Österliche Bußzeit

4. Fastensonntag C

Erste Lesung

Jos 5, 9-12

In jenen Tagen sagte der Herr zu Josua: Heute habe ich die ägyptische Schande von euch abgewälzt. Als die Israeliten in Gilgal ihr Lager hatten, feierten sie am Abend des vierzehnten Tages jenes Monats in den Steppen von Jericho das Pascha. Am Tag nach dem Pascha, genau an diesem Tag, aßen sie ungesäuerte Brote und geröstetes Getreide aus den Erträgen des Landes. Vom folgenden Tag an, nachdem sie von den Erträgen des Landes gegessen hatten, blieb das Manna aus; von da an hatten die Israeliten kein Manna mehr, denn sie aßen in jenem Jahr von der Ernte des Landes Kanaan.

Zweite Lesung

2 Kor 5, 17-21

Wenn jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat. Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und uns das Wort von der Versöhnung zur Verkündigung anvertraute. Wir sind also Gesandte an Christi statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen! Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden.

Evangelium

Lk 15,1-3.11-32

In jener Zeit kamen alle Zöllner und Sünder zu Jesus, um ihn zu hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen. Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte:
Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf.
Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen. Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land, und es ging ihm sehr schlecht. Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon.
Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um. Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner.
Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.
Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe an. Bringt das Mastkalb her, und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wieder gefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern.
Sein älterer Sohn war unterdessen auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz. Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle. Der Knecht antwortete: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn heil und gesund wiederbekommen hat.
Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu. Doch er erwiderte dem Vater: So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.
Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wieder gefunden worden.
Verlorener Sohn

Freude im Himmel und auf Erden

Der Vierte Fastensonntag trägt von seinem Eröffnungsvers her den Namen "Laetare" - "Freue dich". (Eine ausführliche Betrachtung dieses Eröffnungsverses finden Sie auf der allgemeinen Seite zum Vierten Fastensonntag.) Das mag ungewöhnlich erscheinen für einen Fastensonntag. Ist die Fastenzeit nicht eher eine Zeit der Trauer und der Buße?
Freude kann viele Aspekte haben. Es gibt eine rein oberflächliche Freude, etwas Spaß haben, um den Alltag zu vergessen. Diese Freude ist hier nicht gemeint. Es gibt aber auch eine Freude, die tiefer geht. Jesus sagt:

Im Himmel wird mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren. (Lk 15,7)

Um dies zu veranschaulichen, erzählt Jesus zunächst das Gleichnis vom verlorenen Schaf, dann das von der verlorenen Drachme und schließlich das Gleichnis vom verlorenen Sohn, das wir heute im Evangelium hören.
Schafe galten damals als wertvoller Besitz und der Hirte hatte die Aufgabe, die Herde zusammenzuhalten. Jedes einzelne Schaf ist dabei wichtig. Der Besitzer der Herde sagt nicht: Ich habe ja noch 99, wenn eines von 100 verloren geht, sondern er lässt unermüdlich nach dem verlorenen Schaf suchen - und wenn es dann gefunden ist, freut er sich und will auch seine Nachbarn und Freunde an dieser Freude teilhaben lassen.
So freut sich auch Gott, wenn ein verlorener Sünder zu Gottes Liebe zurückfindet.

Und es ist zu bemerken, dass er nicht sagt: Freut euch mit dem gefundenen Schaf! sondern: Freut euch mit mir! Denn offenbar macht es ihn froh, wenn wir leben. Und wenn wir zum Himmel zurückgeführt werden, ist seine festliche Freude vollkommen. (Gregor der Große)

Vielleicht liegt das Bild von der verlorenen Drachme unserer Alltagserfahrung näher. Wenn wir zehn Scheine zu je zehn Euro haben und plötzlich merken wir, dass wir nur noch neun im Geldbeutel haben, werden wir überlegen, wo das fehlende Geld ist und anfangen zu suchen - und wir sind froh, wenn wir das Geld wiedergefunden haben. Es wird kaum jemand sagen: Ach lass doch das Geld, soll es doch ein anderer finden.
Wenn wir schon um solch einfache materielle Dinge besorgt sind, wie groß ist dann erst Gottes Sorge um uns. Ging es in den ersten beiden Gleichnissen nur um verlorenen materiellen Besitz, so wiegt der Verlust im dritten Gleichnis noch viel gravierender: Ein Vater verliert seinen geliebten Sohn, weil dieser sein Glück in der Ferne suchen will. Doch als der Sohn auf diesem Weg scheitert, zögert der Vater nicht, ihn wieder liebevoll in seine Arme zu schließen. Er lässt das Mastkalb schlachten, um den verlorenen Sohn mit einem Freudenfest willkommen zu heißen.

Lukas stellt drei Gleichnisse hintereinander: Das verlorene Schaf, das wiedergefunden wurde; die verlorene Drachme, die wiedergefunden wurde; der Sohn, der tot war und wieder zum Leben zurückgekehrt ist; so werden wir durch ein dreifaches Heilmittel aufgerufen, unsere Sünden zu heilen. Christus trägt dich als Hirt mit seinem Leib, die Kirche sucht dich als Mutter, Gott nimmt dich auf als Vater. (Ambrosius)

Allen drei Gleichnissen ist die Freude über das Wiederfinden des Verlorenen gemeinsam. Jesus gebraucht Bilder, die für uns diese Freude nachvollziehbar machen. So sollen wir uns vorstellen können, wie sehr Gott um uns besorgt ist, wie sehr er sich danach sehnt, uns mit seiner Liebe zu beschenken. Vor Gott sind wir keine Nummer, die beliebig austauschbar ist. Jeder Mensch ist kostbar und wertvoll in Gottes Augen. Gott wird keinen Sünder abweisen, der zu ihm zurückkehrt. Im Gegenteil. Er wird ihn in seiner Liebe mit grenzenloser Freude empfangen.
Nun verstehen wir auch, in welchem Zusammenhang das Thema "Freude" des heutigen Sonntags mit der Fastenzeit steht. Lassen wir die Bilder des Evangeliums auf uns wirken. Wie ist mein Verhältnis zu Gott? Wo habe ich mich von ihm entfernt? Kann ich mir vorstellen, dass sich Gott in seiner Liebe nach mir sehnt? Was kann ich tun, um Gott entgegenzugehen?

Wir wollen die einzelnen Abschnitte des Gleichnisses vom verlorenen Sohn schrittweise betrachten, um tiefer zu verstehen, was Jesus uns mit diesem Gleichnis sagen will.

Aufbruch

Ein Vater hat zwei Söhne. Von dem älteren werden wir erst am Ende des Gleichnisses hören. Der jüngere aber tritt gleich zu Beginn mit einer unerhörten Forderung an den Vater heran:

Verlorener Sohn
Der jüngere Sohn sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht - und er zog in ein fernes Land. (Lk 15,12f)

Wir müssen uns bewusst machen, was dies bedeutet. Er fordert nicht einfach eine Art Vorschuss von dem zu erwartenden Erbe, sondern er fordert das ein, was ihm eigentlich erst dann zusteht, wenn der Vater tot ist. So schwingt in dieser Forderung eine tiefe Verachtung des Vaters mit. Letztlich wünscht der jüngere Sohn, der Vater wäre schon tot, damit er ungehindert an sein Erbteil herankommt, ja er zeigt durch sein Verhalten, dass für ihn der Vater bereits jetzt wie tot ist. "Du bist für mich gestorben" - das sagt man, um eine tiefe Ablehnung des anderen zum Ausdruck zu bringen.

Es liegt darin eine hartherzige Ablehnung des Hauses, in dem der Sohn geboren und aufgezogen wurde, und ein Bruch mit der kostbarsten Tradition, die von der Gesellschaft, zu der er gehörte, sorgsam gehütet wurde. (Henri Nouwen)

Es geht also in diesem Gleichnis nicht um Geld, sondern um die Aufkündigung des Verhältnisses zum Vater durch den jüngeren Sohn, eine Missachtung des Gebotes, die Eltern zu ehren und eine tiefe Ablehnung des Vaters, eine Zurückweisung seiner Liebe. Es ist das größtmögliche Vergehen eines Sohnes gegen seinen Vater, das hier geschildert wird.
Wenn der Sohn dann auch noch in ein fernes Land geht, meint das mehr als die Sehnsucht nach Abenteuer und den Wunsch, Neues kennenzulernen. Es manifestiert die Ablehnung des Vaters, indem der Sohn auch alle Werte, die ihm seine Familie vermittelt hat, über Bord wirft. Er will letztlich nichts mehr mit seiner Vergangenheit zu tun haben und jede Verbindung mit seiner Heimat lösen.

Wie könnte man nämlich weiter weggehen, als dadurch dass man sich von seiner Heimat nicht durch den Ort, sondern durch sein Verhalten trennt? (Ambrosius)
Das Weggehen von Zuhause ist also viel mehr als ein in Zeit und Raum eingebundenes geschichtliches Ereignis. Es ist die Ablehnung der Wirklichkeit, dass ich mit allen Fasern meines Seins Gott gehöre, dass Gott mich in einer ewigen Umarmung sicher hält, dass Gott mich wirklich in seine Hand geschrieben hat und in seinem Schatten birgt. (Henri Nouwen)

Wo vergesse ich, dass ich in Gottes Hand sicher geborgen bin?
Wo suche ich ein neues Zuhause, weit weg von Gott?
Kann ich Gott als liebevollen Vater erfahren, der mir ein Zuhause schenkt?

Der jüngere Sohn reiste in ein fernes Land, aber nicht dadurch dass er räumlich von Gott wegging, der überall ist, sondern durch seinen freien Willen: Denn der Sünder flieht vor Gott, um möglichst weit entfernt von ihm zu sein. (Chrysostomus)
Verlorener Sohn

Umkehr

Da ging er in sich. (Lk 15,17)

In der Fremde findet der jüngere Sohn kein Glück. Solange er Geld hat, ist er beliebt und hat "Freunde". Doch es bleibt alles im Oberflächlichen. Keiner sieht, wer er wirklich ist. Erst als er ganz am Boden ist, als er nicht einmal mehr das bekommt, was man den Schweinen zum Fraß vorwirft, kommt er zur Besinnung. Er erinnert sich an das, was er aus seinem Gedächtnis löschen wollte: Das Haus des Vaters.
In seinem Hunger denkt er daran, dass selbst die Tagelöhner seines Vaters mehr als genug zu essen haben. Doch es geht hier um mehr als nur um den Hunger nach Nahrung. Es geht um die Sehnsucht nach einem Zuhause. Selbst die Tagelöhner können im Haus seines Vaters so etwas wie Heimat erfahren. Das Gutshaus des Vaters ist wie eine große Familie, in der jeder seinen Platz hat.
Er erkennt in dem Vater einen, der ihm wirklich Liebe geschenkt hat, bedingungslose Liebe, die nicht auf dem beruhte, was er geleistet hat, sondern die er ihm schenkte, einfach weil er sein Sohn war.
Er mag eine Ahnung von dieser Liebe des Vaters bekommen haben und in der Ferne in seinem Elend mag er erst verstanden haben, was diese Liebe bedeutet. Nachdem er die Erfahrung gemacht hat, wie schnell sich Menschen, die man als Freunde ansah, von einem abwenden können, konnte er erst verstehen, was eine Liebe bedeutet, die bleibt und beständig ist.
Er weiß aber auch, dass er diese Liebe nicht verdient hat. Er erwartet nicht, dass der Vater ihn wieder in die volle Würde des Sohn-Seins einsetzt. Aber es genügte ihm schon, wenn er im Haus den Vaters wie ein Tagelöhner leben könnte. Er will heimkehren und seinen Vater um Vergebung bitten.
Ja, er hat einen Vater. Er nennt den, der "für ihn gestorben" war, den er aus seiner Erinnerung verdrängen wollte, wieder seinen Vater

Wie barmherzig ist der Vater, der beleidigt worden ist! Er weigert sich nicht, den väterlichen Namen zu hören. Dies ist das erste Sündenbekenntnis beim Schöpfer der Welt, dem Herrn der Barmherzigkeit und dem Richter über die Schuld. Auch wenn Gott alles weiß, wartet er dennoch auf das Bekenntnis aus deinem Mund: Das ausdrückliche Bekenntnis nämlich führt zum Heil, denn es nimmt das Gewicht des Irrtums hinweg, mit dem sich ein jeder belastet. (Ambrosius)

Heimkehr

Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem kommen. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. (Lk 15,20)

Der verlorene Sohn macht sich auf dem Weg zum Vater - und der Vater kommt ihm schon von weitem entgegen. Er hat auf seine Rückkehr gewartet, immer wieder hat er in die Ferne gesehen, auf den Weg, den der Sohn gegangen ist, als er das Haus verließ. Voller Sehnsucht hat er auf den Moment gewartet, den verlorenen Sohn wieder in seine Arme zu schließen.
Nun ist er endlich da. Als der Sohn zu seiner Rede ansetzt, um den Vater um Verzeihung zu bitten, lässt er ihn nicht ausreden. Denn was sollen hier Worte. Der Sohn ist zurückgekehrt, alles andere ist bedeutungslos.
Gott wartet in seiner Liebe auf unsere Heimkehr.

Er läuft dir also entgegen, weil er hört, was du im geheimen Inneren deines Herzens denkst; und da du noch weit entfernt bist, läuft er dir entgegen, damit dich nicht jemand aufhält ... und er fällt im Gefühl väterlicher Liebe dem Sohn um den Hals, um den daniederliegenden aufzuheben und den mit Sünden beladenen und ins Irdische abgesunkenen wieder zum Himmel hin aufzurichten. (Ambrosius)

Gott wartet auf unsere Heimkehr, aber er zwingt sie nicht herbei. Doch wenn wir uns dazu entschließen, zu ihm aufzubrechen, dann ist er da, um uns in seine Arme zu schließen.

Gott ist da, Gottes Licht ist da. Gottes Vergebung ist da. Gottes grenzenlose Liebe ist da. Was ganz klar ist, das ist: Gott ist immer da, immer bereit, zu vergeben und zu geben, völlig unabhängig von unserer Antwort. Die Lieben Gottes hängt weder von unserer Reue noch von unseren inneren oder äußeren Veränderungen ab. (Henri Nouwen)

Die Heimkehr spüren

Es lässt sich viel sagen über die Heimkehr des verlorenen Sohnes und die Barmherzigkeit des Vaters, aber vielleicht können wir die Bedeutung dieses Gleichnisses viel tiefer erfahren, wenn wir versuchen zu erspüren, wie der Sohn diese Rückkehr erfahren hat - mit allen unseren Sinnen.

Zunächst sieht der Sohn den Vater, wie er ihm von weitem entgegenkommt.
Wir denken daran, wie uns das Herz aufgeht, wenn wir uns mit einem lieben Menschen verabredet haben, und dann erkennen wir den anderen, wir gehen aufeinander zu, freuen uns auf die Begegnung.
Welchen "Treffpunkt" habe ich mit Gott ausgemacht?

Dann hört der Sohn die Stimme des Vaters: "Wir wollen fröhlich sein, denn mein Sohn war tot und lebt wieder, er war verloren und ist wiedergefunden worden."
Wie gut tun uns Worte, die uns etwas Schönes sagen. Erinnern wir uns an Begegnungen, an denen mir jemand gesagt hat, wie wertvoll ich für ihn bin. Lauschen wir auf diese Stimme.
Gott sagt zu jeder und jedem von uns: "Du bist kostbar und wertvoll" (vgl. Jes 43,4). Kann ich diese Worte Gottes hören?

Verlorener Sohn

Der Sohn spürt die liebevolle Umarmung des Vaters, er spürt Angenommen-Sein und Geborgenheit.
Ich versuche nachzuspüren, wie sich diese Umarmung anfühlt. Wo durfte ich diese Erfahrung tiefer Geborgenheit machen?
Fühle ich mich bei Gott geborgen? Ich lasse die Worte auf mich wirken: "Bei Gott bin ich geborgen, still, wie ein Kind, bei ihm ist Trost und Heil."

Als der Sohn in den Armen des Vaters ruht, nimmt er den Geruch des Vaters intensiv wahr. Es ist der Geruch der Heimat, der vertraute Geruch aus den Tagen der Jugend. Vielleicht hatte er vergessen, wie sein Zuhause riecht, aber nun nimmt er diesen Geruch auf eine ganz neue und intensive Weise wahr.
Wir gewöhnen uns schnell an Gerüche. Wenn wir aber einige Zeit weg sind, dann merken wir wieder neu, wie es bei uns Zuhause riecht. Jeder Mensch, jede Wohnung hat einen unverwechselbaren Geruch, "Stallgeruch". Ich versuche aufmerksam dafür zu sein.
Kann ich Gott riechen?

Wie kann der Sohn die Heimkehr in das Haus des Vaters schmecken? Ich denke hier an das Freudenmahl, das für ihn zubereitet wird. Nach der langen Zeit des Hungers kann er all diese leckeren Sachen nun wieder ganz neu genießen.
Wir haben unser Lieblingsessen, etwas, das nur Zuhause so schmeckt. Jede Region hat ihre eigene Küche. Der Geschmack des Essens ist ein Teil von Heimat.
Wir erhalten schon auf Erden einen Vorgeschmack auf die himmlischen Güter. Wie mögen diese wohl schmecken?

Mein Herr, dein Herz kennt nur Liebe, uneingeschränkte, bedingungslose Liebe. Dein Herz spricht von Güte, Zärtlichkeit, Vergebung, Freude, Friede und Freiheit. Dein Herz steht allen offen, die kommen wollen, welche Last sie auch drücken mag.
Ich bitte dich, Herr, lass mich immer tiefer in das Geheimnis deines heiligsten Herzens eindringen und dort die Quelle allen Trostes und aller Stärkung finden.
Lass mich so vollkommen in der aus deinem Herzen strömenden Liebe versinken, dass ich allen, denen ich begegne, nichts anderes als ein lebendiger Zeuge deiner grenzenlosen Liebe sein kann. Amen.
Henri Nouwen
Verlorener Sohn

Der ältere Sohn

Der ältere Sohn wurde zornig und wollte nicht hineingehen - sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu. (Lk 15,24)

Der letzte Abschnitt des Gleichnisses stellt die größte Herausforderung an den Hörer dar, und es ist unverständlich, warum er von manchen aus "pastoralen Gründen" bei der Verkündigung des Evangeliums weggelassen wird.
Wir glauben an einen barmherzigen Gott, auch wenn wir das Ausmaß seiner Barmherzigkeit nie ganz erfassen werden. Wir glauben daran, dass Gott den Sünder, der umkehrt, immer wieder in die Arme schließt. Aber denken und handeln wir nicht doch manchmal wie der ältere Sohn?
Der ältere Sohn erscheint als mustergültig. Er arbeitet fleißig, sein Leben verläuft in geordneten Bahnen, er vermeidet es, dem Vater irgendwelchen Kummer zu bereiten. Und der Vater schätzt seinen älteren Sohn und weiß, was er an ihm hat.

Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles was mein ist, ist auch dein. (Lk 15,31)

Wie könnte der Vater die Verbindung zu seinem Ältesten tiefer beschreiben. Und er will, dass er sich zusammen mit ihm über die Rückkehr seines Bruders freut. Ja, er kommt sogar zu ihm heraus - geht ihm also wie dem jüngeren Sohn entgegen - um ihn zum Fest einzuladen.
Doch der ältere Sohn spürt eine Verbitterung im Herzen. Er fühlt sich zurückgesetzt. Er kann nicht verstehen, dass der Vater den verlorenen Sohn ebenso liebt wie ihn.
Der hier - den willst du wieder ins Haus lassen? Der dich zutiefst verachtet und gedemütigt hat? Der dein Geld verprasst hat? Der unter den Schweinen gesessen hat? Er wollte es doch so, soll er zusehen, was er nun macht!
Das Bild zeigt die Hand des älteren Sohnes, der mit dem Finger auf all die Fehler des jüngeren zeigt. Hat er selbst nicht mehr Liebe verdient nach all dem, was er für den Vater getan hat? Und dieser andere da, den er nicht mehr seinen Bruder nennt, hat er nicht jedes Anrecht auf Liebe verspielt?
Mit seiner Ablehnung treibt der ältere Sohn einen Keil in das Verhältnis zum Vater. Er weist die Liebe des Vaters zurück. Er will keine Liebe, die er mit einem wie diesem Heimkehrer da teilen muss. Er versteht nicht, dass die Liebe des Vaters nicht geringer wird, wenn er sie teilt, ja dass Liebe nur möglich ist, wenn sie geteilt wird. Wer Liebe nur für sich beansprucht, ohne bereit zu sein, sie zu teilen, hat noch nicht erfasst, was Liebe ist.

Die Barmherzigkeit des Vaters ist grenzenlos. Das will er seine beiden Söhne lehren. Und wer zum Vater gehören will, der muss bereit sein, für diese Barmherzigkeit.
Wird der ältere Sohn die Lektion des Vaters lernen?
Wie der ältere Sohn stellt das Gleichnis an jeden von uns die Frage, ob wir bereit sind zu akzeptieren, dass Gott seine Liebe allen schenkt und nicht nur denen, die wir selbst für würdig erachten.
Ich versuche in mein Herz zu spüren. Wo empfinde ich Verbitterung und Neid? Ich halte sie Gott hin. Bin ich bereit, seine Einladung zum Fest der Freude anzunehmen?

Verlorener Sohn
Ich weiß nicht, wie der jüngere Sohn die Feier aufnahm oder wie er nach seiner Rückkehr mit dem Vater lebte, ich weiß auch nicht, ob sich der ältere Sohn jemals mit seinem Bruder, seinem Vater oder sich selbst versöhnte.
Was ich jedoch mit unerschütterlicher Sicherheit weiß, ist, wie das Herz des Vaters ist:
ein Herz von grenzenlosem Erbarmen.
(Henri Nouwen)

Der verlorene Sohn - heute

Zum Gleichnis vom verlorenen Sohn habe ich eine schöne Geschichte gefunden:
Ich saß im Zugabteil einem jungen Mann gegenüber. Er sah versunken vor sich hin. Ab und zu sprang er auf, um aus dem Fenster zu sehen. Auf meine Frage nach dem Grund erzählte der junge Mann, dass er gerade aus dem Gefängnis entlassen sei, in dem er mehrere Jahre einsaß. Seine Angehörigen hätten den Kontakt mit ihm abgebrochen, da er sie sehr enttäuscht hatte.
Nun, vor der Entlassung aus dem Gefängnis, bat der junge Mann um Vergebung. Er fügte hinzu: "Ich komme dann und dann mit dem Zug. Vor unserem Ort steht ein Apfelbaum. Wenn ich aus dem Fenster schaue und am Apfelbaum ein weißes Band sehe, dann steige ich aus - sehe ich kein Band, dann fahre ich weiter."
Der Heimatort kam näher und näher und seine Unruhe steigerte sich. Schließlich sagte er zu mir: "Bitte, schauen Sie aus dem Fenster, ich kann es nicht." Ich stand auf und sah hinaus. Als der Apfelbaum in Sicht war, rief ich: "Schauen Sie, schauen Sie!"
Der junge Mann sprang auf und wir erblickten einen Apfelbaum, der über und über mit weißen Bändern geschmückt war! Das Antlitz des jungen Mannes erstrahlte in einer Glückseligkeit, wie ich sie nie wieder gesehen habe.

Verlorener Sohn

Unverschämt - Der jüngste Sohn fordert sein Erbteil, verlässt das Elternhaus, um sich ein schönes Leben in der weiten Welt zu machen. Seine Familie kümmert ihn einen Dreck. Er will Spaß und sonst nichts.

Am Boden - Doch irgendwann ist das Geld alle, niemand mehr da, der zu ihm hält. Die Schweine - für die Juden unreine Tiere - muß er hüten, ein sozialer Abstieg ins Bodenlose.

Reumütig - Da geht er in sich. Er will zu seinem Vater zurück. Dort geht es ihm gut, auch wenn der Vater ihn aus Zorn nur als Tagelöhner anstellen würde. Er bekennt aufrichtig: Ich habe gesündigt. Was ich getan habe, war falsch.

Bedingungslos - Der Vater fragt nicht: Wo warst du? Was hast du getan? Er sieht die Not seines Sohnes. Er ist sein Sohn geblieben, der Abschied war für ihn schmerzhaft, das Schicksal seines Sohnes ging ihm zu Herzen, das Wiedersehen ist ihm Freude. Er nimmt ihn wieder an als Sohn, bedingungslos.

Zweifelnd - Der ältere Sohn kann den Vater nicht verstehen. Er war immer für ihn da - hat er da nicht mehr verdient, als dieser Schuft, der die Hälfte des Familienvermögens verprasst hat? Wird er die grenzenlose Liebe des Vaters erkennen, der alle gleich liebt, dessen Liebe kein Mehr oder Weniger kennt, weil sie vollkommen ist?