Kennen Sie den Propheten Micha? Ganz spontan wird vielleicht nur ganz besonderen Kennern der Hl. Schrift dazu etwas einfallen. Wenn ich Ihnen aber nur zwei Zitate aus diesem Buch nenne, werden Sie merken, dass sie Micha doch schon etwas kennen. Da ist zunächst die berühmte Verheißung des Messias in Mi 5,1:
"Du aber, Betlehem Efrata, klein zwar unter den Sippen Judas, aus dir geht mir hervor, der Herrscher sein soll in Israel."
Oder das bekannte Wort in Mi 4,3:
"Und sie werden ihre Schwerter umschmieden zu Pflugscharen und ihre Lanzen zu Winzermessern."
Dieser Text will nun versuchen, Ihnen den gesamten Propheten Micha nahezubringen. Ich möchte hier keine detailgetreue Exegese bieten, sondern versuchen, den Gedankengang der Michaschrift ein wenig sichtbar machen. Einige Abschnitte werden ausführlicher erläutert werden, während andere nur kurz vorgestellt werden. Immer ist aber der Leser, der möglichst parallel zum Kommentar dazu den entsprechenden Text in der Heiligen Schrift lesen sollte, dazu aufgefordert die Worte des Propheten auf sich wirken zu lassen und meditierend für sich selbst zu erschließen und sich dann im Gebet Gott anzuvertrauen.
Micha versteht sich als von Gott berufener Prophet. Dies wird schon in der Überschrift (1,1) deutlich. Die Völker um Israel herum kannten verschiedene prophetische Praktiken, Wahrsager an den Königshöfen, Tierbeschauer, Astrologen, Geistesbeschwörer. In Israel wurden solche heidnischen Praktiken massiv abgelehnt und bekämpft, was aber nicht verhindern konnte, daß sie immer wieder zutage traten. Auch kannte man in Israel Propheten am Königshof, die natürlich möglichst für den Herrscher günstige Visionen erzählen sollten. Wir werden uns im folgenden öfter als Gegner Michas sehen. Denn die wahren Propheten Israels sind die, die allein auf Gott hören und sich auf ihn verlassen und wirklich die Worte Gottes verkünden. Und diese sind eben oft gegen den König und die führenden Leute des Volkes gerichtet. Sie kritisieren deren ungerechtes Tun, das die Ordnung Gottes mit seinem Volk stört. Daher haben die wahren Propheten meist Verfolgungen zu erdulden, man denke nur beispielsweise an Elija und Jeremia. Als solcher, von Gott berufener Prophet versteht sich auch Micha. Er kommt aus Moreschet, einem Ort in der Umgebung von Jerusalem. Er tritt als Mahner auf, aber er verheißt auch das Heil, denn die Drohungen Gottes bleiben nicht beim Untergang stehen, sondern eröffen immer auch eine neue Zukunft, die Chance eines Neuanfangs auf dem Weg des Volkes mit seinem Gott.
Die Überschrift datiert das Wirken Michas auf die Zeit der Könige Jotam, Ahas und Hiskija, liegt also in einer Zeit zwischen ca. 750 und ca. 700 v.Chr. Man wird sicher sein können, daß das Buch in seiner heutigen Gestalt so nicht vom Propheten Micha geschrieben wurde. Vielmehr kann man davon ausgehen, daß das Buch bis zu seiner Endkonzeption mehrmals überarbeitet wurde, wobei die ursprünglichen Worte des Propheten durch neue Deutungen und Erweiterungen ergänzt wurden. Der Prophet hatte wohl die Zerstörung Samarias im Jahre 722 v.Chr. und die anschließende Bedrohung auch des Reiches Juda vor Augen. Jedoch ist Jerusalem damals noch mit dem Schrecken davongekommen. Erst im Jahre 586 v.Chr. wurde Jerusalem und der Tempel zerstört und das Volk ins babylonische Exil geführt. Man kann davon ausgehen, daß aus dieser Erfahrung heraus die Worte Michas neu gedeutet wurden und diese neuen Gedanken mit in den jetzigen Michatext eingeflossen sind. Wie dem auch sei, entscheidend ist für uns heute das Wort Gottes, die Heilige Schrift, wie sie in ihrer jetzigen Fassung vorliegt und so wollte Gott es, daß seine Worte uns überliefert werden, und wenn wir versuchen sie zu verstehen, zu meditieren, ins Gebet zu bringen, so müssen wir sie in ihrer heutigen Gestalt nehmen, denn so sind sie für uns gut.