Unter den Namen, die der Heiligenkalender der katholischen Kirche aufweist, nimmt Franziskus eine herausragende Stellung ein. Christen und Nichtchristen, gläubige und ungläubige Menschen lieben diesen Mann. Von ihm geht eine Heiterkeit aus und ein Friede, der ihn jenseits aller sonst unversöhnlich scheinender Gegensätze stellt. Heute fasziniert Franziskus viele durch seine entschlossene Absage an die Welt des Besitzes und seine ungekünstelte Liebe zur Schöpfung, zu den Vögeln, zu den Fischen, zum Feuer, zum Wasser, zur Erde. Wenn man Franziskus genau ansieht, dann wird er überall auch zur Korrektur unserer Einstellungen. Er bestätigt uns nicht einfach; er ist viel anspruchsvoller, als wir es gerne wahrhaben möchten, und er führt uns mit seinem Anspruch zum Anspruch der Wahrheit selbst.
Nehmen wir als einen Aspekt den Umgang des hl. Franziskus mit der Schöpfung heraus. Dazu zunächst eine kleine Geschichte: Franziskus bat den Bruder, der den Garten bestellte, nie das ganze Erdreich mit Gemüse zu bepflanzen, sondern einen Teil des Gartens für Blumen freizulassen, damit er zu jeder Zeit des Jahres unsere Schwestern, die Blumen hervorbringe, aus Liebe zu der, welche genannt wird "die Blume des Feldes und die Lilie des Tales." (Hld 2,1) Ebenso wollte er, daß stets ein besonders schönes Beet angelegt werde, damit Menschen zu allen Zeiten durch den Anblick der Blumen zum Lob Gottes begeistert würden, denn jedes Geschöpf ruft uns zu: Gott hat mich um deinetwillen erschaffen, o Mensch.
Bei dieser Geschichte kann man nicht einfach das Religiöse als überholten Kram beiseite lassen, um bloß die Absage an die schnöde Zweckmäßigkeit und die Erhaltung des Reichtums der Arten zu übernehmen. Wenn man dies will, tut man etwas ganz anderes, als Franziskus es getan und gewollt hat. Vor allem aber ist in dieser Geschichte nichts von dem Ressentiment gegen den Menschen als angeblichen Störenfried der Natur zu verspüren, das heute in so vielen Plädoyers für die Natur mitschwingt. Wenn der Mensch aus den Fugen gerät und sich selbst nicht mehr mag, dann kann die Natur nicht gedeihen. Ganz im Gegenteil: Er muß im Einverständnis mit sich selbst sein; nur dann kann er ins Einverständnis mit der Schöpfung treten und sie mit ihm. Und das wieder kann er nur, wenn er im Einverständnis mit dem Schöpfer ist, der die Natur gewollt hat und uns. Der Respekt vor dem Menschen und der Respekt vor der Natur gehören zusammen, aber beides kann letztlich nur gedeihen und sein Maß finden, wenn wir im Menschen und in der Natur den Schöpfer und seine Schöpfung respektieren. Nur von ihm her lassen sie sich zusammenfügen. Wir werden das verlorene Gleichgewicht gewiß nicht wiederfinden, wenn wir uns weigern, zu dieser Stelle vorzudringen. So haben wir allen Grund, uns durch Franz von Assisi nachdenklich machen und von ihm her auf den Weg bringen zu lassen.
Aus: Benedikt XVI., Gottes Glanz in unserer Zeit, S. 165-168