – das ist mehr als das Verlangen nach Nahrung. Überlegen wir uns, wenn ich vierzig Tage alleine wäre, wonach wäre ich „hungrig“?

Klar, erst einmal verlangt der Körper nach Nahrung, doch auch die Seele ist hungrig. Ich sehne mich nach einem Menschen, der mir Nähe, Liebe und Geborgenheit schenkt. Ich verlange nach Menschen, die mich in ihre Gemeinschaft aufnehmen, bei denen ich Anerkennung und Bestätigung finde. Ich verlange nach Geselligkeit, danach, mich mit anderen zu unterhalten, Spaß zu haben ...

Wir sind auf andere Menschen angewiesen, das merken wir ganz besonders, wenn uns einmal die gewohnte Gemeinschaft fehlt, wenn wir ganz auf uns geworfen sind. Mache ich in solchen Situationen die Erfahrung, dass Gott mich nicht verlässt, dass er mich liebt und dass seine Liebe bleibt?

2. Fastensonntag – Verklärung (Lk 9,28-36)

Berge gelten seit jeher als Orte besonderer Gottesbegegnung, man denke nur daran, was Mose auf dem Berg Sinai und was Elija auf dem Berg Horeb erfahren hat. Auch Jesus ist oft auf einen Berg gestiegen, um zu beten. Meist tat er dies allein, nun nimmt er drei seiner Jünger mit. Diese werden Zeugen eines außergewöhnlichen Ereignisses.

Jesus, den sie bisher nur als besonderen Menschen, der andere heilen und Wunder vollbringen kann, kannten, erweist sich als das, was er in Wahrheit ist: Gottes auserwählter Sohn. Lichtvoll erstrahlt die Herrlichkeit Gottes mitten in dieser Welt.

Doch als Petrus diesen Augenblick festhalten will, ist plötzlich wieder alles vorbei. Was bleibt, ist der Widerhall der Stimme Gottes, die gesprochen hat: Dies ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören.
Im Hören auf Gottes Wort, auf die Botschaft Jesu, die uns in den Evangelien überliefert ist, können wir Gottes Herrlichkeit auf dieser Welt sichtbar machen. Überall, wo Menschen Gottes Willen tun, ist Gottes Reich auf Erden Gegenwart.

Sicher, oft scheint diese Gegenwart Gottes auch den Glaubenden allzu weit verborgen zu sein. Wir machen eher die Erfahrung des Scheiterns angesichts des Leidens und der Trübsal, die uns überall umgeben. Aber dennoch: das was damals auf dem Tabor geschehen ist, gilt auch für uns als Zeichen und Grund unserer Hoffnung. Und vielleicht machen wir ja hier und da in unserem Leben die Erfahrung, dass für einen kurzen Augenblick ein Strahl jenes Lichtes vom Berge Tabor unser Leben durchblitzt.

3. Fastensonntag – Hoffnung (Lk 13,1-9)

Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt. (Lk 13,1-9)

Katastrophen und Unglücksfälle geschehen immer wieder. Das schreckliche Erdbeben von Haiti beispielsweise ist uns noch in lebhafter Erinnerung. Immer wieder kommt dann auch die Frage auf: Wo ist Gott? Wie kann Gott das zulassen?

Im heutigen Evangelium geht es um eine ähnliche Thematik. Jesus und seine Jünger sprechen über zwei schreckliche Unglücksfälle: Da sind fromme Juden vom Statthalter Pilatus während der Opferhandlungen brutal ermordet worden. Beim Einsturz eines Turmes kamen viele Menschen ums Leben.

Was hat das zu bedeuten? Jesus hört aus den Worten der Jünger die Frage heraus, ob denn diese Menschen vielleicht auf Grund ihrer persönlichen Schuld Opfer dieser Unglücke geworden sind. Mit Recht entsetzen wir uns über eine solche Denkweise, die wir leider auch heute noch antreffen können.

Jesus verbietet sich ein solches Urteil. Er macht aber auch nicht den Versuch, diese Katastrophen irgendwie zu erklären. Letztlich ist die Frage nach dem Warum für uns hier nicht zu beantworten.

„Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.“ Diese Worte Jesu scheinen uns hart und pastoral nicht feinfühlig zu sein, scheinen keinen Trost zu geben, angesichts der schrecklichen Ereignisse, von denen die Rede war.

Wir müssen diese Mahnung Jesu ernst nehmen. Wir dürfen unsere Umkehr nicht auf die lange Bank schieben. Wir wissen nicht, wie viel Zeit uns bleibt. Die nächste Katastrophe kann uns treffen – vielleicht heute noch.

Wir verstehen Jesu Worte, wenn wir den Schluss des heutigen Evangeliums betrachten. Jesus gibt uns das Beispiel vom Gärtner, der sich liebevoll um den fruchtlosen Baum kümmert, über Jahre hinweg, in der Hoffnung, dass er doch noch Früchte trägt.

Das ist die frohe Botschaft. Gott will nicht dreinschlagen, um die Sünder zu vernichten. Er will uns vielmehr liebevoll auf den rechten Weg frühren. Er lockt uns mit seiner Liebe, jeden Tag, und gibt uns alles, was wir brauchen, um so zu leben, wie es ihm gefällt.

Gott des Lichts,
manchmal ist es so finster in unserer Welt
und in unserem Leben.
Entreiße mich der Dunkelheit
und führe mich in dein wunderbares Licht.
Wie auch immer es um mich bestellt sein mag,
lass mich in deinem Licht und deiner Liebe leben –
und sie mit anderen teilen.

Mose am brennenden Dornbusch (2007)

Gott,
Du hast viele Namen,
einer sagt eigentlich alles.
Er stammt von Dir selber.
Du sagst zu Mose:
Das ist mein Name
„Ich-bin-da“,
immer und überall,
auch jetzt
und hier.
Gott, Du bist da
mit der Glut deines Herzens
mit dem Feuer deiner Liebe.
Danke, Gott, dass Du uns so nahe bist.

An diesem Sonntag hören wir aus dem Buch Exodus (3,1-8a.13-15) von der Erscheinung Gottes vor Mose im brennenden Dornbusch. Mitten in seinem Alltag – Mose weidet das Vieh seines Schwiegervaters – begegnet Gott dem Mose. Gott zieht die Aufmerksamkeit des Mose auf sich, da ist in der Steppe ein Dornbusch der brennt und doch nicht verbrennt. Wie nahezu alle Menschen, so ist auch Mose neugierig. Er will sich diese außergewöhnliche Erscheinung näher ansehen. Als Mose auf den Dornbusch zukommt, ruft Gott ihn mit Namen, zweimal: Mose, Mose! Mose hört den Anruf Gottes und spricht: Hier bin ich. Diese Szene ist typisch für alle Berufungsgeschichten. Gott ist es, der ruft, Gott macht auf sich aufmerksam, ruft jeden Menschen bei seinem Namen. Die Antwort des Mose ist auch typisch: Hier bin ich. Auf den Ruf Gottes kann es nur diese Antwort geben. Gott, hier bin ich, hier stehe ich vor Dir, mach mit mir, was Dir gefällt. Vor allem anderen kommt es auf dieses Da-Sein vor Gott, das Hören auf das, was er jedem einzelnen sagen möchte, an.

Gott selbst ist es, der da ist, immer und überall. Gott offenbart dem Mose seinen Namen. Die genaue Bedeutung des Gottesnamens ist zwar unklar, aber doch kann man sagen, daß in diesem „Ich-bin-da“ das Wesentliche ausgesagt ist. Gott ist mir näher, als ich mir selbst bin. Er kennt mich besser, als ich mich selbst kenne. Daher weiß auch er am besten, was gut für mich ist. Gott ruft uns ja nicht, um uns irgendwelche Lasten aufzubürden, sondern weil er uns das Leben in Fülle schenken möchte. Daher ist es so wichtig, immer wieder auf Gott zu hören, nicht um ihm einen Gefallen zu tun, sondern um selbst glücklich zu werden.

Nach dem Hören des Rufes und der bereiten Antwort folgt die Sendung. Gott sendet jeden Menschen an seinen Platz in der Welt. Jede Heilige Messe endet mit dem Segen und der Sendung. Jede und jeder hat in der Welt einen Platz, um Gott dienen zu können. Wo dieser ist, kann man wohl letztlich nur im immer neuen Hören auf den Anruf Gottes, in der immer neuen Bereitschaft, sich senden zu lassen, herausfinden. Das kann oft ein mühsamer Weg sein. Auch Mose, der ja Gott so unmittelbar begegnet ist, wie kein anderer Mensch, hatte es nicht immer leicht auf diesem Weg mit Gott. Nehmen wir diese Fastenzeit als eine Chance, wieder neu in die Begegnung mit Gott einzutreten. Versuchen wir, wieder neu auf ihn zu hören, vielleicht in der stillen Betrachtung der Heiligen Schrift oder einem anderen Gebet. Hören wir, wie Gott uns ruft, sagen wir neu Ja zu ihm, hier bin ich. Vielleicht tun sich dann neue Perspektiven auf, wie wir in unserem Alltag mehr den Willen Gottes tun können.

4. Fastensonntag – Der Verlorene Sohn (Lk 15,11-32)

Unverschämt – Der jüngste Sohn fordert sein Erbteil, verlässt das Elternhaus, um sich ein schönes Leben in der weiten Welt zu machen. Seine Familie kümmert ihn einen Dreck. Er will Spaß und sonst nichts.

Am Boden – Doch irgendwann ist das Geld alle, niemand mehr da, der zu ihm hält. Die Schweine – für die Juden unreine Tiere – muß er hüten, ein sozialer Abstieg ins Bodenlose.

Reumütig – Da geht er in sich. Er will zu seinem Vater zurück. Dort geht es ihm gut, auch wenn der Vater ihn aus Zorn nur als Tagelöhner anstellen würde. Er bekennt aufrichtig: Ich habe gesündigt. Was ich getan habe, war falsch.

Bedingungslos – Der Vater fragt nicht: Wo warst du? Was hast du getan? Er sieht die Not seines Sohnes. Er ist sein Sohn geblieben, der Abschied war für ihn schmerzhaft, das Schicksal seines Sohnes ging ihm zu Herzen, das Wiedersehen ist ihm Freude. Er nimmt ihn wieder an als Sohn, bedingungslos.

Zweifelnd – Der ältere Sohn kann den Vater nicht verstehen. Er war immer für ihn da – hat er da nicht mehr verdient, als dieser Schuft, der die Hälfte des Familienvermögens verprasst hat? Wird er die grenzenlose Liebe des Vaters erkennen, der alle gleich liebt, dessen Liebe kein Mehr oder Weniger kennt, weil sie vollkommen ist?

Mein Herr,
dein Herz kennt nur Liebe,
uneingeschränkte, bedingungslose Liebe.
Dein Herz spricht von Güte,
Zärtlichkeit, Vergebung, Freude, Friede und Freiheit.
Dein Herz steht allen offen,
die kommen wollen,
welche Last sie auch drücken mag.
Ich bitte dich, Herr,
lass mich immer tiefer in das Geheimnis
deines heiligsten Herzens eindringen
und dort die Quelle allen Trostes
und aller Stärkung finden.
Lass mich so vollkommen
in der aus deinem Herzen strömenden Liebe versinken,
dass ich allen, denen ich begegne,
nichts anderes als ein lebendiger Zeuge
deiner grenzenlosen Liebe sein kann.
Amen.

Henri Nouwen

Der verlorene Sohn – heute

Zum Gleichnis vom verlorenen Sohn habe ich eine schöne Geschichte gefunden:

Ich saß im Zugabteil einem jungen Mann gegenüber. Er sah versunken vor sich hin. Ab und zu sprang er auf, um aus dem Fenster zu sehen. Auf meine Frage nach dem Grund erzählte der junge Mann, dass er gerade aus dem Gefängnis entlassen sei, in dem er mehrere Jahre einsaß. Seine Angehörigen hätten den Kontakt mit ihm abgebrochen, da er sie sehr enttäuscht hatte.

Nun, vor der Entlassung aus dem Gefängnis, bat der junge Mann um Vergebung. Er fügte hinzu: „Ich komme dann und dann mit dem Zug. Vor unserem Ort steht ein Apfelbaum. Wenn ich aus dem Fenster schaue und am Apfelbaum ein weißes Band sehe, dann steige ich aus – sehe ich kein Band, dann fahre ich weiter.“

Der Heimatort kam näher und näher und seine Unruhe steigerte sich. Schließlich sagte er zu mir: „Bitte, schauen Sie aus dem Fenster, ich kann es nicht.“ Ich stand auf und sah hinaus. Als der Apfelbaum in Sicht war, rief ich: „Schauen Sie, schauen Sie!“

Der junge Mann sprang auf und wir erblickten einen Apfelbaum, der über und über mit weißen Bändern geschmückt war! Das Antlitz des jungen Mannes erstrahlte in einer Glückseligkeit, wie ich sie nie wieder gesehen habe.

5. Fastensonntag – Jesus und die Ehebrecherin (Joh 8,1-11)

Die Schriftgelehrten und Pharisäer bringen Jesus in eine heikle Situation. Wenn eine Frau beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt worden ist, dann gilt für sie nach dem Gesetz des Mose die Steinigung. Die Indizien scheinen in diesem Fall eindeutig, das Urteil unanfechtbar. Was sagt Jesus dazu?

Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

Was auf Erde geschrieben wird, ist vergänglich, wird vom Wind verweht, von den Füßen zertreten. Daher verzeichnet Gott die Gerechten unauslöschlich in einem Buch, womit symbolisch gezeigt werden soll, dass ihre Namen bei Gott nicht vergessen sind. Anders die Sünder. Über sie heißt es beim Propheten Jeremia (17,13): „Alle, die sich vom Herrn abwenden, werden in den Staub geschrieben.“

Wollte Jesus mit seinem Tun die Gesetzeslehrer, die jeden Vers der Bibel auswendig kannten, an diese Stelle erinnern? Hat er sie damit auf ihre heimlichen Sünden aufmerksam gemacht, die einen Schatten auf ihre nach außen hin zur Schau gestellte Gerechtigkeit werfen?

Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie.

Es ist schon verwunderlich, als Jesus diesen berühmten Satz spricht, geht einer nach dem anderen weg, keiner will mehr mit Jesus weiter diskutieren, keiner will mehr die vom Gesetz geforderte Strafe vollstrecken.

Jesus hat bei den Schriftgelehrten und Pharisäern eine erstaunliche Selbsterkenntnis hervorgerufen. Jeder von ihnen bekennt durch sein Fortgehen seine eigene Schuld. Im Stillen hoffen sie wohl, dass Gott bei ihren heimlichen Sünden „ein Auge zudrücken“ wird. Kein Mensch kann sich vor Gott gerecht sprechen, das ist auch den frömmsten Menschen bewusst.

Ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

In Jesus zeigt sich die Barmherzigkeit Gottes. Gott schenkt jedem Menschen, der seine Schuld bekennt und bereit ist sich zu bessern, von ganzem Herzen seine Vergebung.

Einsicht

Wer seine eigene Schwäche erkennt,
ist größer als der, welcher die Engel schaut.

(Isaak von Ninive)

Komm, Herr,
durchbrich meine Zwänge, Ängste,
Befürchtungen und Schuldgefühle.
Lass mich meine Sünde
und deine Barmherzigkeit sehen.
Amen.

Lesejahr A

Ein Fasten, wie ich es liebe (Jes 58, 1-9a) - Fasten ist mehr (Fastenzeit 2008)

So spricht Gott, der Herr: Rufe aus voller Kehle, halte dich nicht zurück! Lass deine Stimme ertönen wie eine Posaune! Halt meinem Volk seine Vergehen vor und dem Haus Jakob seine Sünden! Sie suchen mich Tag für Tag; denn sie wollen meine Wege erkennen. Wie ein Volk, das Gerechtigkeit übt und das vom Recht seines Gottes nicht ablässt, so fordern sie von mir ein gerechtes Urteil und möchten, dass Gott ihnen nah ist. Warum fasten wir, und du siehst es nicht? Warum tun wir Buße, und du merkst es nicht? Seht, an euren Fasttagen macht ihr Geschäfte und treibt alle eure Arbeiter zur Arbeit an.

Obwohl ihr fastet, gibt es Streit und Zank, und ihr schlagt zu mit roher Gewalt. So wie ihr jetzt fastet, verschafft ihr eurer Stimme droben kein Gehör. Ist das ein Fasten, wie ich es liebe, ein Tag, an dem man sich der Buße unterzieht: wenn man den Kopf hängen lässt, so wie eine Binse sich neigt, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? Nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem Herrn gefällt?

Nein, das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen.
Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Wunden werden schnell vernarben. Deine Gerechtigkeit geht dir voran, die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach. Wenn du dann rufst, wird der Herr dir Antwort geben, und wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: Hier bin ich.

Am Aschermittwoch haben wir mit der Auflegung des Aschenkreuzes die Fastenzeit, die Österliche Bußzeit begonnen. Die Asche will uns hinweisen auf die Vergänglichkeit unseres Lebens. Die Kirche will uns deutlich machen, dass es nicht egal ist, wie wir die Jahre unseres Lebens verbringen. Die Zeit vor Ostern soll uns dabei helfen, uns wieder neu darauf zu besinnen, was für uns wirklich wichtig ist. Wir sollen uns wieder neu orientieren auf das Ziel unseres Lebens hin und uns fragen: Welchen Stellenwert nehmen materielle Dinge in meinem Leben ein? Kann ich verzichten? Kann ich mit anderen teilen? Kann ich für andere da sein? Und schließlich: Wo habe ich in meinem Leben Platz für Gott?

Der Prophet Jesaja wirft den Menschen vor, dass sie nicht in rechter Weise fasten. Was machen sie falsch? Wie können wir in rechter Weise Fasten?
Mit dem Wort Fasten verbinden wir zunächst den materiellen Verzicht. Viele nehmen sich vor, in der Fastenzeit auf gutes Essen, Naschereien, Alkohol und dergleichen zu verzichten. Das ist gut so, denn wir brauchen für das Fasten einen äußeren Rahmen, wenn es etwas Besonderes sein soll. Dazu ist die Zeiteinteilung der Kirche und der persönliche Vorsatz wichtig. Dass dies allein aber noch nicht genügt, ist meines Erachtens die Aussage des Propheten Jesaja. Es genügt nicht, ein rein äußerliches Fastenpensum zu erfüllen um zu meinen, man sei ein besonders frommer Mensch.

Fasten ist mehr. Der äußere Verzicht soll mich auch im Inneren öffnen. Er soll mich offen machen für meine Mitmenschen, er soll mich offen machen für Gott. Die Offenheit zu den Mitmenschen zeigt sich im Teilen und im aufeinander Zugehen.
Jesaja sagt: Das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen in dein Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen.
Das ist eine lange Liste. Was kann ich davon tun? Damals waren doch ganz andere Verhältnisse. Da hatte man selbst vielleicht einen Sklaven, den man freilassen konnte, da kam ab und zu mal ein Vagabund vorbei, dem man etwas geben konnte. Aber heute... Wir haben die Fürsorge an verschiedene Institutionen delegiert. Der Staat hat für das Wohlergehen seiner Bürger zu sorgen. Ich spende ab und zu etwas und zahle meine Steuern. Es ist doch alles geregelt. Also, was soll ich heute mit dieser Liste.
Sicher ist die Hilfe durch Spenden sehr wichtig und gehört zum Fasten. Aber doch können wir uns mit Spenden nicht loskaufen von der eigentlichen Verantwortung, in der wir stehen.

Fasten ist mehr. Das Teilen mit den anderen kann auch vor meiner Haustüre geschehen, indem ich einem Menschen, den ich in Not sehe, etwas abgebe. Dann kommt es im Teilen auch zu einer persönlichen Begegnung und darin kann ich schon etwas erfahren von dem, was Fasten wirklich ist. Fasten bedeutet, dass ich mein Herz öffne für die Menschen um mich herum. Was kann ich mit ihnen teilen? Nicht nur Materielles, auch Zeit und vor allem Freundlichkeit. Es gibt sicher in meinem Umfeld Menschen, denen gegenüber ich eine gewisse Abneigung habe, seien es mir nahestehende Menschen, mit denen ich im Streit bin, seien es mir fernstehende, die sich über ein gutes Wort von mir freuen würden, das ich ihnen aber nie sage.

Fasten ist mehr. Äußeren Verzicht können wir aufrechnen, Spenden können wir zählen, was aber geschieht, wenn wir auf einen anderen Menschen zugehen, das ist nicht vorhersehbar. Wir könnten Ablehnung erfahren. Was denkt der andere? Will er das überhaupt? Ich bin doch nicht schuld, dass er sonst niemand hat. Es gibt so vieles, was eine wirkliche Begegnung schwer erscheinen läßt. Aber doch sollten wir es einmal versuchen. Vielleicht gelingt die Begegnung und wir machen die Erfahrung, dass die Verheißung des Jesaja sich wirklich erfüllt, dass dann unser Licht hervorbricht wie die Morgenröte. Das Licht, das wir anderen bringen, strahlt auch auf uns zurück.

Fasten ist mehr. Wenn wir mit einer solchen Haltung unseren Mitmenschen begegnen, dann werden wir auch offen für eine ganz neue Begegnung mit Gott. Die Begegnung mit Gott spielt sich nicht nur im stillen Kämmerlein ab, sondern auch auf der Straße. Unser Gebet soll nach außen hin Früchte tragen und diese Früchte werden dann auch wieder Nahrung sein für unser Gebet. Fasten ist ohne Gebet nicht möglich, Fasten hat in Gott seinen Ursprung und sein Ziel. Die Begegnung mit Gott ist das Ziel unseres Lebens.

Johannes Chrysostomus sagt: Das Fasten ist die Speise der Seele. Wie die körperliche Speise stärkt, so macht das Fasten die Seele kräftiger und verschafft ihr bewegliche Flügel, hebt sie empor und läßt sie über himmlische Dinge nachdenken.

Der Prophet Jesaja verheißt, dass Gott den Menschen nahe ist, die so fasten, wie er es liebt. Er sagt: Wenn du dann rufst, wird der Herr dir Antwort geben, er wird sagen: Hier bin ich.

Ich wünsche Ihnen allen, dass sie diese Nähe Gottes in Ihrem Leben erfahren dürfen. 

1. Fastensonntag - Gen 2,7-9;3,1-7, Röm 5,12-19, Mt 4,1-11

Typisch Kirche, werden viele denken. Da bekommen wir es am ersten Fastensonntag gleich so richtig dick. Der Sündenfall von Adam und Eva in der ersten Lesung und die entsprechende Auslegung des Paulus dazu im Römerbrief.

Wer dann noch etwas mehr theologisch gebildet ist, der weiß, daß der heilige Augustinus auf Röm 5,12 („Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten“) seine Erbsündenlehre aufgebaut hat, die noch dazu auf einem Übersetzungsfehler zu beruhen scheint, denn Augustinus las statt „weil alle sündigten“ den Satz „in dem alle sündigten“, der sich dann auf den einen Menschen Adam bezieht. Augustinus ist auch nicht ganz unschuldig daran, daß in dieser ersten Sünde vornehmlich eine sexuelle Verfehlung gesehen wird. Näher auf die Erbsündenlehre einzugehen, würde eine längere Diskussion erfordern. Dazu sei deshalb nur soviel gesagt, daß die Erbsündenlehre nicht allein an diesem Übersetzungsfehler bei Augustinus festzumachen ist. Auch moderne Forscher bestätigen, daß der Mensch nicht als unbeschriebenes Blatt zur Welt kommt und daß es nicht zu leugnen ist, daß dem Menschen an sich eine Tendenz zum Bösen innewohnt.

Beim Menschen scheint sich alles nur um die Sünde zu drehen. Wie das, werden Sie fragen, wo wir doch im Schöpfungsbericht lesen, daß Gott die ganze Welt und auch den Menschen gut, ja sehr gut geschaffen hat? Es gibt also etwas, das den guten Menschen zum Bösen verführt. Wir nennen das die böse Schlange, die Teufel oder Satan heißt (vgl. Offb 20,2). Kurz gesagt ist darunter ein geistiges Wesen zu verstehen, ein gefallener Engel, der von Gott gut geschaffen wurde, der wie der Mensch Freiheit hat, aber seine Freiheit gegen Gott gewandt hat. Weil Gott aber die Freiheit respektiert, auch wenn sie gegen ihn gerichtet ist (sonst wäre es ja keine wahre Freiheit), läßt er zu, daß der Böse auch den Menschen versucht.

Worin besteht die Versuchung? Das mit dem Apfel im Paradies ist zu wenig und die Beschränkung auf die Sexualität ist zu einseitig. Es geht um viel mehr. Der Mensch hat von Gott Freiheit bekommen, damit er sich frei aus Liebe Gott zuwendet und in dieser Zuwendung zu Gott hin glücklich wird. Die Hinwendung zu Gott kommt darin zum Ausdruck, daß der Mensch die Gebote Gottes hält.

Jetzt halten Sie einmal kurz inne und spüren Sie in sich hinein, welche Empfindungen Ihnen bei dem Wort Gebote Gottes gekommen sind. Ich muß selbst zugeben, daß das Wort Gebote Gottes negativ belegt ist. Die Gebote sind schwer, da kann sich doch niemand dran halten, wir wollen doch ein freies Leben haben und nicht durch solche Gebote eingeschränkt sein, wir wollen Spaß und Freude und das wollen uns die Gebote nur vermiesen. Die Gebote Gottes scheinen also dem zu widersprechen, was sich viele Menschen vom Leben erwarten.

Genau dieses Denken zeigt deutlich, was Versuchung ist. Das war es, was im Paradies ab ging. Gott hatte gesagt, es ist besser für euch, wenn ihr von dem einen Baum nicht eßt. Der Teufel aber sagt, nur weil Gott euch nieder halten will und euch gängeln will hat er das gesagt. Der Teufel will uns glauben machen, daß die Gebote Gottes für uns nicht gut sind. Der Mensch fällt auf die List des Teufels herein. Und was passiert? Der Mensch verliert dadurch so ziemlich alles, was sein Leben angenehm gemacht hat. In den Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte haben die Menschen nichts dazu gelernt. Es ist immer wieder dasselbe Spiel. Der Mensch meint, ohne Gottes Gebote glücklich werden zu können und stürzt damit sich und andere ins Unglück, oft nur im Kleinen, aber manchmal auch im Großen.

Auch Jesus bleibt vor dieser Versuchung Satans nicht verschont. Reichtum, Ehre und Macht verbergen sich hinter den drei Versuchungen Jesu, und vor allem der Eigennutz. Jesus soll es allein für sich machen. Der Teufel will ihn vor dem Volk groß machen, aber auf seine Weise. Doch Jesus erkennt, was dahinter steckt. Der Preis für Reichtum, Ehre und Macht, die auf der Gunst des Teufels beruhen, ist hoch, was der Blick auf die Versuchungsgeschichte im Paradies zeigt. Aber ich glaube, daß auch unsere Zeit anschauliche Beispiele dafür liefern kann. Ich will da nicht in die Stimme der Drohprediger einstimmen, aber ich meine, daß jeder Mensch selbst klug genug ist, so manches zu erkennen.

Wie ist das nun mit den Geboten Gottes? Es wäre schon damit geholfen, die negative Sicht darauf, die uns heute leider unzählige Stimmen glauben machen wollen, zu überwinden, und darüber nachzudenken, welchen positiven Gehalt sie haben. Sie versprechen nicht, daß das Leben einfacher wird, vor allem deshalb nicht, weil sich eben viele der anderen Menschen nicht daran halten. Wer die Gebote Gottes halten möchte hat ständig mit Versuchungen im Inneren und von Außen und mit viel Gegenwind zu rechnen. Es gibt wohl keinen Menschen, der ganz der Versuchung widerstehen kann. Doch Jesus hat es uns gezeigt, wie es geht. Jesus Christus war dem Vater gehorsam – und wir wissen wie der Satz weitergeht – bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Doch das Kreuz ist nicht das Ende. Denn Gott hat ihn über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen (vgl. Phil 2,5-11). 

Jesus hat es uns gezeigt, wie ein Leben ohne Sünde aussieht. Er hat die Versuchungen des Teufels durchschaut, die sich sogar hinter frommen Bibelzitaten verbergen können. Das ist die List der Schlange. Sogar scheinbar gute Dinge kann der Teufel zum Bösen verwenden. Seien auch wir schlau und fallen wir nicht auf platte Sprüche herein. Der Teufel verspricht irdisches Glück, verlangt dafür scheinbar nichts, fordert aber später dafür einen hohen Preis. Gott verspricht uns das wahre Glück, er verlangt viel – aber nicht mehr als wir können – nämlich daß wir seine Gebote halten. Er fordert aber darüber hinaus nichts, sondern schenkt uns das wahre Glück in seiner Güte und Liebe.

  • 2. Fastensonntag A 2008, Gen 12,1-4; 2Tim 1,8-10; Mt 17,1-9 - Verklärung

Mit einem heiligen Ruf hat Gott uns gerufen, so schreibt der Apostel Paulus an Timotheus (2Tim 1,9). In der ersten Lesung (Gen 12,1-4) hören wir vom Ruf Gottes, der an Abraham erging. Abraham soll sein Land, seine Verwandtschaft und sein Vaterhaus verlassen und in das Land ziehen, das Gott ihm zeigen wird. Dort wird der Segen Gottes mit ihm sein. Abraham folgt dem Ruf Gottes. Seither ist das Gelobte Land, das Land Israel, das Ziel aller Sehnsucht der Juden.
Im Evangelium (Mt 17,1-9) hören wir von der Verklärung Jesu. Da treten zwei bedeutende Repräsentanten des Volkes Israel auf: Mose und Elija. Beide weisen sie auf Jesus hin. Mit dem Auftreten Jesu ist es nun Jesus selbst, der ruft. Der Ruf Gottes führt in die Nachfolge Jesu. Für die Jünger Jesu damals und auch für uns heute ist Jesus das Ziel aller Sehnsucht.

Das Evangelium von der Verklärung Jesu ist sehr sonderbar. Unmittelbar vor der Verklärung steht das Messiasbekenntnis des Petrus und der Ruf Jesu zur Nachfolge. So ist die Verklärung Jesu ein Zeichen für seine Jünger und für uns. Jesus zeigt uns: Seht, ich bin es wirklich, ich bin wirklich der Messias, der Sohn Gottes.

Jesus nimmt Petrus, Jakobus und Johannes mit sich auf einen hohen Berg, der Überlieferung nach ist es der Berg Tabor. Berge sind schon immer der Ort der besonderen Begegnung mit Gott. Dann geschieht das Unbeschreibliche. Jesus fängt an zu leuchten, hell wie die Sonne, ein unvorstellbarer Glanz und plötzlich sind Mose und Elija da und reden mit Jesus. Beide haben in ihrem Leben hingewiesen auf den Messias und beide haben im Glauben des Volkes Israel eine besondere Stellung.
Vielleicht kann man sagen, dass die Verklärung Jesu nicht nur ein Zeichen für die Jünger war, sondern auch für Mose und Elija. Da ja die Auferstehung der Toten erst durch die Auferstehung Jesu möglich war, mussten alle, die vor Christus gestorben sind, an einem bestimmten Ort auf den Tag der Auferstehung warten. Wir hören wir ja auch, dass nach der Auferstehung Jesu viele Gerechte aus ihren Gräbern auferstanden sind und dass Jesus in die Unterwelt hinabstieg, um die dort Gefangenen zu befreien. Mose und Elija wird es zuteil, schon vor diesem Tag den zu sehen, auf den sie ihre Hoffnung gesetzt haben.
Die drei Apostel werden bei diesem Geschehen eigentlich nicht gebraucht. Wahrscheinlich konnten sie dem Gespräch Jesu mit Mose und Elija nicht folgen. Sie fühlen sich überflüssig. Petrus will zeigen, dass sie auch noch da sind, will sich nützlich machen, will drei Hütten bauen. Jesus antwortet ihm nicht. Petrus wird selber eingesehen haben, wie unpassend seine Frage war. Für die verklärten Gestalten bedarf es keiner irdischen Wohnungen. Sie warten auf die himmlische, die ihnen bald zukommen wird.
Dann spricht der Vater aus der Wolke, wie schon bei der Taufe Jesu. Das ist mein geliebter Sohn. Der Vater bezeugt den Sohn vor Mose und Elija und vor den drei Aposteln. Die Gegenwart Gottes wird erfahrbar. Was bleibt, ist nur die Anbetung. Die Jünger werfen sich auf den Boden. Angst erfüllt sie in diesem Augenblick. Plötzlich ist alles vorbei. Jesus ist wieder „ganz der alte“. Er berührt seine Jünger und sagt ihnen, dass sie keine Angst zu haben brauchen. Gemeinsam steigen sie den Berg hinab.
Mit einem heiligen Ruf hat Gott uns gerufen.
Die Apostel haben Christus in seiner Herrlichkeit sehen dürfen. Sie haben einen Blick werfen dürfen in jene Welt, die unseren menschlichen Augen sonst verborgen ist, und doch haben sie noch nicht verstanden, was sie sahen. Sie sahen Jesus in seiner Herrlichkeit, doch als sie vom Berg hinab stiegen, war ihr Glaube wieder gefordert. Das Schauen ist ein Geschenk für den Augenblick, der Glaube ist die Aufgabe unseres Lebens. Obwohl Petrus Jesus in seiner Herrlichkeit gesehen hat, hat er ihn verleugnet. Erst nach Ostern haben die Jünger verstanden, erst im Heiligen Geist bekamen sie die Kraft zum unerschrockenen Bekenntnis.
Wir alle haben unsere Tabor-Erlebnisse in irgendeiner Weise. Manchmal erleben wir ganz intensiv die Nähe Gottes. Doch immer heißt es dann auch für uns, wieder in den Alltag hinabzusteigen. Wir können von solchen Erfahrungen zehren, aber doch bleiben die Mühen des Alltags. Auch wenn wir Gott so nah gesehen haben, ist das keine Garantie dafür, dass wir ihn nicht vergessen. Doch wir dürfen uns immer sicher sein, dass Gott uns nahe ist, dass er uns nie vergißt. Mit einem heiligen Ruf hat Gott uns gerufen. Diesem Ruf bleibt Gott treu. Die Liebe Gottes zu uns hört nie auf.

  • 3. Fastensonntag A 2008, Ex 17,3-7; Röm 5,1-8; Joh 4,5-42

Röm 5,1-8 - Von Gott beschenkt

Der Brief an die Römer, Kapitel 5

1 Gerecht gemacht aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn.
2 Durch ihn haben wir auch den Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen, und rühmen uns unserer Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes.
3 Mehr noch, wir rühmen uns ebenso unserer Bedrängnis; denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld,
4 Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung.
5 Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.
6 Christus ist schon zu der Zeit, da wir noch schwach und gottlos waren, für uns gestorben.
7 Dabei wird nur schwerlich jemand für einen Gerechten sterben; vielleicht wird er jedoch für einen guten Menschen sein Leben wagen.
8 Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.

In dem kurzen Text aus dem Römerbrief (Röm 5,1-8) liegt uns eine kurze Zusammenfassung der Theologie des Paulus vor. Glaube, Hoffnung und Liebe stehen darin in engem Zusammenhang. Die Rechtfertigungslehre wird gleich mit dem ersten Wort angesprochen. Was bedeuten Glaube, Hoffnung, Liebe? Was bedeutet Rechtfertigung? In einer etwas längeren und doch für die genannten Zusammenhänge viel zu kurzen Auslegung möchte ich versuchen, diesen Text zu erschließen. Ich möchte mit der Frage danach, was Glaube meint, beginnen.

Sicher kennen Sie den meiner Ansicht nach ziemlich dummen Satz „Glauben heißt nicht Wissen“. Da läßt sich dann aber weiter fragen: Was wissen wir wirklich? Besonders seit der Aufklärung gilt das als Wissen, was sich mathematisch-naturwissenschaftlich überprüfen und messen läßt. Wir sprechen von den Naturgesetzen, die der Mensch erforscht und sich zu nutze macht. Dadurch sind dem Menschen enorme Fortschritte in der Technik möglich geworden. Wenn wir aber recht überlegen, so sehen wir ein, dass auf keinen Fall ein Mensch dieses ungeheuere naturwissenschaftliche Wissen präsent haben kann. Es gibt einzelne Spezialisten, die ihr Spezialgebiet intensiv erforschen und dieses Wissen an andere weitergeben. Somit beruhen auch die Naturwissenschaften darauf, dass wir vieles eigentlich nicht wissen und uns daher auf andere verlassen müssen. Alle Produkte, die wir im Alltag verwenden, von den Elektrogeräten über das Auto bis hin zu Medikamenten verstehen wir letztlich nicht. Wir verlassen uns auf die, die für deren Herstellung zuständig sind und gehen davon aus, dass wir mit unserem eingeschränkten Wissen diese Dinge gebrauchen können. Wir haben gelernt, mit ihnen umzugehen, auch wen wir sie nicht verstehen. Wohl kaum einer wird aber in diesem Fall von Glauben sprechen.
Glaube bezieht sich nicht auf sichtbare Dinge, sondern auf Unsichtbares. Das ist ganz legitim. Nicht legitim ist jedoch die heute vorherrschende Meinung, dass das Unsichtbare weniger real ist als die sichtbaren Dinge. In unserer Gesellschaft gilt, dass nur das Sichtbare, das Mess- und Zählbare wirklich ist. Wer darüber hinaus noch an etwas anderes, an eine jenseitige Welt, an Gott glaubt, darf dies zwar gerne tun, wird aber nur allzu oft belächelt und soll vor allem nicht meinen, dass er andere von einem solchen Glauben überzeugen sollte. Der Glaube ist zur Privatsache jedes einzelnen geworden, weil ausgeschlossen wird, dass ihm etwas Reales, anderen objektiv Vermittelbares und für alles Menschen Gültiges zu Grunde liegt.
Das war nicht immer so. In der griechischen Philosophie gab es eine vorherrschende Tendenz dahingehend, dass das Sichtbare nicht das Eigentliche ist, vielmehr das wirklich Seiende nicht sichtbar und nur mit dem Geist erkennbar ist. Auch in der christlichen Theologie galt mindestens bis ins Mittelalter die Überzeugung, dass geistige Erkenntnis die Sinneserkenntnis übersteigt. Dass der Mensch mit seinem Verstand auch die Dinge dieser Welt erforschen kann, galt eher als Nebenprodukt. Der Verstand ist dem Menschen von Gott gegeben, und er ist ihm vor allem dazu gegeben, dass der Mensch Gott erkennen kann.
Es galt die Überzeugung, dass Gott die existierende objektive Wahrheit ist, die für alle Menschen gültig ist und deren Existenz jeder Mensch mit seinem Verstand erkennen kann, sofern er nur diesen Verstand in rechter Weise gebraucht. Der Mensch kann Gott, der in seinem Wesen Wahrheit ist, erkennen, weil eine Ähnlichkeit zwischen Mensch und Gott besteht. Der Mensch ist Bild Gottes, nicht seinem Körper nach, sondern durch den Verstand, mit dem er Gott erkennen kann. Da der Mensch aber irdisch ist, ist ihm diese Erkenntnis Gottes nicht in ihrer Fülle möglich. Erst nach dem Tod wird Gott dem Menschen schenken, ihn zu schauen, wie er ist.
Daher bedarf es des Glaubens und der Hoffnung, die beide eng miteinander verbunden sind. Im Hebräerbrief (11,1) heißt es: Glaube ist die Substanz der Dinge, die man erhofft, Beweis für nicht sichtbares. Das bedeutet, dass die subjektive Entscheidung für den Glauben die objektive Existenz dessen, was man glaubt, voraussetzt. Glaube ist also mehr als das subjektive Fürwahrhalten von etwas, das man nicht wissen kann. Vielmehr wird durch den Glauben die existierende objektive Wahrheit in das Leben des Einzelnen hineingenommen. Da diese Wahrheit aber die menschliche Fassungskraft übersteigt, geschieht dies nur in Teilen und nicht in ganzer Fülle. Der Verstand des Menschen ist dazu aufgefordert – und auch dazu fähig – die Wahrheit immer tiefer zu ergründen und den Willen dazu anzutreiben, das Erkannte im Leben des ganzen Menschen umzusetzen.
Zur Verdeutlichung müssen wir einen Satz heranziehen, der am Beginn des Römerbriefes (1,16f.) steht: Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt. Im Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart aus Glauben zum Glauben, wie es in der Schrift heißt: Der aus Glauben Gerechte wird Leben.
In Jesus Christus hat sich Gott uns Menschen offenbart, in ihm haben wir alles von Gott erfahren. Der Heilige Geist ist es, der das, was wir von Jesus über Gott erfahren haben, in uns bewahrt und es uns erklärt. Der befreiende Sinn des Evangeliums besteht nicht in erster Linie darin, dass Jesus uns eine neue Lehre über das menschliche Zueinander gebracht hat, sondern dass er eine neue Beziehung zwischen Mensch und Gott gestiftet hat. Der Mensch ist nun wieder Freund Gottes. Freilich hat dies dann auch Auswirkungen auf das Leben des Menschen und das menschliche Zueinander. Aber dieses neue Zueinander der Menschen untereinander hat seine Grundlage in dem neuen Zueinander von Gott und Mensch. In Jesus Christus hat Gott den Menschen das Heil gebracht. Wer dem Evangelium Jesu Christi glaubt, nimmt dieses Heil für sich an. „So können wir jetzt sagen: Christentum war nicht nur ‚gute Nachricht’ – eine Mitteilung von bisher unbekannten Inhalten. Man würde in unserer Sprache sagen: Die christliche Botschaft war nicht nur ‚informativ’, sondern ‚performativ’ – das heißt: Das Evangelium ist nicht nur Mitteilung von Wissbarem; es ist Mitteilung, die Tatsachen wirkt und Leben verändert.“ (Benedikt XVI., Spe Salvi, 2)
Das ist die Kraft des Evangeliums, die durchschlagende Botschaft, die den Menschen die Kunde bringt von seiner Größe, die den Menschen deutlich macht, wie groß Gott von ihm denkt, dass Gott den Menschen zu seinem Freund macht. Im Glauben nimmt der Mensch diese Botschaft an. Das bedeutet, dass der Mensch sein ganzes Leben auf den Glauben an Jesus Christus aufbaut. Der Mensch vertraut voll und ganz auf die Zusage Gottes, er glaubt fest daran, dass Gott ihn erlöst hat und ihn nie verläßt. Das ist die Substanz, die hinter dem Glauben steht und das sind nicht nur leere Worte, die jeder für sich annehmen oder ablehnen kann.
Aus diesem Glauben folgt dann auch die Taufe, auch wenn davon an dieser Stelle nicht die Rede ist. Aber wenn wir beispielsweise an das Pfingstereignis denken, dann heißt es da, dass durch die Predigt des Paulus viele gläubig wurden. „Die nun, die sein Wort annahmen, ließen sich taufen.“ (Apg 2,41) Die Annahme des Evangeliums führt also zur Taufe und in der Taufe wirkt Gott die Gerechtmachung des Menschen. Der Mensch wird in seinem Wesen von einem Feind Gottes zu seinem Freund. Dem Menschen werden in der Taufe alle Sünden vergeben und er wird zu einem durch und durch neuen Menschen. Seine Erlösung kann sich der Mensch nicht durch gute Werke verdienen, sie ist allein Geschenk Gottes. Ohne Zweifel bringt aber das Leben des erlösten Menschen die Frucht guter Werke hervor.

Gerecht gemacht aus Glauben. Wir haben schon bedacht, wie der Mensch durch die gläubige Annahme des Evangeliums in der Taufe zu einem neuen Menschen wird. Es gebietet sich aber, hier noch tiefer darauf einzugehen, was Rechtfertigung bedeutet.
Für den frommen Juden des Alten Testamentes war es das Ziel seines Lebens und die größte Auszeichnung, vor Gott gerecht zu sein. So hören wir es beispielsweise von Ijob: Er war gerecht und gerade. (vgl. Ijob 1,1) Diese Gerechtigkeit meinte die genaue Erfüllung des Gesetzes. Auch Paulus lebte bis zu seiner Bekehrung als strenger Eiferer für das Gesetz. Nach seiner Bekehrung stand er in der Auseinandersetzung damit, wie denn das mosaische Gesetz und das Neue, das Jesus gebracht hat, miteinander in Einklang zu bringen sind. Jesus selbst ist ja auch nicht gekommen, um das Gesetz aufzuheben, sondern um es zu erfüllen. Massiv stellte sich die Frage nach dem Gesetz, als sich das Christentum von den Juden zu den Heiden hin öffnete. Müssen Heiden, die Christen werden möchten, das ganze jüdische Gesetz befolgen? Das Apostelkonzil in Jerusalem hat über diese Frage entschieden und man kam – unter Mitwirkung des Heiligen Geistes – zu dem Entschluß, daß dies nicht notwendig ist. Paulus faßt das in dem Satz zusammen: Durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch vor Gott gerecht. Und: Der aus Glauben Gerechte wird leben. War es vor dem Kommen Christi möglich, dass die Juden durch die treue Befolgung des Gesetzes gerecht werden konnten und die Heiden, indem sie ihrem Gewissen folgend sich an eine Art Naturgesetz hielten, so ist das mit Christus anders geworden. Nun kommt die Gerechtigkeit allein durch den Glauben an das Evangelium, durch den Glauben an Jesus Christus.
Aber warum bedarf es überhaupt der Gerechtmachung des Menschen? Durch den Sündenfall des Menschen im Paradies war das Verhältnis zwischen Gott und Mensch gestört worden. Die Sünde ist zwischen Gott und Mensch getreten. Durch die freie und bewußte Abwendung von Gott wurde der Mensch von einem Freund Gottes zu seinem Feind. Es war dem Menschen von sich aus nicht möglich, die Freundschaft mit Gott wieder herzustellen. In seiner übergroßen Liebe zu uns Menschen hatte aber Gott den Plan zu unserer Rettung. In der Fülle der Zeiten, zum im Verlauf der Menschheitsgeschichte günstigsten Zeitpunkt, als das Römische Reich zu einem Weltreich geworden war, das weites Reisen erlaubte um das Evangelium verbreiten zu können, kam der Sohn Gottes, kam Jesus Christus in diese Welt, geboren im Volk der Juden, das von je her das auserwählte Volk Gottes ist. In seinem Leben hat Christus von der Liebe Gottes Zeugnis gegeben, er hat uns Menschen diese Liebe bis in den Tod hinein bezeugt und in der Auferweckung Christi hat Gott gezeigt, dass er stärker ist als alle Sünde und aller Tod. Christus, das Lamm Gottes, hat alle Sünde der Welt auf sich genommen und sie an das Kreuzesholz getragen. Gott selbst hat in Christus das gestörte Verhältnis zwischen Gott und Mensch wieder in Ordnung gebracht, hat die Gerechtigkeit, das rechte Verhältnis zwischen Gott und Mensch wieder hergestellt. Somit wird ganz deutlich, dass sich der Mensch nicht selbst erlösen kann, sondern die Erlösung und Wiederherstellung der Gerechtigkeit ganz Geschenk Gottes ist.
Der Segen, der uns durch die Erlösung zuteil wird, wird auf wunderbare Weise im Exsultet der Osternacht gepriesen:

O unfassbare Liebe des Vaters: um den Knecht zu erlösen, gabst du den Sohn dahin!
O wahrhaft heilbringende Sünde Adams, du wurdest uns zum Segen, da Christi Tod dich vernichtet hat.
O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden.

Die Sünde des Menschen hat zwar das Verhältnis zwischen Mensch und Gott gestört, aber sie hat Gottes Liebe zum Menschen nicht ausgelöscht. Gott ist ja in seinem Wesen Liebe und kann nichts anderes tun als lieben. Der scheinbare Triumph des Teufels, der den Menschen zur Sünde verführt hat, wurde zu seiner größten Niederlage. Gott hat in seiner Liebe beschlossen, selbst Mensch zu werden und den Menschen so auf wunderbare Weise zu erneuern. Durch die Erlösungstat Jesu Christi sind wir, von Gott gerecht gemacht, zu Freunden Gottes geworden. Das ist das neue Leben der Christen. Es zeigt sich in dem Frieden, den wir nun mit Gott haben. Vorher war der Mensch ein Feind Gottes und Feindschaft bedeutet Krieg. In seiner Sünde stellte sich der Mensch feindlich gegen Gott. Nun ist der Mensch Gottes Freund und Freundschaft bedeutet Frieden.

Durch Christus haben wir auch den Zugang erhalten zu der Gnade, in der wir stehen und rühmen uns unserer Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes. Die ungeschaffene Gnade ist nichts anderes als die Liebe Gottes. Wenn wir Freunde Gottes sind, kann Gott seine Liebe über uns ausgießen. Diese Liebe ist ganz Geschenk Gottes und wir können sie nur empfangen, wenn wir sie als Geschenk annehmen. Das geht nur, wenn wir uns vor Gott klein machen und uns ganz für ihn öffnen. Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder ... sagt Jesus. Dazu schreibt die Kleine Therese: „Der liebe Gott hat viel Liebe zu verschenken, aber er kann es nicht. Jeder präsentiert ihm seine Verdienste, und das ist so wenig ...“ Um Gott eine Freude zu machen stellt sich die kleine Therese daher vor Gott hin und sagt: „Gib mir diese Liebe! Ich bin damit einverstanden, Opfer der Liebe zu sein, das heißt alle Liebe zu empfangen, welche die anderen nicht annehmen, weil sie nicht zulassen, dass du sie liebst, wie du es möchtest.“ Opfer der Liebe sein ... Wer kann fassen, was dies bedeutet, ein unergründliches Geheimnis. Nur soviel sei dazu gesagt, dass das Annehmen der Liebe Gottes eben kein Spaziergang ist, sondern auf einen engen, steinigen Weg führt. Liebe zu Gott ist Feindschaft mit der Welt. Die Liebe Gottes führt zum Kampf. Seine Liebe hat Gott ans Kreuz gebracht. Dieses „Risiko“ besteht auch für jeden, der sich auf die Liebe Gottes einläßt. Daher schrecken so viele vor ihr zurück.
Freilich, das Ziel der Liebe ist die Herrlichkeit Gottes, das Einssein mit Gott und untereinander in der Liebe Gottes. Dies wird Gott denen nach diesem irdischen Leben schenken, die er dafür für würdig hält. „Die ‚Erlösung’, das Heil ist nach christlichem Glauben nicht einfach da. Erlösung ist uns in der Weise gegeben, dass uns Hoffnung geschenkt wurde, eine verläßliche Hoffnung, von der her wir unsere Gegenwart bewältigen können: Gegenwart, auch mühsame Gegenwart, kann gelebt und angenommen werden, wenn sie auf ein Ziel zuführt und wenn wir dieses Ziels gewiss sein können; wenn dieses Ziel so groß ist, dass es die Anstrengung des Weges rechtfertigt.“ (Spe Salvi. 1) Doch ist uns dieses Ziel nicht deutlich sichtbar. Ein Heiliger hat einmal gesagt: Wenn wir nur ein wenig von der Herrlichkeit Gottes sehen würden, die er für uns bereitet hat, wie leicht würde es uns dann fallen, alle Widerstände zu überwinden und nach dem Willen Gottes zu leben. Doch wir leben in der Hoffnung auf diese Herrlichkeit Gottes und wir dürfen uns dieser Hoffnung rühmen. Sie ist keine Vertröstung auf eine bessere Welt, sondern eine Hoffnung, die eine Realität zur Grundlage hat. Das soll uns Ansporn sein, wenn wir in dieser Welt für das Evangelium leiden müssen, wenn wir leiden müssen an der Liebe Gottes – ein so leicht gesagtes Wort, das in seiner Tiefe wohl nur sehr wenige fassen können. Paulus sagt ganz deutlich, dass wir uns auch unserer Bedrängnis zu rühmen haben. Freundschaft mit Gott ist Feindschaft mit der Welt. In der Welt seid ihr in Bedrängnis, das sagt uns Jesus deutlich, aber auch: Habt Mut, ich habe die Welt besiegt. Wir haben jetzt schon Anteil an diesem Sieg, müssen uns aber immer noch im Kampf bewähren um dereinst den unvergänglichen Siegespreis zu empfangen.

Die Hoffnung läßt nicht zugrunde gehen, denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist der uns gegeben ist. Wir sagten, dass Gott in seinem Wesen Wahrheit ist. Er ist auch seinem Wesen nach Liebe. Daher sind Erkennen und Lieben dasselbe. Gott erkennen heißt ihn Lieben. Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt. Daher ist die Liebe das wichtigste Gebot. Liebe und Erkenntnis wachsen gegenseitig aneinander. Die Liebe des Menschen setzt die Liebe Gottes voraus. Der Mensch kann nur lieben, weil Gott ihn schon zuerst geliebt hat. Der Mensch empfängt von Gott Liebe und ist selbst aufgefordert, immer mehr zu Lieben. Die Liebe des Menschen besteht in jener dreifachen Liebe, die mit der der Mensch zuerst Gott liebt und in Gott den Nächsten wie sich selbst. Mit seinem Verstand erkennt der Mensch also Gott, der in seinem Wesen Liebe ist und diese Erkenntnis führt dazu, dass der Verstand den Willen dazu antreibt, zu lieben.
Wie der Mensch durch seinen Verstand Gott ähnlich ist, so zeigt sich diese Ähnlichkeit des Menschen zu Gott auch in der Liebe. Aus dem Reichtum des Heiligen Geistes wird in die Herzen der Heiligen der Reichtum der Liebe eingegossen, damit sie teilhaben an der göttlichen Natur. Wie unendlich groß diese Liebe ist, hat Gott uns gezeigt, indem er seinen eigenen Sohn für unsere Sünden hingegeben hat. Christus ist nicht für uns gestorben weil wir so tolle Menschen sind, sondern gerade weil wir Sünder sind ist er für uns gestorben um uns von unseren Sünden zu erlösen. Ich erinnere hier noch einmal an den oben zitierten Text des Exsultet. Die Liebe Gottes geht all unserem Tun voraus. Unsere Erlösung ist uns von Gott aus Liebe geschenkt. Gott will nicht mehr und nicht weniger als unsere Liebe.

Sehr schön ist das Gesagte in einem Text Papst Benedikt XVI. zusammengefasst:
„Die Hoffnung ist die Frucht des Glaubens, so haben wir gesagt; in ihr streckt sich unser Leben nach der Ganzheit alles Wirklichen aus, auf eine grenzenlose Zukunft hin, die uns im Glauben zugänglich wird. Diese erfüllte Ganzheit des Seins, zu der der Glaube den Schlüssel schenkt, ist eine Liebe ohne Vorbehalt – eine Liebe, die ein großes Ja ist zu meiner Existenz und die mir in ihrer Weite und Tiefe die Fülle allen Seins erschließt. In ihr sagt der Schöpfer aller Dinge zu mir: Alles, was mein ist, ist dein (Lk 15,31). Gott aber ist ‚alles in allem’ (1Kor 15,28): wem er all das Seinige mitteilt, für den gibt es keine Grenzen auf Erden mehr. Die Liebe, auf die die christliche Hoffnung im Licht des Glaubens zugeht, ist nichts bloß Privates, Individuelles, sie verschließt mich nicht in eine Eigenwelt hinein. Diese Liebe öffnet mir das ganze All, das durch Liebe zum ‚Paradies’ wird.“ (Benedikt XVI, Auf Christus schauen, S.81)

Vertrauen wir der Liebe Gottes zu uns, stehen wir fest im Glauben, seinen wir stark in der Hoffnung. Der Herr gebe uns dazu die Kraft. Wir hoffen nicht auf etwas Zweifelhaftes, unser Glaube ist nicht eine rein subjektive Angelegenheit, die Liebe Gottes ist nicht begrenzt. Alles Sichtbare vergeht, das Unsichtbare bleibt. Wir hoffen auf etwas, das real existiert, wenn auch unsichtbar. Wir glauben an einen Gott, der die Wahrheit und die Liebe ist. Seine Liebe ist ohne jedes Maß.

Joh 4,1-42 – Begegnung

Zum Evangelium von der Begegnung Jesu mit der Samariterin am Jakobsbrunnen finde ich dieses Bild sehr passend. Jesus, was redest du mit dieser Frau? Dieser Gedanke, den die Jünger Jesus gegenüber äußerten, kam auch mir beim ersten Anblick des Bildes. Die Frau sieht aus wie eine Frau, die eben nicht den besten Ruf hat. Doch Jesus wendet sich ihr zu, er läßt sich auf ein Gespräch mit ihr ein. Er bittet sie um Wasser.
Oft ist es so, dass sich Menschen öffnen, wenn jemand sie um etwas bittet. Was ich? Bin ich wirklich so wichtig? Ach so, ja, kann ich da wirklich helfen? Gerade Menschen, die sonst eher am Rand stehen, fühlen sich geehrt, wenn sie für jemanden etwas tun dürfen. So durchbricht Jesus die geltende Norm, dass Juden nicht mit Samaritern verkehren und schafft dadurch den Zugang zu dieser Frau und zu den Menschen ihres Ortes.
Der taugt doch eh nichts, da ist nichts zu wollen, denken wir oft. Und gerade solche Menschen können zu den treuesten Helfern werden. Jesus bittet die Frau um Wasser, dabei ist gerade er selbst es, der sie beschenken will. Seine Bitte macht die Frau aber erst offen für sein Geschenk. Jesus kommt nicht von oben herab, ach du arme Samariterin, schau, ich hab da was für dich. Nein, er zeigt zuerst der Frau ihre Würde. Du bedeutest mir etwas, du kannst mir das Wasser reichen, wir sind auf gleicher Augenhöhe. Wir kennen ja selber die Sprüche, mit denen wir einteilen, ob jemand über oder unter uns steht oder auf gleicher Stufe mit uns. Wir müssen den Menschen zeigen, welche Würde sie haben, wenn wir ihnen etwas schenken wollen. Eine Gabe von oben herab ist oft entwürdigend. Jesus weiß, daß er der Frau unendlich mehr geben kann als sie ihm. Aber doch kann sie etwas für ihm tun. Sie kann ihm Wasser geben und das ist etwas Großes. Jesus zeigt ihr ihre Würde. Auch wir können Menschen nur dann wirklich beschenken, wenn ihnen ihre Würde bewußt machen.
Schön sieht man auf dem Bild das Wasser, das von Jesus ausströmt. Brunnen und Wasser sind Symbole des Lebens. Wie der Mensch zum irdischen Leben des Wassers bedarf, so bedarf er für das Leben seiner Seele des himmlischen Quells der göttlichen Gnade, der Liebe Gottes, die der Heilige Geist in uns ausgießt. „Wenn du die Gabe wüßtest, die Gott dir schenkt, Wasser des Lebens wünschtest du von ihm.“ Wasser ermöglicht dem Menschen das irdische Leben. Jesus sagt: „Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“ Wenn wir uns öffnen für das Geschenk der Liebe Gottes, so fließt sie in uns über, hin zu den anderen Menschen. Wir werden zu wahrhaft Liebenden, die zuerst Gott und in Gott alles und den Nächsten wie sich selbst lieben. In dieser Liebe finden wir den Weg zum ewigen Leben.
Die Frau hat Jesus als den Messias erkannt. Sie hat die Leute aus ihrem Dorf geholt. Sie alle haben sich bekehrt, nicht mehr auf die Worte der Frau hin, sondern weil sie Jesus selbst gesehen haben.
Glauben wir als Christen nicht, wir wären besser als andere. Seien wir uns immer unserer Armseligkeit und Schwachheit bewußt. Behandeln wir nie andere von oben herab, sondern zeigen wir ihnen stets ihre Würde, die ihnen als Kinder Gottes zukommt, dann können wir wie Jesus auch Zeugen der Liebe Gottes sein.

  • 4. Fastensonntag A 2008, Joh 9,1-41: Die Heilung des Blinden

Joh 9,1–7: Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Ober haben seine Eltern gesündigt, so dass er blind geboren wurde? Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden. Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.
Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Schiloach heißt übersetzt: Der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen.

Das ganze neunte Kapitel des Johannes-Evangeliums handelt von der Heilung eines Blinden durch Jesus, von einer Heilung und deren Folgen. Die körperliche Heilung der Blindheit schildern die ersten sieben Verse, die übrigen 34 die Reaktion der Pharisäer und die innere Heilung, an deren Ende dessen Bekenntnis des Geheilten zu Jesus Christus steht.

Das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden!

Schon die ersten Worte zeigen, dass es in diesem Kapitel um mehr geht als nur um äußere Heilung. Jesus und seine Jünger begegnen einem von Geburt an Blinden. Wer hat gesündigt? Fragen die Jünger, der Blinde selbst, oder dessen Eltern? Krankheit und Behinderung als eine Folge von Sünde, das ist ein gängiges Erklärungsmuster. Selbst in unserer heutigen aufgeklärten Welt erleben wir es nicht selten, dass in irgendeinem Fehlverhalten die Ursache von Behinderung gesehen wird. Doch wie immer man darüber denken mag, Jesus macht ganz deutlich, dass der Tun-Ergehens-Zusammenhang von Sünde und Krankheit nicht haltbar ist. Das Wirken Gottes soll an dem Blinden offenbar werden. Auch die Blindheit des Blinden hat in Gott ihren Sinn.

Dies müssen wir etwas tiefer bedenken. Fest steht, dass Krankheiten und Leiden soweit es in der Kraft der Menschen steht, geheilt werden sollen. Es gibt aber auch in unserer heutigen Zeit Krankheiten und Leiden, die unheilbar sind und mit denen zu leben die Menschen lernen müssen. Ich denke hier beispielsweise an behinderte Menschen. Auch die Blindheit von Geburt an gehört zu einem solchen unheilbaren Leid.

Zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte gab es Tendenzen, behinderte Menschen aus der Gesellschaft zu verbannen. Das grauenerregende Wort vom lebensunwerten Leben ist sicher vielen bekannt. Doch gerade zu solchen Menschen, deren Leben in den Augen vieler als unnütz erscheint, sagt Jesus: Das Wirken Gottes soll an dir offenbar werden. Für Gott ist kein Leben ohne Sinn, auch wenn das Leid des Lebens keinen Sinn hat. Gott kann auch dort, wo niemand es zu vermuten scheint, wirken. Gerade dort, wo Menschen mit all ihren Möglichkeiten nicht mehr helfen können, da wirkt Gott. Wo manche Gottverlassenheit und Strafe Gottes vermuten, ist der Ort des herrlichen Wirkens Gottes.

Nun werden viele fragen, wie denn? Es gibt doch so viele Behinderte auf dieser Welt. Wie viele von ihnen hat Gott geheilt? Hat er vergessen, an den anderen zu wirken? Doch vielleicht wirkt Gott ganz anders, als wir es vermuten. Ich denke, das Wirken Gottes an einem behinderten Menschen zeigt sich darin, dass andere Menschen sich um ihn kümmern. Die Betreuung eines behinderten Menschen ist einer der größten Dienste, die ein Mensch leisten kann. Dieser Dienst kann für das Pflegepersonal und ganz besonders auch für die Eltern und Angehörigen sehr mühsam, ja scheinbar unmöglich erscheinen. Aber ich glaube, dass gerade Menschen, die sich ganz dem Dienst an Behinderten widmen, Eltern, die ihr behindertes Kind annehmen und für das Kind da sind, etwas von dem Wirken Gottes spüren. Gott wird diesen Dienst nicht ohne seinen Segen lassen, er wird eine Familie mit einem behinderten Kind nicht ohne seinen Segen lassen.

Wir sehen deutlich, wie fehl am Platz hier die Frage nach Sünde und Fehlverhalten hier ist, wie unnütz es ist, nach einem Schuldigen zu suchen oder gar Gott die Schuld zu geben. Es gilt da, wo Menschen nicht mehr heilen können, anzunehmen, zu helfen, mit der Behinderung zu leben und zu vertrauen auf die Hilfe Gottes, besonders wenn der Dienst am anderen mühsam, ja unmöglich erscheint. Das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden. Denken wir groß von behinderten Menschen, denken wir groß von Gott, der ganz besonders in den schwächsten aller Menschen sein Wirken zeigen kann.

Jesus, das Licht der Welt

Der Bericht von der Heilung ist umrahmt von einem Lichtwort Jesu. Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Und am Ende des Kapitels sagt Jesus: Um zu richten bin ich in diese Welt gekommen: damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden. Die entscheidende Heilung ist nicht die der äußeren Blindheit, sondern die der inneren Blindheit, die Gott nicht erkennt. Viele meinen, wie die Pharisäer damals, sie wären sehend, sie könnten alles erkennen, könnten Richter sein über Gut und Böse, oder sie könnten ohne Gott die Geheimnisse dieser Welt verstehen. Nein, wer meint aus sich das Licht zu haben, der ist in Wahrheit blind. Wir haben nur dann das Licht, wenn wir alles im Lichte dessen sehen, der von sich sagt „Ich bin das Licht der Welt“, im Lichte Jesu Christi.

Der Blinde im Evangelium weiß nicht, wer ihn geheilt hat. Er geht zunächst zu den Pharisäern, die er für solche Wunder zuständig hält. Doch die sind blind. Nein, das kann kein guter Mensch sein, der einen Blinden an einem Sabbat, an dem man keine Arbeit tun darf, heilt. Dieser Jesus paßt nicht in ihr Muster, genau so wenig wie seine Anhänger. Die Pharisäer haben ihr eigenes Licht, das sie hüten und doch werden sie so zu Hütern ihrer Finsternis.

Sehr spannend ist dann die weitere Entwicklung. Die Pharisäer stellen Nachforschungen an. War der Geheilte wirklich blind? Die Eltern des Geheilten bezeugen, dass er blind geboren wurde, wollen sich aber auf keine weitere Diskussion über die Heilung einlassen. Sie überlassen ihren Sohn sich selbst. Der Geheilte ist ganz auf sich allein gestellt. Er wird sich darüber gefreut haben, dass er sehen kann, aber nun sind plötzlich alle gegen ihn. Auch seine Eltern, die sich vielleicht bisher um ihn gekümmert hatten, lassen ihn allein. Doch er weiß sich zu helfen. Er ist nicht auf den Mund gefallen. Als ihn die Pharisäer zum x-ten Mal fragen, wie er denn geheilt wurde, sagt er: Warum wollt ihr es noch einmal hören? Wollt auch ihr seine Jünger werden?

Der Geheilte hat sich trotz aller Drohungen als Jünger Jesu bekannt. Er weiß, wie er sehend geworden ist, doch die Pharisäer glauben nicht und bleiben blind. Sie werfen den Geheilten aus der Synagoge. Jesus hört davon. es kommt zu einer zweiten Begegnung. Der Geheilte hat erkannt, dass hinter seiner Heilung mehr steckt, als „nur“ die Tatsache, dass er sehen kann. Er hat erkannt, dass er das neue Leben, das Jesus ihm geschenkt hat, nur mit Jesus in seiner Fülle leben kann. Er fällt vor Jesus nieder. „Ich glaube, Herr!“ Er glaubt fest daran, dass Jesus das Licht der Welt ist, in dem allein Sehen wirkliches Sehen ist.

Bitten wir den Herrn, dass wir zu solchen sehenden Menschen werden. Bitten wir ihn, dass wir zu Boten seines Lichtes werden, wo es gilt, schwachen und kranken Menschen zu helfen, wo es gilt, für den Glauben Zeugnis abzulegen, Zeugnis zu geben für Jesus Christus, der gekommen ist, damit die Menschen das Licht des Lebens haben.

  • 5. Fastensonntag A 2008 - Joh 11 - Die Auferweckung des Lazarus

„Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.“

Es heißt, dass Jesus Lazarus geliebt hat und seine beiden Schwestern Marta und Maria. Dies zeigt ganz besonders die menschliche Seite Jesu. Wie alle Menschen, so brauchte auch Jesus Menschen, bei denen er sich wohl fühlen konnte, die zu seinem engsten Freundeskreis gehörten. Das waren nicht nur die Zwölf Apostel, die alles verlassen hatten, um ihm nachzufolgen, sondern auch ganz „normale“ Menschen, die „in der Welt“ lebten und ihrer Arbeit nachgingen. Jesus ist sicher sehr gerne bei den drei Geschwistern eingekehrt und auch auf seinem letzten Weg nach Jerusalem machte er dort noch einmal Station, stattete seinen Freunden gleichsam einen Abschiedsbesuch ab.
Jesus ist ihr Freund, aber sein Handeln bleibt ihnen doch unverständlich. So vielen Menschen hat er geholfen und nun sagt er: „Lazarus ist gestorben und ich freue mich, dass ich nicht dort war.“ Wie kann das sein? Was ist das für ein Freund? Was ist das für eine Liebe? Da trifft der Vorwurf von Marta ganz zurecht. „Warum warst du nicht hier? Wo warst Du, Jesus, als dein Freund gestorben ist?“

„Diese Krankheit dient der Verherrlichung Gottes.“

Doch wie immer ist Jesus ganz anders, als wir ihn uns vorstellen. Es bestehen viele Verbindungen zwischen der Lazarus-Geschichte und der Heilung eines Blinden, von der Johannes im 9. Kapitel berichtet hat. Dort sagt Jesus, dass die Blindheit dieses Menschen dazu dient, dass das Wirken Gottes an dem Blinden offenbar wird. Damals ging es um die Frage, ob die Krankheit eine Folge der Sünde ist, was Jesus entschieden verneint hat. Nun geht es um die Frage, ob Gott wirklich die Menschen liebt, wenn es doch so viel Leid gibt.
Marta und Maria stellen Jesus die zweifelnde Frage „Warum warst du nicht hier?“ und auch die anderen Menschen zweifeln an Jesu Liebe. „Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb?“ Wie können wir all das Leid verstehen, das in der Welt ist? Wie können wir angesichts dieses Leids an eine Gott glauben, der Liebe ist?

„Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“

Was wird sich Marta gedacht haben, als Jesus ihr angesichts des Todes ihres Bruders diesen Satz vorgelegt hat? In Jesus Christus ist das Leben. Wer an ihn glaubt, braucht den Tod nicht zu fürchten, denn der Tod ist nicht das Ende, sondern der Übergang zum neuen Leben in Christus. Aber was sagen diese Worte angesichts des Schmerzes über den Verlust eines lieben Menschen?
Doch Marta glaubt. „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes.“ Es ist schon erstaunlich, dass Johannes dieses Messiasbekenntnis Marta in den Mund legt. In den anderen Evangelien kommt es dem Petrus zu, Jesus dieses Zeugnis auszustellen und er bekommt dafür die Schlüssel des Himmelreiches überreicht. Hier gibt Marta Zeugnis von Jesus. Sie legt das tiefste Bekenntnis von Jesus ab, zu dem ein Mensch fähig ist. Ja, Herr, ich glaube, dass du der Sohn Gottes bist. Ich weiß, dass alles in deiner Macht steht, ich übergebe dir mein ganzes Leben, wie du es machst, so ist es gut. Gerade in einer der schwersten Stunden ihres Lebens spricht Marta dieses Bekenntnis.

Die Menge aber tobt. Sie braucht ein Zeichen, um zu glauben. Vielleicht ist es das, was den Herrn so traurig macht. Jesus weint. Jesus weint mit Maria, die um ihren Bruder trauert. Jesus weint mit der ganzen Trauergemeinde. Es gehört zum Menschen, dass er beim Tod eines lieben Menschen trauert. Auch wenn wir Christen glauben, dass in Jesus die Auferstehung und das Leben ist, so weiß Jesus doch um unsere Schwachheit und um unser Bedürfnis nach Trauer. Jesus trauert mit uns, er weint mit uns.

Der Glaube an die Auferstehung ist für viele Menschen zu abstrakt. Jetzt sehen wir nur den Toten. Jesus will eine Hilfe geben. Er will zeigen: Seht her, ich kann Lazarus wieder lebendig machen. Aber was ich euch zeigen will, geht tiefer. Wenn ich einen Toten wieder zum irdischen Leben erwecken kann, dann dürft ihr auch glauben, dass ich die Toten zum ewigen Leben auferwecken kann. Wie für Jesus die sichtbare körperliche Heilung stets ein Zeichen für die Wirksamkeit der unsichtbaren inneren Heilung, der Erlösung, der Vergebung der Sünden ist, so ist die sichtbare Auferweckung des Lazarus ein Zeichen dafür, dass Jesus alle Menschen aus dem Tod ins ewige Leben führt.

„Lazarus, komm heraus!“

So ruft Jesus mit lauter Stimme den Toten aus dem Grab. Wir dürfen gläubig darauf vertrauen, dass Jesus alle unsere Toten, auch uns selbst, einst von den Toten auferwecken wird. Jeden wird er bei seinem Namen rufen. „... komm heraus! Komm zum ewigen Leben bei mir im Reich meines Vaters! Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“