Die Heiligen

21.4. Anselm v.Canterbury

Anselm von Canterbury

Anselm von Canterbury
1033-1109
Bischof
Kirchenlehrer

Anselm wurde 1033 (oder 1034) in Aosta als erstgeborener Sohn einer Adelsfamilie geboren. Seine fromme Mutter schickte ihn zur Erziehung und ein nahes Benediktinerkloster. Dort reifte auch in Anselm selbst bald der Wunsch, Mönch zu werden. Doch sein Vater stellte sich mit aller Kraft gegen diesen Plan seines Sohnes. Anselm wurde schwer krank, dann entfloh er dem Elternhaus und ging nach Frankreich, das "Boomland" der damaligen Zeit. Sein Weg zeigt, wie international das Leben in der damaligen Zeit, zumindest für die Oberschicht, gewesen ist.
Anselm suchte Bildung und fand bald zu einem der gelehrtesten Männer seiner Zeit, Lanfrank, Prior der Benediktinerabtei von Bec in der Normandie. 1060 trat er in das damals sehr berühmte Kloster Bec ein und wurde im Jahr 1079 selbst Abt dieses Klosters. 1093 wurde er trotz seines heftigen Widerstands Erzbischof von Canterbury und somit nach dem König der zweitwichtigste Mann im Königreich England.
Anselm trägt den Titel eines Kirchenlehrers und wird der Vater der Scholastik genannt, jener theologischen Denkrichtung, die bis vor etwa 100 Jahren für die katholische Kirche bestimmend war. Bis hin zu Anselm kam es in der Theologie vor allem darauf an, die Inhalte des Glaubens mit Zitaten aus der Heiligen Schrift und den Kirchenvätern zu belegen. Anselm will einen anderen Weg gehen. Mittels der wissenschaftlichen Disziplinen der Rhetorik und Dialektik will er die Glaubensinhalte allein mit der Vernunft erklären. Somit müssen seiner Meinung nach auch Nicht- und Andersgläubige, die den Glauben Anselms nicht nachvollziehen können, zu der Erkenntnis kommen, dass die Inhalte dieses Glaubens wahr sind. Die drei bedeutendsten Schriften Anselms sind das Monologion (Selbstgespräch), das Proslogion (Anrede) und Cur Deus Homo (warum Gott Mensch wurde).
Glaubensinhalte sind für Anselm keine der Beliebigkeit preisgegebenen Meinungen, sondern objektive Wahrheiten. Sie sind wahr, unabhängig vom Glauben des einzelnen, weil ihre Wahrheit nach den Gesetzen der Vernunft bewiesen werden kann. Anselm wollte so zeigen, dass Gott existiert, dass er gut und gerecht ist, dass Gott dreieinig ist und dass er der Grund und das Ziel der Welt ist und dass der Mensch als Ebenbild Gottes nur in Gott seine Glückseligkeit findet.
Dabei war Anselm selbst ein tiefgläubiger Mensch. Die Klarheit und logische Strenge seines Denkens hatten immer zum Ziel, den Geist zur Betrachtung Gottes zu erheben. Wer Theologie betreiben will, kann nicht allein auf den Verstand zählen, sondern muss gleichzeitig eine tiefe Glaubenserfahrung pflegen. Es geht Anselm nicht darum, nach Vernunfteinsichten zu suchen, um glauben zu können, sondern er glaubt, um Einsicht zu gewinnen. Es ist der Glaube, der die Erkenntnis sucht (fides quaerens intellectum). Nicht die Erkenntnis steht an erster Stelle, sondern der Glaube. Anselm sagt ganz deutlich:

Ich glaube, um zu begreifen (credo ut intellegam).

In langen Überlegungen sucht Anselm nach einem Argument, mit dem die Existenz Gottes zweifelsfrei bewiesen werden kann. Daraus ist sein sogenannter ontologischer Gottesbeweis entstanden. Anselm geht davon aus, dass alle Menschen, ob gläubig oder ungläubig, unter dem Begriff "Gott" jenes Wesen verstehen "über das hinaus Vollkommeneres nicht gedacht werden kann." Der Gläubige hält dieses Wesen für existent, für den Ungläubigen ist es nur ein Begriff des Denkens.
Die bis heute umstrittene These Anselms besteht darin, dass auch der Ungläubige, wenn er in seinem Denken den Gesetzen der Vernunft folgt, das Wesen, über das hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden kann, als existierend denken muss. Es kommt Anselm also auf das folgerichtige Denken an und deshalb darf für ihn, damit sein Beweis schlüssig ist, die Definition Gottes auch nicht lauten, Gott sei das vollkommenste Wesen, sondern muss, wie oben genannt, lauten, dass Gott das Wesen ist, über das hinaus Vollkommeneres nicht gedacht werden kann.
Wenn nun der Ungläubige sagt, es existiere kein Wesen, über das hinaus Vollkommeneres nicht gedacht werden kann, so kann doch in Gedanken dieses als nichtexistent behauptete Wesen verglichen werden mit einem Wesen jener Art, das auch existiert. Ein Wesen, das existiert, ist aber vollkommener als eines, das nur gedacht wird und daher muss das Wesen, über das hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden kann, auch als existierend gedacht werden.
Mit anderen Worten: Jeder Mensch kann sich in seinem Denken ein Bild von Gott machen, und wenn er sich Gott denkt, so denkt er ihn als ein Wesen, über das hinaus Vollkommeneres nicht gedacht werden kann. Wenn ein Mensch ein solches Wesen denkt, so kann er es sowohl als existierend, aber auch als nicht existierend denken. Weil jeder Mensch aber beides vermag, muss dieses Wesen, das als existierend gedacht werden kann, auch in Wirklichkeit existieren, weil das, was existiert, größer ist als das, was nur gedacht wird. Es wäre daher inkonsequent, ein Wesen, über das hinaus Vollkommeneres nicht gedacht werden kann, nur im Denken und nicht auch in der Wirklichkeit als existierend anzunehmen.
Schon zu Lebzeiten Anselms schrieb ein Mönch Namens Gaunilo einen Einwand gegen diesen Gottesbeweis, den Anselm aber mit einer Gegenschrift entkräftigte. Dennoch wollte Anselm, dass die Einwände Gaunilos zusammen mit seiner eigenen Schrift veröffentlicht werden.

Die letzten Jahre seines Lebens verbringt Anselm im Exil in Süditalien, wohin er sich nach Auseinandersetzungen mit dem englischen König begeben musste. Sein Werk wird noch viele Theologen und Philosophen bis in unsere Zeit hinein beschäftigen. Anselm zeigt uns, dass "frommer Glaube" und "vernünftiger Glaube" keine Widersprüche sind, sondern einander ergänzen. Es ist der Glaube selbst, der das vernünftige Denken des Menschen herausfordert. Diesem Anspruch gerecht zu werden, ist für die Gläubigen zu allen Zeiten eine Herausforderung.

Anselm von Canterbury

Lauschen wir noch ein wenig seinen Worten aus dem Prolog seines Werkes Proslogion:

Wohlan nun, Mensch, entfliehe ein wenig deinen Beschäftigungen, verbirg dich ein Weilchen vor deinen lärmenden Gedanken. Wirf ab nun deine beschwerlichen Sorgen und lege deine mühevollen Geschäfte beiseite.
Sei frei ein wenig für Gott und ruhe ein bisschen in ihm.
Tritt ein in die Kammer deines Herzens, halte fern alles außer Gott und was dir hilft, ihn zu suchen, und hinter verschlossener Türe suche ihn.
Sprich jetzt, mein ganzes Herz, sprich jetzt zu Gott: "Ich suche Dein Antlitz; Dein Antlitz, Herr, suche ich."
Wohlan nun, Herr, Du mein Gott, lehre mein Herz, wo und wie es Dich suchen, wo und wie es Dich finden kann.
Herr, wenn Du hier nicht bist, wo soll ich Dich suchen, den Abwesenden? Wenn Du aber überall bist, warum sehe ich nicht den Anwesenden?
Doch gewiss wohnst Du in einem unzugänglichen Licht. Aber wo ist das unzugängliche Licht? Oder wie kann ich zu dem unzugänglichen Licht gelangen? Oder wer wird mich dort hinführen und hineinführen, dass ich Dich dort sehe?
Was soll tun, höchster Herr, was soll dieser Dein in die Ferne Verbannter tun? Was soll Dein Knecht tun, der ängstlich besorgt ist in Liebe zu Dir und weit hinweg von Deinem Antlitz verstoßen ist?
Er lechzt Dich zu sehen - und allzu ferne ist ihm Dein Antlitz; er begehrt zu Dir zu gelangen - und unzugänglich ist ihm Deine Wohnung; er wünscht Dich zu finden - und weiß nicht Deinen Ort; er verlangt Dich zu suchen - und kennt nicht Dein Antlitz.
Herr, mein Gott bist Du und mein Herr bist Du - und niemals habe ich Dich gesehen; Du hast mich geschaffen und erneuert und alle Güter hast Du mir verliehen - und noch habe ich Dich nicht erkannt; schließlich wurde ich geschaffen, um Dich zu sehen - und noch habe ich nicht getan, wofür ich geschaffen wurde. ...
Ich flehe, Herr, zu Dir, lass mich nicht seufzend verzweifeln, sondern in Hoffnung aufatmen! Ich flehe, Herr, bitter geworden ist mein Herz in seiner Verlassenheit, versöhne es durch Deinen Trost! Ich flehe, Herr, hungernd begann ich Dich zu suchen, lass mich nicht ungespeist von Dir gehen! ...
Lehre mich Dich zu suchen und zeige Dich dem Suchenden; denn ich kann Dich weder suchen, wenn Du es mich nicht lehrst, noch Dich finden, wenn Du Dich nicht zeigst. Lass mich Dich suchen, indem ich nach Dir verlange, lass mich nach Dir verlangen, indem ich Dich suche! Lass mich Dich finden, indem ich Dich liebe, lass mich Dich lieben, indem ich Dich finde!
Ich bekenne, Herr, und sage Dank, dass Du mach als Dein Ebenbild erschaffen hast, damit ich, Deiner mich erinnernd, Dich denke, Dich liebe. ...
Herr, ich versuche nicht, in Deine Höhe vorzudringen, mein Verstand kann Dich ja auf keine Weise erreichen. Aber ich verlange danach, Deine Wahrheit einigermaßen zu begreifen, die mein Herz glaubt und liebt.
Denn ich suche nicht zu begreifen, um zu glauben, sondern ich glaube, um zu begreifen. Denn auch das glaube ich: wenn ich nicht glaube, werde ich nicht begreifen.