"Willst du dich jetzt mit Naturheilkunde beschäftigen?" fragte mich ein Kollege, als er mich mit einem Buch über die Hl. Hildegard sah. Hildegard-Medizin, Kochrezepte, Kuren und vieles mehr haben heute Hochkonjunktur und machen Hildegard zu einer der bekanntesten Frauen des Mittelalters weit über den Rahmen der Kirche hinaus. Doch Hildegard ist mehr als eine begabte Kräuterfrau, und das Bild, das viele heute von ihr haben, wird ihrem Wesen nicht gerecht. Sie war Künstlerin und Wissenschaftlerin, Mystikerin und Ärztin, Dichterin, politisch engagiert und vor allem ging es ihr um die Verkündigung des Glaubens an Jesus Christus.
Hildegard war das Kind vornehmer Eltern. Bereits mit sieben Jahren wurde sie zur Erziehung auf den Disibodenberg gebracht. Dort entstand aus einer Klause ein Kloster der Benediktinerinnen, in das Hildegard dann auch eingetreten ist. Sie hat also die meiste Zeit ihres Lebens im Kloster verbracht. Doch ihr Leben hat sich nicht nur hinter Klostermauern abgespielt. Sie hatte eine ganz besondere Berufung, die sie trotz aller Widerstände gelebt hat.
1136 wurde Hildegard Priorin auf dem Disibodenberg. 1147/48 entschied sie, ein neues Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen zu gründen, das sie als Äbtissin leitete. 1165 gründete sie das Tochterkloster Eibingen bei Rüdesheim. Während vom Kloster Rupertsberg heute so gut wie keine Spuren mehr vorhanden sind und auch das Kloster auf dem Disibodenberg nurmehr eine Ruine ist, leben im Koster Eibingen bis heute Bedediktinerinnen.
Hildegard hatte schon früh Visionen, trat damit aber nicht an die Öffentlichkeit. Erst im Jahr 1141 erhielt sie in einer Vision den Auftrag, das was Gott ihr sagte und zeigte, auch öffentlich bekannt zu machen. Hildegard beschreibt dieses Erlebnis im Vorwort zu einem ihrer bekanntesten Bücher "Scivias - Wisse die Wege!" mit folgenden Worten:
"Im Jahre 1141 der Menschwerdung Jesu Christi, als ich zweiundvierzig Jahre und sieben Monate alt war, sah ich ein überaus stark funkelndes Licht aus dem geöffneten Himmel kommen. Es durchströmte mein Gehirn, mein Herz und meine Brust ganz und gar, gleich einer Flamme, die jedoch nicht brennt, sondern erwärmt. Es erglühte mich so, wie die Sonne einen Gegenstand erwärmt, auf den sie ihre Strahlen ergießt. Und plötzlich hatte ich die Einsicht in den Sinn und die Auslegung des Psalters, des Evangeliums und der anderen Schriften des Alten und Neuen Testamentes."
Nach anfänglichem Zögern kam Hildegard dem Dienst der Verkündigung mit großem Eifer nach. In einer für eine Frau in der damaligen Zeit außergewöhnlichen Weise reiste sie durch die Lande und verkündete das, was Gott ihr sagte. Sie traf sich mit den Großen ihrer Zeit und hielt einen umfangreichen Briefwechsel. Zudem hatte sie die offizielle kirchliche Erlaubnis zu predigen.
Hildegard begann 1141 ihre Visionen schriftlich festzuhalten. Viele ihrer Werke sind auch heute einer großen Öffentlichkeit zugänglich. Die kirchliche Obrigkeit, Päpste und Bischöfe interessierten sich für ihre Visionen und unterzogen sie einer eingehenden Prüfung. Es konnte nichts festgestellt werden, was der kirchlichen Lehre widersprach und ihre Schriften erlangten die offizielle Anerkennung der Kirche. In dem großen Mönch und Theologen Bernhard von Clairvaux hatte sie einen bedeutenden Fürsprecher.
Neben ihren mystischen Schriften erwies sich Hildegard auch als Dramaturgin, Dichterin und Komponistin und verfasste Texte und Melodien zu 77 Liedern und ein Singspiel. Der Gedanke der Einheit und Ganzheit ist der Schlüssel zu Hildegards natur- und heilkundlichen Schriften. In ihnen hat Hildegard 280 Pflanzen und Bäume katalogisiert und nach ihrem Nutzen für Kranke aufgelistet. Der Rupertsberg wurde das Zentrum der Kranken, Hilfe- und Ratsuchenden des ganzen damaligen Rheingaus. Wahrscheinlich ist es gerade dieser Gedanke der Einheit von Leib, Seele und Geist, der Hildegards heilkundliche Schriften heute so populär macht.