Im Jahreskreis, Lesejahr C

Fest der Taufe des Herrn - Geliebt (Lk 3,15-22) 

Die Taufe des Herrn wird in der Kunst auf vielfältige Weise dargestellt. Im Mittelpunkt steht der Herr, der nackt in die Fluten des Jordan steigt. Ganz Mensch ist er hier, der Sohn Gottes. Er, der frei ist von jeder Sünde und der Umkehr nicht bedarf, nimmt die Taufe des Johannes auf sich, der die Menschen zur Umkehr ruft. Er, der stärker ist als Johannes und mit Heiligem Geist und Feuer taufen wird, taucht in Demut in das Wasser des Jordans.

Rechts sehen wir Johannes den Täufer. Er überragt Jesus, den er tauft. Zu beiden Seiten des Jordan stehen Gestalten, auf der einen Seite sind es oft Engel, sie tragen die Gewänder Jesu in den Händen, um ihn zu bekleiden, wenn er aus dem Wasser steigt. Hinter Johannes sehen wir dessen Jünger, einige von ihnen werden Jesu Jünger sein.

Dann geht der Blick nach oben. Von dort kommt der Heilige Geist in Gestalt einer Taube auf Jesus herab. Ein alter Mann oder die Hand aus der Wolke stellen Gottvater dar, der zu Jesus Christus spricht: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.“ Die Taufe des Herrn wird so zu einem innertrinitarischen, ganz von Gott gewirkten Geschehen. In der Taufe offenbart sich die Gottheit Jesu Christi. Der als Mensch im Jordan steht, ist Gottes geliebter Sohn seit Ewigkeit. Er bedarf der Taufe nicht, weil er schon immer eins ist mit dem Vater und dem Heiligen Geist, und doch nimmt er sie auf sich, weil sich so die Gerechtigkeit, der Wille des Vaters erfüllt.

Johannes der Täufer wirkt mit an diesem Geschehen. Obwohl Gott, der in sich vollkommen ist, des Menschen nicht bedarf, muss dennoch Johannes der Täufer mitwirken am Werk Gottes, indem er Jesus tauft. Obwohl Gott des Menschen nicht bedarf, hat er ihn geschaffen, aus reiner Liebe. Weil Gott den Menschen liebt, kam der Sohn Gottes in die Welt, um den Willen des Vaters zu tun. Gott will das Heil und die Erlösung des Menschen. Nur, wenn auch der Mensch Ja sagt zu Gottes Plan, kann sein Heil Wirklichkeit werden.

Gott will jeden Menschen hineinnehmen in das Wirken seiner Liebe. Der Vater spricht: Du bist mein geliebter Sohn. Dieses Wort Gottes gilt uns allen, wenn wir bereit sind, in Gottes Liebe einzutreten, wenn wir bereit sind, Ja zu sagen zu seinem Willen. Der erste Schritt dazu ist die Taufe, in der Gott uns von unseren Sünden reinigt und uns annimmt als seine geliebten Kinder. Was wir in der Taufe begonnen haben, gilt es in unserem Leben immer mehr zu verwirklichen.

Gottes Liebe zu uns Menschen offenbart sich in der Taufe Jesu. Folgen wir diesem Ruf der Liebe Gottes. Sagen wir Ja zu seinem Willen, geben wir ihm unsere Stimme, unsere Hände, uns selber ganz und gar.

2. Sonntag im Jahreskreis C - Die Hochzeit zu Kana (Joh 2,1-11) 

Am dritten Tag

Jesus hat Wasser in Wein verwandelt. Dies ist, ähnlich wie der Gang Jesu auf dem Wasser, ein Wunder, das selbst denen bekannt ist, die sonst nichts von Kirche und Bibel wissen wollen. In den Augen vieler Menschen ist es etwas Unverständliches, Komisches und selbst viele Christen fragen sich, warum Jesus gerade so ein Wunder tut und somit eigentlich doch eher eine unchristliche Trunksucht zu unterstützen scheint, als den Menschen wirklich zu helfen.

Der Schlüssel zu dem Ereignis, das sich auf der Hochzeit in Kana zugetragen hat, findet sich meiner Ansicht nach in den ersten Worten des Textes, die von den Herausgebern des Lektionars leider unterschlagen wurden. Wo wir am Sonntag hören „In jener Zeit ...“, steht in der Bibel „Am dritten Tag“. „Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt.“

Bei diesem Schlüsselwort „dritter Tag“ denken kundige Menschen – und solche spricht Johannes in seinem Evangelium an – sofort an ein bedeutsames Ereignis, das sich ebenso am dritten Tag ereignet hat, nämlich die Auferstehung Jesu. Somit wird die Verwandlung von Wasser in Wein als irdisches Ereignis zu einem Zeichen für etwas, das uns im Himmel erwartet. Johannes schreibt ja ausdrücklich: „So tat Jesus sein erstes Zeichen in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit.“ (2,11)

Wofür soll aber die Verwandlung von Wasser und Wein ein Zeichen sein? Ich denke für nichts anderes als die Fülle der Freude, die uns im Himmel erwartet. Wie Jesus am dritten Tage auferweckt wurde, so wartet auf uns alle die Auferstehung nach dem Tod. Eine Hochzeit mit bestem Wein in guter Gesellschaft ist eines der glücklichsten Feste, das sich Menschen vorstellen können. Das himmlische Hochzeitsmahl im Reich Gottes – von dem auch die anderen Evangelien sprechen – wird dieses Glück und diese Freude noch überbieten. Hier auf Erden kommt nach dem Fest wieder der Alltag. Im Reich Gottes erwartet uns ein ewiges Fest. Hier auf Erden ist es guter Wein, der des Menschen Herz erfreut, im Himmel werden wir trunken sein von der Anschauung Gottes. Die Hochzeit von Kana gibt uns einen Vorgeschmack davon, welches Glück es sein wird, die Herrlichkeit Gottes einst unverhüllt zu schauen.

3. Sonntag im Jahreskreis C - Sorgfältig und Zuverlässig (Lk 1,1-4; 4,14-21)

Sorgfalt und Zuverlässigkeit, das sind die Kernworte aus dem Vorwort des Lukas-Evangeliums. Lukas schreibt sein Evangelium etwa 50 Jahre nach den Ereignissen, von denen er berichtet. Vieles ist seither geschehen. Die Menschen sind vielleicht auch verunsichert, ob sie dem Vertrauen schenken können, was die Christen verkünden.

Als Quelle seines Evangeliums dienen Lukas Berichte, die zu seiner Zeit im Umlauf sind und die sich auf die Überlieferung der Menschen stützen, die selbst Augen- und Ohrenzeugen Jesu Christi gewesen sind. Es müssen also zur Zeit des Lukas schon verschiedene Aufzeichnungen über Leben und Wirken Jesu Christi im Umlauf gewesen sein. Besonders denken wir dabei an das ältere Markus-Evangelium und die Logienquelle, eine nicht mehr vorhandene Sammlung von Worten und Taten Jesu Christi.

Diese Quellen hat Lukas sorgfältig überprüft, damit zum einen der Adressat des Evangeliums, ein gewisser Theophilus, aber auch alle Menschen bis hin zu uns heute sich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen können, in der sie unterwiesen wurden.

Das, wovon Lukas berichtet, ist von höchster Bedeutung. Im zweiten Abschnitt des heutigen Evangeliums hören wir den Bericht von der ersten öffentlichen Rede Jesu. Nachdem Jesus, wie es im Synagogengottesdienst üblich ist, eine Stelle aus der Heiligen Schrift vorgetragen hat – in diesem Fall handelt es sich um die Heilszusage Gottes in Jesaja 61,1f – legt er diese Stelle aus.

Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt. Eine unerhörte Aussage, die nur einer wagen kann, nämlich der Sohn Gottes selbst. In ihm ist das Heil, das Gott für alle Menschen bereitet hat, Wirklichkeit geworden:

Er bringt den Armen eine gute Nachricht.

Er verkündet den Gefangenen die Entlassung

und den Blinden das Augenlicht.

Er setzt die Zerschlagenen in Freiheit

und ruft ein Gnadenjahr des Herrn aus.

Die Lehre der Christen ist nicht eine abstrakte Lehre über eine ferne Gottheit, sondern ganz nah, im Heil des Alltags, zeigt sich das Wirken Gottes. Dass sich all dies wirklich in diesem Jesus erfüllt hat, davon kündet uns das Evangelium.

Doch dieses Heute der Erfüllung ist nicht auf das Auftreten Jesu Christi beschränkt. Dieses Heute bleibt nach der Auferstehung Jesu Christi dauernde Wirklichkeit auf Erden. Im Glauben an Jesus Christus sind die Menschen zu allen Zeiten aufgerufen, das Heil Gottes in dieser Welt erfahrbar zu machen.

Das Handeln Jesu Christi im Heute gegenwärtig zu setzen, das ist der Auftrag an alle Christen. Sie können sich darauf verlassen, dass Jesus Christus wirklich der Sohn Gottes ist, in dem Gott den Menschen die Erfüllung seiner Verheissungen gebracht hat und der bleibend unter den Menschen gegenwärtig ist.

Die Kirche als Leib Christi (1Kor 12,12-31a) 

Es ist nicht zuletzt das Verdienst des Zweiten Vatikanischen Konzils, das die Bedeutung dieses Bildes für die Kirche unserer Zeit wieder deutlicher in Erinnerung gerufen hat. „Bei der Auferbauung des Leibes Christi waltet die Verschiedenheit der Glieder und der Aufgaben.“ So, wie die hierarchische Struktur der Kirche, die sich in den Ämtern des Bischofs, Priesters und Diakons zeigt, auf göttliches Recht gründet und für die Kirche unverzichtbar ist, so ist auch das Zusammenwirken dieser Hierarchie mit dem Rest der Gläubigen, den sogenannten Laien, unverzichtbar. Jeder Gläubige hat so seinen besonderen Platz in der Kirche, den nur er ausfüllen kann und an dem er nach dem Maß, das ihm zukommt, das tun darf und auch tun soll, was seine Aufgabe ist. Nur durch das Zusammenwirken aller und den gegenseitigen Respekt kann die Kirche ihrer Sendung nachkommen.

Paulus stellt in der heutigen Lesung den Korinthern (1Kor 12,12-31a) die Kirche dar als Leib Christi. „Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, eine Einheit bilden: so ist es auch mit Christus. Durch den Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen.“ Paulus führt das Bild vom Leib genauer aus und zeigt, dass alle Glieder dieses Leibes ihre je eigene Bedeutung haben und auch die höherwertigen nicht ohne die einfacheren Glieder bestehen können. So gibt es auch in der Kirche die verschiedenen Ämter und Dienste, die aufeinander angewiesen sind. Doch es sind nicht die Menschen, die die Kirche machen. Die Kirche ist nicht irgendein Leib, sondern der Leib Christi. Zunächst die Frage, wie dieser Leib entsteht. Hier sagt Paulus ganz deutlich, dass es die Taufe ist, die den einzelnen in den Leib Christi eingliedert durch den Heiligen Geist.

An dieser Stelle erscheint es sinnvoll, das Bild von der Kirche als Leib Christi um ein weiteres Bild, das vom Volk Gottes, zu erweitern. Grundlage unseres Glaubens ist, dass Gott die Welt geschaffen hat und dass die Welt so ihren Ursprung aber auch ihr Ziel allein in Gott hat. Gott hat die Welt aus Liebe geschaffen und er möchte bleibend in ihr sein. Als Zeichen seiner Gegenwart hat Gott sich im Alten Bund das Volk Israel erwählt. Ihm hat er seine Gebote und seine Weisung gegeben und sie sollten Kunde geben von dem einen und einzigen Gott. Als die Zeit erfüllt war, kam Gott selbst in der Gestalt seines Sohnes in diese Welt. Durch seinen Tod und seine Auferstehung hat Christus die Welt erlöst. Durch ihn ist der Zugang zum Volk Gottes nun allen Menschen möglich durch die Taufe. Er hat seinen Geist gesandt und durch ihn seine Kirche gegründet, die alle Völker der Erde im Glauben vereinen soll.

In der Eucharistie bleibt Christus gegenwärtig in dieser Welt und in ihr erhalten auch wir Anteil an Christus. Das Bild von der Kirche als Leib Christi ist somit untrennbar mit der Eucharistie verbunden. Wie die Taufe in den Leib Christi eingliedert, so ist es die Eucharistie, die diesen Leib zusammenfügt und erhält. Christus ist das Haupt des Leibes und durch die Eucharistie erhalten wir Anteil an ihm. Gemeinschaft in der Kirche entsteht daher nicht, weil sich Menschen mit gleichen Inter-essen zusammenfinden, sondern durch Teilhabe an Christus.

In der Tradition wird die Kirche auch als der mystische Leib Christi bezeichnet. Die Gestalt der Kirche zeigt sich eben nicht nur in ihrer irdischen Struktur, sondern sie ist vielmehr Zeichen einer anderen Wirklichkeit, Zeichen der bleibenden Gegenwart Gottes in dieser Welt. Somit ist die Kirche auch das Ursakrament. Durch sie soll allen Menschen dieser Welt das Heil zukommen. Auch wenn die Kirche diesen Auftrag nur unvollkommen erfüllt, weil sie hier auf Erden aus sündigen Menschen besteht, kommt ihr doch von Gott her bleibende Heiligkeit zu.

Christus wollte die Einheit der Kirche. Durch die Schuld der Menschen ging diese Einheit verloren und wir erleben die Christenheit in eine Vielzahl von Konfessionen und Glaubensrichtungen gespalten. Dies zeigt sich letzlich auch in der gegenseitigen Ausschließung von der eucharistischen Mahlgemeinschaft. Eine Trennung von der Kirche drückt sich ja gerade in der Exkommunikation, dem Ausschluß von der Eucharistiegemeinschaft, aus. Beten wir darum, dass die Christen wieder zu der Einheit in Jesus Christus zurückfinden, damit alle Gläubigen hinzutreten können zu dem Sakrament des eucharistischen Brotes, durch das die Einheit der Gläubigen, die einen Leib bilden in Christus, dargestellt und verwirklicht wird. Alle Menschen werden zu dieser Einheit mit Christus gerufen, der das Licht der Welt ist.

Die Lesung aus dem Buch Nehemia kann uns noch eine Anregung mitgeben. Dort ruft der Priester Esra der Versammlung des Volkes zu: „Heute ist ein heiliger Tag zu Ehren des Herrn. Macht euch keine Sorgen, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.“ (Neh 8,10) Möge Gott auch uns immer die Gewißheit dieser Freude schenken.

4. Sonntag im Jahreskreis C - Bote der Freude (Lk 4,21-30)

„Er bringt den Armen eine gute Nachricht.“ Diese Worte, die der Prophet Jesaja über den Messias sagt, setzt der Evangelist Lukas als Überschrift über das Wirken Jesu. Nicht nur in Worten, sondern auch in Taten wird in Jesus Christus die liebende Nähe Gottes zu den Menschen sichtbar. „Heute hat sich dieses Schriftwort erfüllt.“ So legt Jesus selbst diese Stelle aus und macht damit deutlich, dass er mit dem Anspruch auftritt, der Messias, der Sohn Gottes zu sein.

Doch die „gute Nachricht“ ist keine populistisch aufgemachte reißerische Rede. Sie zielt nicht darauf ab, die Menschen mit rhetorischen Mitteln und die Rede begleitende Wundertaten zu täuschen. Es scheint so, als ob Jesus, nachdem er die Menschen begeistert hat, genau das Gegenteil von dem sagen würde, was die Menschen hören wollen, bis er die große Masse der Menschen gegen sich aufgebracht hat und nur wenige bleiben, die wirklich verstanden haben, was er will.

In Nazaret macht Jesus den Menschen klar, dass sie sich nichts darauf einzubilden haben, dass Jesus aus ihrer Stadt kommt. Er führt das Beispiel der großen Propheten Elija und Elischa an, die beide ein großes Wunder gerade an Fremden gewirkt haben. Wie könnte er die Menschen mehr beleidigen, als durch einen solchen Vergleich? Entsprechend heftig ist auch ihre Reaktion: Sie treiben Jesus zur Stadt hinaus und wollen ihn einen Abhang hinunter in den Tod stürzen. Jesus aber „schritt mitten durch die Menge hindurch und ging weg.“

Die gute Nachricht für die Menschen ist nicht billig verpackt. Sie zeigt sich nicht in aufsehenerregenden Wundern und erschließt sich nicht der großen Masse. Nur wer bereit ist, ruhig und sorgfältig hinzuhören, wer sich für die Botschaft Gottes öffnet, sich auf sie einlässt und bereit ist, sein Leben zu ändern, der wird die Freude erfahren, von der diese gute Nachricht kündet.

5. Sonntag im Jahreskreis (Lk 5,1-11) – Duc in altum

Es ist kurze Zeit nach dem ersten Auftreten Jesu. Die Kunde von ihm hat sich schnell verbreitet, alle Menschen wollen ihn sehen und von ihm das Wort Gottes hören. Die gute Nachricht des Freudenboten ist ihnen willkommen.

Die Fischer aber, die gerade dabei sind, ihre Netze zu säubern, scheinen sich nicht groß um den Mann aus Nazaret zu kümmern. Nach der harten, aber erfolglosen Arbeit der Nacht, nachdem sie nun mit Mühe ihre Netze gesäubert haben, wollen sie nur noch nach Hause, essen und schlafen.

Doch Jesus kommt auf sie zu und bittet, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, Petrus darum, dass er ihn mit seinem Boot ein Stück weit vom Ufer wegfährt, damit er zu den Menschen sprechen kann. Die Rede Jesu wird lange gedauert haben. Als Jesus sie beendet hat, wird Petrus froh gewesen sein, dass er nun endlich nach Hause gehen kann. Doch es kommt erneut anders.

Duc in altum – fahr hinaus auf den See! Jesus fordert Petrus auf, zusammen mit seinen Leuten noch einmal auf den See hinauszufahren und zu fischen und das zu einer Zeit, in der mit Sicherheit kein guter Fang zu erwarten ist. Was versteht dieser Handwerkersbursche aus dem Landesinneren vom Fischen, wird sich Petrus gedacht haben.

Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen. Irgendwie scheint die Rede Jesu doch auf Petrus gewirkt zu haben, irgendwie scheint er doch zu spüren, dass man diesem Jesus vertrauen kann, dass er keine leeren Worte macht, sondern dass es sich lohnt, auf sein Wort zu hören und es zu beachten, so widersinnig es in dieser Situation auch erscheinen mag.

Der Fang ist groß. Es ist ein Wunder. Alle Boote sind im Einsatz und randvoll mit Fischen gefüllt. Petrus versteht, dass Jesus für ihn etwas Besonderes gemacht hat. Er erkennt die Bedeutung dieses Augenblicks. Herr, geh weg von mir, ich bin ein Sünder. Petrus erfährt sich vom Herrn überreich beschenkt. Er erkennt seine eigene Schwachheit und Niedrigkeit und sieht daneben die Größe Gottes, der den schwachen Menschen mit seiner Fülle beschenkt.

Petrus hat Ja gesagt zum Anruf Jesu. Er war bereit, Zeit und Mühe für Jesus aufzubringen, obwohl ihm das sicher schwer gefallen ist. Seine Einsatzbereitschaft wird ihm überreich belohnt, nicht nur durch die Fische, die er fängt. Jesus ruft ihn in seine Nachfolge. Er und seine Begleiter lassen alles zurück und folgen Jesus nach.

Duc in altum – fahr hinaus! Es muss nicht immer ein großer Auftrag sein, der sich dahinter verbirgt. In unserem Alltag kommen wir oft in Situationen, wo wir uns entscheiden müssen, ob wir etwas für andere tun wollen, oder nicht. Still und unscheinbar ist oft dieser Anruf. Wir erkennen oft nicht, dass es der Herr ist, der sich hinter der Not des Mitmenschen verbirgt und darauf wartet, dass wir helfen. Oft gehen wir achtlos vorüber. Herr, hilf uns wachsam zu sein für den Anruf, den du durch unsere Mitmenschen an uns richtest.

Duc in altum – fahr hinaus! Dieses Wort Jesu macht Mut. In aller Verzagtheit und in allen Verzweiflungen des Lebens kann es uns neue Hoffnung geben. Es gibt keine aussichtslosen Situationen. Immer kann auch in unserem Leben das Wunder geschehen. Wenn nach menschlicher Logik nichts zu erwarten ist, wenn alles vergebens erscheint, wenn wir lieber aufgeben und uns zur Ruhe begeben wollen, anstatt anzupacken und zu kämpfen, dann kann uns dieses Wort helfen, doch das scheinbar Aussichtslose zu tun.

Wenn wir voll Glauben und Vertrauen dem Wort Jesu folgen, dann geschieht das Unerwartete, das Wunder, das nach menschlichem Ermessen Unmögliche. Beten wir für uns und alle Menschen um den Mut, immer wenn es darauf ankommt, diesen Schritt nach vorne zu tun.  

Der Herr segne dich und behüte dich.
Er schaffe dir Rat und Schutz in allen Ängsten.
Er gebe dir den Mut, aufzubrechen
und die Kraft, neue Wege zu gehen.
Er schenke dir die Gewissheit, heimzukommen.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Gott sei Licht auf deinem Wege.
Er sei bei dir, wenn du Umwege und Irrwege gehst.
Er nehme dich bei der Hand und gebe dir viele Zeichen seiner Nähe.
Er gebe dir seinen Frieden und das Bewusstsein der Geborgenheit.
Ein Vertrauen, das immer größer wird und sich nicht beirren lässt.
So segne dich Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Amen

6. Sonntag im Jahreskreis C - Selig, ihr Armen! (Lk 6,17.20-26)

„Selig ihr Armen!“ – Bei Lukas spricht Jesus sehr konkret. Doch wer sind die – die Armen? Ist automatisch schon jeder, der sehr wenig besitzt, ein Armer – und jeder, der ein gewisses Vermögen hat, reich?

Sind die Worte Jesu nur eine Vertröstung auf das Jenseits und gar eine Einladung zum Nichtstun? Das mit Sicherheit nicht. Man muss immer das Evangelium als Ganzes sehen und da erkennen wir, dass Jesus immer wieder die Menschen dazu aufruft, ihre Begabungen für andere einzusetzen.

Also sich mit allen Kräften abrackern und es doch zu nichts bringen? Wenn man als Gewinn seiner Anstrengungen Reichtum und Macht erhofft, dann ist man sicher nicht auf dem Weg, den Jesus uns hier weist. Der Lohn wird nicht in irdischer Währung ausgezahlt. Wenn wir mit unseren Talenten wuchern, wird der Gewinn uns auf einem anderen Konto gutgeschrieben.

Der Glaube ist kein Mittel dazu, hier auf Erden die Freuden des Luxus zu genießen. Die Gläubigen brauchen nicht daran zu verzweifeln, wenn sie trotz ihres Glaubens arm sind, hungern, weinen und von den Menschen gemieden werden. Hat nicht Jesus all das selbst an sich erfahren?

Ein solcher Weg der Nachfolge kann hart sein – aber er lässt uns dem Herrn nahe sein und das allein ist es, was uns Glück und Seligkeit verleiht.

10. und 11. Sonntag im Jahreskreis C - Kostbar in Gottes Augen

Im 7. Kapitel des Lukas-Evangeliums finden sich drei Heilungsszenen. Die erste ist die Heilung des Dieners des Hauptmanns von Kafarnaum. Am 10. Sonntag im Jahreskreis hören wir im Evangelium von der Auferweckung des Jünglings von Nain (Lk 7,11-17) und am 11. Sonntag von der Begegnung Jesu mit der Sünderin (Lk 7, 36-50). Dazwischen steht die Frage Johannes des Täufers an Jesus: Bist du der, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten? Die Antwort auf diese Frage ist eindeutig: Wenn durch Jesus all diese Wunder geschehen, zeigt sich dadurch seine göttliche Vollmacht.

Die Heilungen, die Jesus an den Menschen wirkt, zeigen auch ein Weiteres: Jeder Mensch ist in den Augen Gottes kostbar und wertvoll. Gott geht es um den Menschen. Gott braucht den Menschen nicht, weil ihm ohne ihn etwas fehlen würde oder weil er auf den Gottesdienst der Menschen angewiesen wäre. Gott will den Menschen das Heil schenken, weil Gott Liebe ist und diese Liebe sich bedingungslos verschenkt.

Blicken wir auf die Witwe aus Nain. Lukas schildert den Trauerzug, in dem ihr einziger Sohn aus der Stadt hinausgetragen wird. Ohne ihren Sohn ist diese Frau nun ganz auf sich allein gestellt, muß vielleicht betteln, um überleben zu können. Sie hat sicher gehofft, einmal, wie es damals üblich war, ihren Lebensabend in der Familie des Sohnes verbringen zu können. Alle ihre Wünsche sind dahin. Sie muß für den Rest ihres Lebens um das nackte Überleben bangen.

Jesus sieht das Leid dieser Frau. Für alle Anwesenden scheint es aussichtslos zu sein, hier noch irgendwie helfen zu können. Tot ist tot. Doch Jesus durchbricht alle Zweifel der Menschen und er kann das Unfassbare tun: Er erweckt den toten jungen Mann zum Leben. Für die Menschen, die das erleben, ist es ein eindeutiges Zeichen: Gott hat sich seines Volkes angenommen. Gott ist nicht fern, sondern mitten unter uns Menschen und für uns da.

Wie die Witwe von Nain, so befindet sich auch die Sünderin in der folgenden Episode in einer aussichtslosen Situation. Wir wissen nicht, worin genau ihre Sünde bestand, aber sie hat dazu geführt, dass sie aus der Gesellschaft ausgestoßen wurde. Sie lebt ihr Leben am Rande der Gesellschaft als eine von den Menschen Verachtete und Gemiedene.

Mit Sicherheit bereut sie ihre Sünden. Sie findet aber keinen Weg, um Vergebung zu erlangen. Nur in Jesus sieht sie einen, dem es möglich ist, ihre Sünde zu vergeben. So durchbricht sie alle Tabus und geht in das Haus des Pharisäers, bei dem Jesus zu Gast ist. Sie wäscht die Füße Jesu, trocknet sie mit ihrem Haar und salbt sie mit Öl. Jesus sieht ihre Not, erkennt, wie sehr sie ihre Sünde bereut und schenkt ihr die Vergebung.

In Jesus zeigt uns Gott, wie kostbar ihm jeder Mensch ist. Gott will nicht das Leid des Menschen, Gott will nicht, dass der Mensch in Sünde zugrunde geht. Gott schenkt Heilung und Vergebung. Aber, so fragen wir, erfahren wir das auch heute? Gibt es nicht unzählige Menschen, die keine Heilung finden? Meinen nicht viele, dass die Kirche und somit auch Gott unbarmherzig den Sündern gegenüber wären?

Fehlt es uns vielleicht selbst an Vertrauen auf Gottes Güte? Können wir Gottes Wirken vielleicht manchmal deshalb nicht erkennen, weil Gottes Hilfe anderes kommt, als wir sie erwarten? Verteidigen wir nicht manchmal unsere Sünde, machen andere dafür verantwortlich, anstatt zu bereuen und Gott um Vergebung zu bitten?

Für Gott ist jeder Mensch kostbar. Auch ich und du. Diesen Satz dürfen wir nie vergessen. Wir dürfen mit Gott hadern, wenn wir seine Hilfe nicht erkennen können, aber wir dürfen niemals glauben, dass unser Leid Gott nicht berühren würde. Glauben wir an Gottes barmherzige Liebe. Er wird uns sicher nicht enttäuschen.

Gott des Trostes,
auch wenn wir nichts von deiner Nähe spüren,
bist du da.
Deine Gegenwart ist unsichtbar,
aber dein Heiliger Geist ist immer in uns.

Gott, du liebst uns.
Mag unser Gebet auch noch so arm sein,
wir suchen dich voll Vertrauen.
Und deine Liebe bahnt sich einen Weg
durch unsere Unentschlossenheit,
ja unsere Zweifel.

(Frère Roger)

12. Sonntag im Jahreskreis C - Wer mein Jünger sein will ... - Lk 9,18-24

Lukas stellt Jesu Ruf in die Nachfolge eine Frage voran: Für wen halten mich die Leute? - Wer ist Jesus Christus? Wer ist Jesus Christus für mich? Wenn wir uns als Christen bezeichnen und als solche leben wollen, müssen wir für uns eine Antwort auf diese Frage finden. Nur dann können wir sein, was wir heißen, Christen – Menschen, die Jesus Christus folgen.

Zu seiner Zeit steht Jesus Christus für etwas ganz Neues. Jesus war zwar tief im Judentum verwurzelt, aber seine Worte und Taten sprengten den engen Rahmen der jüdischen Religion. Der Weg Jesu ist radikal. Der Wahrheit treu bleiben bis ins Äußerste, die Liebe leben ohne Rücksicht auf von Menschen errichtete Schranken und Konventionen.

Der Mensch, der Jesus folgen will, muss in diese Radikalität der Nachfolge eintreten. Nachfolge Jesu bedeutet auch, vor Leiden und Schmerzen nicht zurück zu schrecken, wenn sie unvermeidbar sind um der Liebe und der Wahrheit willen. An erster Stelle aber steht die Freude, welche die Frucht der ewigen Liebe ist. Und diese Freude sollen wir den Menschen bringen.

Um von Jesus Christus Zeugnis abzulegen, müssen wir ihn immer tiefer kennenlernen. Wir müssen in unserem Leben nach einer persönlichen Begegnung mit Jesus Christus suchen. Diese finden wir im Gottesdienst, im Gebet, im Lesen der Heiligen Schrift und in ganz besonderer Weise auch in der Begegnung mit anderen Menschen.

Beten wir um die Kraft, in unserer Schwachheit Jesus nachzufolgen und ihm unser ganzes Herz zu schenken.

13. Sonntag im Jahreskreis C - Radikales Vertrauen - Lk 9,51-62

Mit radikalen Menschen verbinden wir oft negative Vorstellungen. Radikale Gruppen stören die Ordnung, zetteln Aufstände an, sind eine Bedrohung für den inneren Frieden. Das ist so, weil sich Radikalität oft gegen die anderen richtet, die nicht so denken.

Auch die Jünger Jesu drohen im heutigen Evangelium einer solchen Art der Radikalität zu verfallen: Die Orte, die Jesus nicht aufnehmen wollen, sollen im Feuer verbrennen! Eine solche Radikalität weist Jesus zurück.

Im Gegensatz dazu zeigt Jesus den Jüngern durch drei Beispiele, wie er sich radikales Leben vorstellt. Wenn einer radikal sein möchte, dann soll er Jesus radikal folgen, er soll sein Haus verlassen, ohne damit rechnen zu können, ein Dach über dem Kopf zu haben, er soll sogar die höchste Pflicht eines Menschen, seine Eltern zu begraben, vernachlässigen um Jesu Willen und auch ein Abschied von der Familie wird verwehrt.

Wer in die radikale Nachfolge Jesu eintreten möchte, für den fängt damit ein ganz neues Leben an und jegliches Zurückblicken auf das frühere wird verwehrt: Wer die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt nicht für das Reich Gottes.

Wir fragen uns sicher: Wer kann so radikal Jesus nachfolgen? Wer Jesus folgen will, kann dies nicht unter Zwang tun, sondern nur aus einem grenzenlosen Vertrauen heraus in Gottes Güte und Barmherzigkeit. Nur wenn ich weiß, dass Gott mich keinen Mangel und keine Not leiden lassen wird, wenn ich ihm mein Leben schenke, kann ich das loslassen, was mich daran hindert, Jesus nachzufolgen.

Für jeden von uns gilt die Frage: Was hindert mich noch daran, Jesus ganz zu folgen, woran klammere ich mich und was kann ich loslassen, um zu einer größeren Freiheit zu finden? Bitten wir um den Mut, stets das zu tun, was Gott von uns möchte – im Vertrauen darauf, dass wir dadurch nichts verlieren, sondern umso mehr von Gott hinzu bekommen werden.

14. So. im Jahreskreis C - Die Aussendung der Zweiundsiebzig (Lk 10,1-20) 

Im heutigen Evangelium hören wir von der Aussendung der Zweiundsiebzig. Wie alle Zahlen in der Heiligen Schrift, so hat auch die 72 hier ihre besondere Bedeutung. 72, das ist 6 mal 12. Zwölf ist bekanntermaßen die Zahl des Volkes. So hat das Volk Israel 12 Stämme. Zwölf ist aber auch die Zahl der Vollkommenheit. Die zwölf Monate machen den Jahreskreis aus, nach antiker Zeitrechnung haben Tag und Nacht jeweils zwölf Stunden. Das himmlische Jerusalem ist von 12 Türmen umgeben. 12 ist also die Zahl der kosmischen, der himmlischen Vollkommenheit. Da aber die Welt nur von bedingter Vollkommenheit ist, da sie begrenzt und zeitlich ist, deshalb umfasst die irdische Vollkommenheit auch nur die Hälfte der himmlischen, deshalb bedeutet irdische Vollkommenheit statt 12 eben nur die Zahl 6. Diese Symbolik findet sich beispielsweise in den großen Kathedralen der Romanik, diese sollen ja Bilder des himmlischen Jerusalems sein, aber da sie schließlich irdische Bilder dieser himmlischen Stadt sind, haben sie keine 12 sondern vielmehr nur 6 Türme.

Nimmt man 6 als Zahl der bedingten, der irdischen Vollkommenheit und 6 mal das Volk, die 12, so ist 72 die Zahl der Völker dieser Welt. Genau diese Anzahl von Völkern findet sich auch in der großen Völkertafel im 10. Kapitel des Buches Genesis. Nur nebenbei bemerkt: Die himmlische Zahl aller Völker wird dann wieder 12 mal 12 sein. Nicht umsonst werden 144 mal Tausend am Ende gerettet werden (was also symbolisch und nicht als konkrete Zahl zu verstehen ist). Die irdische Zahl aber umfasst zunächst mal die Hälfte, nämlich die Zahl 72. Und nimmt es da noch Wunder, dass im heutigen Evangelium dann genau 72 Jünger ausgesandt werden? Wenn die 72 in die Städte gesandt werden, in die Jesus selbst gehen möchte, so meint dies freilich zunächst einmal die konkreten Städte in Israel, zeigt aber auch schon an, dass die Sendung Jesu letztlich nicht auf Israel beschränkt bleiben wird, sondern alle Völker umfaßt.

Jesus selbst wählt die 72 aus, wie er auch schon die zwölf Apostel ausgewählt hat. Letztlich ist es Jesus, der beruft und sendet. Es gilt auch in ganz besonderer Weise zu bedenken, dass nach antiker Auffassung der Sendende selbst ist im Gesandten gegenwärtig ist. Wer mit den Gesandten Jesu in Kontakt tritt, der tritt mit Jesus Christus selbst in Kontakt, wer die Worte der Gesandten hört, hört Jesu Worte, wer die Gesandten aufnimmt, nimmt Christus auf. Daher können sie auch verkünden „Das Reich Gottes ist euch nahe“, weil nun Jesus selbst in der Mitte der Menschen ist. Andererseits gilt aber auch, dass der, der die Gesandten Jesu ablehnt, Jesus selbst ablehnt. Daher auch das harte Gerichtswort in diesem Text.

Was damals galt, das gilt auch heute. Auch heute sendet Christus Menschen in diese Welt und ist selbst durch sie gegenwärtig. In besonderer Weise ist da natürlich an die Priester zu denken, die Kraft der Weihe in Persona Christi handeln und so eine ganz besondere Sendung haben. Aber aufgrund des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen ist auch jeder einzelne Christ dazu aufgefordert, an seinem Ort für Christus Zeugnis abzulegen. Die besondere Würde jedes Gesandten zeigt zugleich dessen Verantwortung. Er muß seinem Auftrag gerecht werden und wirklich Jesus zu den Menschen bringen und nicht sich selbst. Er muß sich von Jesus gesendet wissen und darf nicht in seinem eigenen Namen kommen. Wenn nun jemand wirklich in Christi Namen kommt, so gilt es auch auf ihn zu hören.

Auch unsere Welt heute braucht Menschen, die sich von Jesus senden lassen, die in Jesu Namen kommen und nicht in ihrem eigenen. Nur solche Menschen können den wahren Frieden, der von Gott kommt und den die Welt nicht geben kann, verkünden. Dass Gott uns solche Menschen sendet liegt auch an jedem von uns: „Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden.“ Beten wir um diese Gesandten Gottes zu uns, beten wir ganz besonders um Priesterberufungen, und dafür, daß die Berufenen allezeit in Gott die Kraft finden für ihren Dienst.

14. Sonntag im Jahreskreis C - Wie Schafe unter Wölfen - Lk 10,1-20

Als Christen sehen wir uns in unserer Gesellschaft zunehmend in die Defensive gedrängt. Die Medien erheben immer neue Anschuldigungen gegen die Kirche. Leider ist die Kirche oft selbst daran nicht unschuldig. Wenn wir uns offen als Christen bekennen, sehen wir uns in Erklärungsnot, wenn wir eine Antwort auf die Frage geben sollen, wie wir uns noch zu einer Institution wie der Kirche bekennen können. Oft ernten wir mit unseren Erklärungen dann nur ein müdes Lächeln und merken, das wir das Unverständnis des Gegenübers nicht wirklich ausräumen konnten. 

Wir sehen deutlich, dass ein Handeln aus der Defensive heraus uns nur immer mehr nach hinten drückt. Darum die Frage: Wie kann es uns als Christen heute gelingen, wieder offensiv und positiv aufzutreten?

Wir haben eine Frohe Botschaft für alle Menschen. Das Evangelium von Jesus Christus ist ein Wert an sich, der nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Wir hören im Evangelium (Lk 10,1-20), wie Jesus seine Jünger aussendet, dieses Evangelium zu verkünden. Die Jünger treten nicht als Bittsteller auf, sondern mit Vollmacht und Überzeugung. Es ist eine Ehre, die Boten des Evangeliums aufzunehmen, und wer sie ablehnt, ist selber schuld. Wir haben es nicht nötig, den Menschen lange Erklärungen zu geben, die doch nicht fruchten. In Jesus Christus sind Heil und Leben. Die Menschen müssen sich entscheiden, ob sie dieses Heil wollen oder nicht.

Ein Problem gibt es dabei aber doch. Jesus erwartet, dass die Verkünder seines Evangeliums auch selbst nach der Weisung des Evangeliums leben. Mit Sicherheit geschieht durch die Kirche sehr viel Gutes in der Welt, aber es bleibt oft unbeachtet, weil die Medien sich auf das Negative stürzen, das leider auch geschieht. Die Fehler anderer dürfen uns aber nicht entmutigen und schon gleich mal nicht dazu führen, unser eigenes Fehlverhalten zu entschuldigen. Jeder einzelne Gläubige prägt das Bild der Kirche und darum liegt es an jedem einzelnen, so gut wie möglich zu handeln.

Nächsten Sonntag hören wir das bekannte Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37). Es endet mit der Aufforderung Jesu: Geh und handle genauso! Priester und Levit gingen an dem Mann, der da halbtot am Wegesrand lag, achtlos vorüber. Sie hatten Wichtigeres zu tun. Hätten sie sich um den Mann gekümmert, wären sie vielleicht zu spät zum Gottesdienst gekommen oder hätten einen wichtigen Termin verpasst. Allein der Samariter nimmt sich des Verwundeten an.

Sind wir bereit, immer neu auf die Anforderungen einzugehen, die jeder Augenblick an uns stellt, oder bewegen wir uns lieber sicher auf dem direkten Weg des Altgewohnten? Sehen wir, was die Menschen heute brauchen? Bereit zu sein für das, was der Augenblick von uns verlangt, ist eine Übung, zu der wir unser ganzes Leben lang bereit sein müssen. Es ist aber vielleicht der einzige Weg, wie wir heute als Kirche wieder offensiv auftreten können, wenn wir uns von der Not der Menschen ergreifen lassen und im Namen Jesu entsprechend handeln.

15. Sonntag im Jahreskreis C - Dann geh und handle genauso! - Lk 10,25-37 

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter als ständige Herausforderung

Es ist sicher eines der bekanntesten Gleichnisse Jesu. „Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und fiel unter die Räuber ...“ Nach dem Überfall bleibt der Mann halbtot am Weg liegen. Ein Priester und ein Levit kommen vorbei – sie sehen den Mann liegen und gehen weiter. Ein Mann aus Samarien aber bleibt stehen, leistet wie wir heute sagen würden Erste Hilfe und bringt den Verwundeten in eine Herberge, bleibt noch eine Nacht bei ihm und gibt dann dem Wirt Geld, damit dieser sich weiter um ihn kümmert.

Der Weg von Jerusalem hinab nach Jericho in die Jordansenke war gefährlich. Er war eng und steil, man kam nur langsam voran und hinter jedem Felsen und jeder Biegung konnten Räuber lauern, die einen einsamen Wanderer gnadenlos überfielen. Man kann es dem Priester und dem Levit nicht verdenken, dass sie schnell weiter gingen. Die Räuber könnten noch in der Nähe sein und mit ihnen dasselbe machen wie mit dem, der da halbtot am Weg liegt. Sicher haben sie auch einen wichtigen Termin, den sie nicht verpassen dürfen.

Wenn wir wissen wollen, was Jesus uns mit diesem Gleichnis sagen möchte, müssen wir auf den Zusammenhang sehen, in dem es steht. Ein Gesetzeslehrer will Jesus mit einer Frage auf die Probe stellen: „Was muß ich tun um das ewige Leben zu gewinnen?“ Jesus verweist auf das Gesetz, die Tora, die der Gesetzeslehrer selbst ja bestens kennt. Dort heißt es: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.“ Eigentlich weiß der Gesetzeslehrer, was zu tun ist, und hätte Jesus nicht zu fragen brauchen.

Doch: Wie geht das? Wie erfülle ich dieses Gebot? Wer ist mein Nächster? Diese Frage beantwortet Jesus mit dem bekannten Gleichnis. Es geht also ums Ganze. Es geht nicht nur um etwas, das man tun kann oder sollte, sondern um etwas, das man tun muß, um die Grundvoraussetzung dafür, das ewige Leben zu erlangen. Es kommt also nicht darauf an, was einer glaubt, wie fromm er ist, wieviel er betet. All das ist sicher auch wichtig, aber das Entscheidende ist: Bin ich bereit, anderen Menschen gegenüber barmherzig zu sein? „Dann geh und handle genauso!“ Dieser Satz Jesu am Ende des Gleichnisses gilt allen Menschen zu allen Zeiten. Sind wir bereit, ihn zu befolgen?

Wenn wir mit offenen Augen durch die Welt gehen, merken wir, wie schwer es uns oft fällt, die Weisung Jesu zu befolgen. Geht es uns nicht oft so wie dem Priester und Leviten, dass wir achtlos an Menschen vorbei gehen, die vielleicht unsere Hilfe brauchen? Wir haben da schnell einige Ausreden parat. Ich muß doch so dringend wohin. So schlimm wird es schon nicht um ihn stehen, da kommt sicher gleich wieder jemand vorbei, soll der dann mal machen. Und ist man erst einmal vorbei, vergisst man eine solche Situation auch sehr schnell wieder – bis dann beim nächsten Mal wieder die Frage kommt: bleibe ich stehen und helfe ich, oder gehe ich weiter?

Jesus erwartet von uns eine dauernde Bereitschaft, für die Not anderer Menschen offen zu sein. Sicher, das durchkreuzt oft unsere Pläne, die wir uns gemacht haben. Vielleicht sind wir grade auf dem Weg nach Hause, zum gemütlichen Feierabend, grade in Eile, um ein Treffen nicht zu verpassen. Was ist wichtiger? Unser Alltag, oder der einmalige Anruf eines Menschen, der uns braucht?

Gottesliebe und Nächstenliebe sind auf untrennbare Weise miteinander verknüpft. So können wir sagen, dass hinter jedem Anruf eines Menschen in Not auch ein Anruf Gottes an uns steht. Gott gibt uns die Möglichkeit, ihm selbst unsere Liebe zu zeigen, wenn wir an einem Menschen barmherzig handeln. Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer, sagt Gott an anderer Stelle. So wichtig Opfer und Gebete sind, an erster Stelle steht die Barmherzigkeit, die wir anderen Menschen erweisen. Sie ist quasi der Passierschein für die Tür zum ewigen Leben. Halten wir die Augen offen. Gerade wenn wir es am wenigsten erwarten und es uns am wenigsten in den Plan passt, sehen wir vielleicht einen Menschen an unserem Weg, der unsere Hilfe braucht. Gehen wir dann nicht achtlos an ihm vorbei!

Der Nächste ist der nahe Mensch, kein Schatten der vorüberhuscht.
Der Mensch, der gerade vorbeigeht.
Laß mich ihn sehen, bevor er vorbeigegangen ist.
Hilf mir, ihn zu lieben, Jesus, du Mensch unter Menschen.

16. So. im Jahreskreis C - Nur eines ist notwendig ... - Lk 10,38-42

Jesus kannte viele Menschen und mit einigen war er auf eine ganz besondere Weise befreundet. Zu den „guten Freunden“ Jesu zählten auch die Schwestern Maria und Marta und deren Bruder Lazarus. Auf der Durchreise schaut Jesus wieder einmal bei ihnen vorbei. Wenn man einen so bedeutenden Gast aufnimmt, ist es natürlich wichtig, ihn und seine Begleiter gebührend zu bewirten. Das macht jede Menge Arbeit.

Doch dieser Jesus erzählt auch viele interessante Geschichten und Gleichnisse darüber, wie Gott ist und wie die Menschen leben sollen. Aber wenn man arbeiten muss, hat man keine Zeit, ihm dabei zuzuhören, oder? So ist Marta ganz davon in Anspruch genommen, für Jesus zu sorgen, ihre Schwester Maria aber hört lieber den Worten Jesu zu.

Ungerecht, denkt sich Marta, wenn ich die ganze Arbeit allein machen muss. Jesus soll meiner faulen Schwester mal sagen, dass es so nicht geht. Jesus aber denkt anders und sagt: „Nur eines ist notwendig. Maria hat den guten Teil erwählt.“

Wie können wir das verstehen? Zuerst muss uns bewusst sein, dass Maria, wenn sie sich zu den Füßen des Herrn setzt und seinen Worten lauscht, nicht faul ist. Zu Füßen eines Meisters sitzen, heißt von ihm lernen und in seine Nachfolge eintreten. Das ist es ja, was Jesus von uns allen will. Jesus lehnt es sicher nicht ab, dass für ihn und seine Begleiter gesorgt wird. Aber alles zu seiner Zeit, könnte man sagen. Wenn Jesus lehrt, ist es wichtig, ihm zuzuhören. Da kann alles andere warten.

Tun, was die Zeit verlangt. Jesu Wort anhören, wenn es „dran“ ist, die Hausarbeit dann, wenn es Zeit dafür ist. Davon können wir lernen. Es ist gut, wenn wir aktiv sind und uns um unsere Bedürfnisse und die anderer Menschen kümmern. Aber wir brauchen auch Zeiten der Stille, in denen wir versuchen, darauf zu hören, was Jesus uns sagt. Wenn wir beides zusammen bringen und zur jeweils rechten Zeit tun, ist das sicher eine Bereicherung für unser ganzes Leben.

Meist sind wir wie MARTA, jene geschäftige Frau.
Wir warten täglich auf mit tausend Dingen
und meinen das Glück zu verdienen,
während die Sorge uns beinah erstickt.
MARIA, der Schwester, neiden wir manchmal den Platz
und könnten doch jederzeit schweigen und ruhen zu Füßen des Herrn,
um sein Wort zu pflanzen tief innen, wohin keine Sorge dringt.

Conrad Miesen

Der Besuch Gottes bei Abraham (Gen 18,1-10)

Das Evangelium des heutigen Sonntags berichtet uns vom Besuch Jesu bei Maria und Marta. Marta ist ganz damit beschäftigt, Jesus zu bedienen, während Maria ihm zu Füßen sitzt und seinen Worten lauscht. Man hat die beiden Frauen als Repräsentantinnen gesehen für die aktive und die kontemplative Lebensweise. Ich denke, Jesus will hier nicht die notwendige Sorge um den Lebensunterhalt abwerten, er stellt aber klar heraus, dass all unser Mühen vergeblich ist, wenn wir es dabei versäumen, auf Gottes Wort zu hören. Wenn es auch an unserer Arbeit liegt, so sollen wir doch das, was wir haben, letztlich als Geschenk Gottes sehen und als Dank dafür ihm einen Teil unserer Zeit schenken.

Dass alles letztlich von Gott kommt, das durfte auch Abraham erfahren. In der Lesung aus dem Alten Testament hören wir von dem Besuch der drei Männer bei Abraham. Diese Begebenheit diente Rubljow als Grundlage für seine berühmte Dreifaltigkeitsikone. Dass Gott dem Abraham in der Gestalt dreier Männer erscheint wurde schon früh als ein Hinweis darauf gesehen, dass Gott sich schon im Alten Testament als der dreifaltige, als Vater, Sohn und Heiliger Geist, offenbart.

Doch zurück zu unserem eigentlichen Thema. Abraham war von Gott verheißen worden, dass seine Nachkommen das Land Israel besitzen werden, aber nun sind er und seine Frau Sara bereits in hohem Alter und immer noch kinderlos. Er zweifelt an Gott und seiner Verheißung. Selbst für Gott ist es doch ganz und gar unmöglich, einem etwa hundertjährigen und seiner ebenso alten Frau noch Kinder zu schenken. Aber er muß erfahren, dass für Gott nichts unmöglich ist. Gott steht zu seiner Verheißung, auch über den Kleinglauben von uns Menschen hinweg. Gerade diese drei Männer, die zu Abraham kommen, überbringen ihm die Botschaft, dass er im nächsten Jahr um diese Zeit den ersehnten Sohn haben wird. Es heißt auch, dass Sara, die das Gespräch im Zelt heimlich belauscht hat, über diese Botschaft lacht. Wie sollen mein alter Mann und ich noch Kinder bekommen! Aber jeder von uns weiß, dass Gott doch Recht behalten hat. Abraham und Sara bekamen schließlich ihren ersehnten Sohn, Isaak. Gott kann wirklich mehr schenken, als wir uns vorstellen können und mehr, als wir mit all unserem Mühen selbst erreichen können.

17. Sonntag im Jahreskreis C - Vater Unser - Lk 11,1-13 

Herr, lehre uns beten!

Den Jüngern fällt auf, dass Jesus oft an einsamen Orten lange ins Gebet vertieft ist. Jesus spricht mit seinem Vater im Himmel. Den Jüngern scheint eine so tiefe und persönliche Form des Gebetes fremd gewesen zu sein und sie haben sich wohl gefragt, wie es möglich ist, so intensiv zu beten. Vielen von uns geht es sicher ähnlich, wenn wir Menschen sehen, die ganz ins Gebet vertieft sind. Wie die Jünger würden wir dann gerne fragen: Beten – wie geht das?

Beten lernen dauert ein ganzes Leben lang. Aber der Anfang ist ganz einfach. Jesus lehrt seine Jünger nicht komplizierte Gebetstechniken, sondern ganz einfache Worte. Bis heute verbindet das Gebet, das Jesus seine Jünger gelehrt hat, die Christen aller Konfessionen auf der ganzen Welt. Das Vater Unser ist das Grundgebet aller Menschen, die an Jesus Christus glauben. Wir wollen über die Worte dieses Gebetes in den nächsten Tagen im Einzelnen nachdenken.

Die Grundlage allen Betens ist ein tiefes Vertrauen in Gottes Nähe und Güte. Es kommt beim Beten nicht darauf an, Gott durch alle möglichen Praktiken gnädig zu stimmen. Vielmehr dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott uns kennt und schon immer weiß was wir brauchen und uns dies auch schenken möchte. Wenn wir uns täglich in diesem Vertrauen eine gewisse Zeit für das Gebet nehmen, werden wir immer tiefer in das Beten hineinwachsen.

Vater

Im Gegensatz zu der uns vertrauten langen Anrede „Vater unser im Himmel“, die uns Matthäus überliefert, heißt es bei Lukas nur „Vater“. In diesem einen Wort „Vater“ verdichtet sich unsere ganze Hinwendung an Gott.

Die Jünger haben Jesus dabei beobachtet, wie er innig zu seinem Vater gebetet hat. Jesus sagt einmal: Wer mich sieht, sieht den Vater. Hier scheint das Geheimnis der Dreifaltigkeit auf. Wenn wir uns im Gebet an den Vater wenden, so tun wir es durch Jesus Christus im Heiligen Geist. Jesus ist nicht der Vater, aber er ist eines Wesens mit dem Vater. Im tiefsten Kern seines Seins ist Jesus ganz eins mit dem Vater. In Jesus ist auf Erden die Liebe des Vaters sichtbar geworden.

Mit Jesus dürfen wir Gott unseren Vater nennen, Jesus nimmt uns hinein in sein Beten zum Vater. Unsere irdischen Väter erfahren wir manchmal als unvollkommen. Wenn wir Gott unseren Vater nennen, so dürfen wir darauf vertrauen, dass er ein vollkommener Vater ist, der seinen Kindern mit unendlicher Liebe zugetan ist. Wenn wir uns an Gott als unseren Vater wenden, zeigt es den vertrauten Umgang, den wir mit Gott haben dürfen. Gott thront nicht unnahbar in unerreichbarer Ferne, sondern er kommt uns entgegen, um mitten unter uns zu sein.

Dein Name werde geheiligt

In der Anrede „Vater“ erkennen wir, wie nahe Gott uns ist. Nähe ist eine Angelegenheit des Vertrauens und birgt stets die Gefahr des Missbrauchs. Gott ist uns so nahe, dass wir seinen Namen in menschlicher Sprache aussprechen dürfen. Menschen können so aber das Wort „Gott“ auch gedankenlos aussprechen, schlimmer noch, Gott lästern und seinen Namen verunehren. Wenn wir das Wort „Gott“ in unseren Mund nehmen, soll dies daher stets bewusst und mit Achtung geschehen.

Als Christen geben wir durch unsere Worte, aber auch durch unser Tun Zeugnis von Gott. Das Bild, das sich Menschen von Gott machen, wird oft auch bestimmt von dem Verhalten, das sie bei Menschen beobachten, die von sich behaupten, an Gott zu glauben. Wir erleben immer wieder, wie in den Medien ein Fehlverhalten von Gläubigen zum Anlass genommen wird, die Kirche zu kritisieren und letztendlich wirkt diese Kritik oft auch tiefer in den Menschen weiter, auf das Bild, das sie sich von Gott machen.

Unser Leben soll den Menschen die Liebe zeigen, die Gott zu uns hat. Wenn wir uns gegen die Liebe versündigen, wird der Name Gottes verunehrt. Herr, hilf uns, durch unsere Worte und unser Tun deinen Namen heilig zu halten, damit er nicht lästernd gebraucht wird, sondern in Ehrfurcht; nicht zweifelnd, sondern gläubig; nicht im Fluch, sondern im Segen; nicht zerstörend, sondern aufbauend; nicht leichtfertig, sondern ernst; nicht in bösen Gedanken, sondern in guten.

Dein Reich komme

Jesus erzählt viele Gleichnisse vom Reich Gottes, denken wir nur an das Gleichnis vom Senfkorn oder das vom Sauerteig. Jesus sagt auch: Das Reich Gottes ist mitten unter uns. Es ist nicht etwas nur Jenseitiges, sondern es ist schon dort Wirklichkeit auf Erden, wo Menschen an Jesus Christus glauben und leben nach seinem Wort.

Es sind aber nicht die Menschen, die das Kommen des Gottesreiches herbeiführen. Gott selbst ergreift die Initiative. Er hat den Samen des Wortes unter die Menschen gesät. Aber dennoch braucht Gott zu allen Zeiten Menschen, die den Samen des Wortes Gottes in sich wachsen lassen.

Das Reich Gottes ist auf Erden nie fertig da, sondern es steht immerfort im Kommen und wir sollen darum bitten, dass es anlange. Es drängt her, aber es kann nur anlangen, wenn der Mensch in seiner Freiheit Ja sagt zu Gott. Der Mensch muss sich öffnen für das Reich Gottes, muss glauben, sich bereit machen und sich in Sehnsucht ausstrecken. Der Mensch muss es wagen mit dem Reich Gottes, es einlassen und sich hingeben. Um diese Bereitschaft beten wir, dass das Reich Gottes anlange in uns und allen Menschen.

Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen

Die Bitte um das tägliche Brot ist auf den ersten Blick etwas Selbstverständliches. Ohne Nahrung kann der Mensch nicht leben. Wir bitten darum, dass es uns nicht am Lebensnotwendigen fehlt. In unserem Land mit seinen übervollen Supermarkt-Regalen gerät der Gedanke an die Sorge um das tägliche Brot leicht in Vergessenheit, aber wenn wir die Augen offen halten, sehen wir, dass es irgendwo auf der Welt, und vielleicht sogar ganz in unserer Nähe, Menschen gibt, die nicht an den Vorteilen unserer Wohlstandsgesellschaft Anteil haben.

In einer Auslegung zum Vater Unser heißt es, dass Jesus mit dieser Bitte in ganz besonderer Weise die Situation der Jünger in der Anfangszeit im Blick hatte. Die Jünger sind als Wanderprediger unterwegs und müssen darauf vertrauen, jeden Tag in einem Haus Einlass zu finden, wo man sie versorgt. Sie sollen keinen Proviant mitnehmen, sondern darauf vertrauen, dass Gott für sie sorgt und Menschen sie aufnehmen.

Wir denken auch an die Wüstenwanderung des Volkes Israel. Damals durften die Israeliten nur so viel Manna sammeln, wie sie an einem Tag zum Essen brauchten. Auch sie mussten darauf vertrauen, dass Gott jeden Tag für sie sorgt. Im übertragenen Sinn denken wir bei Brot auch an die Eucharistie, die Speise zum ewigen Leben.

Wir sehen, dass hinter der einfachen Bitte um das tägliche Brot sehr viel mehr steckt, als wir zunächst denken. Vor allem kommt hier wieder das Vertrauen deutlich zum Ausdruck, das wir zu Anfang des Gebetes mit dem Wort „Vater“ ausgesprochen haben. Gott sorgt sich täglich um seine Kinder.

Und erlass uns unsere Sünden ... denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist.

Genau so wie das tägliche Brot ist auch Vergebung lebensnotwendig. Sünde und Schuld vergiften und zerstören das Leben. Dass die Menschen einander vergeben, ist ein zentrales Anliegen Jesu. Er selbst ist gekommen, um sein Leben dafür zu geben, damit dem Menschen die Sünden vergeben werden.

Gott ist bereit, dem Menschen zu vergeben. Die Initiative zur Vergebung geht von Gott aus. Doch die Vergebung Gottes kann nur wirksam werden, wenn auch wir bereit sind, anderen zu vergeben, die an uns schuldig geworden sind. Keine andere Bitte formuliert die Notwendigkeit des menschlichen Zutuns so konkret wie diese.

Vergebung ist schwer, aber nicht unmöglich. Gerade weil Vergebung oft so schwer ist, tut es sicher gut, immer wieder im Vaterunser darum zu bitten. Wir können nur erfahren, wie befreiend Vergebung ist, wenn wir uns darauf einlassen.

Und führe uns nicht in Versuchung

Die letzte Bitte ist wohl die am schwersten verständliche. Manch einer denkt dabei vielleicht, was denn das für ein Gottesbild ist, an einen Gott zu glauben, der Menschen in Versuchung führt, der vielleicht irgendwelche Krankheiten schickt, um die Menschen zu testen. Wie geht das mit einem Gott der Liebe zusammen?

Versuchungen sind unvermeidlich, das sagt Jesus, und er selbst musste der Versuchung Satans standhalten. Die Versuchung geht nicht von Gott aus, aber dennoch lässt Gott es zu, dass Menschen versucht werden. Zugleich aber verheisst uns Jesus, dass Gott keine Versuchung zulassen wird, die über unsere Kräfte geht. Es ist nicht immer einfach, den Willen Gottes zu tun, aber wenn wir es wirklich wollen, haben wir die Kraft dazu, auch wenn uns vieles davon abbringen möchte.

Wenn wir es im Leben zu etwas bringen wollen, müssen wir uns anstrengen, aber wenn wir eine Prüfung gemeistert haben, sind wir einen Schritt weiter gekommen. Vielleicht können wir auch die Versuchungen als solche Prüfungen sehen, die uns, wenn wir sie bestehen, in unserem Leben immer reifer werden lassen und uns immer stärker werden lassen im Glauben. Gott traut uns zu, dass wir stark sind und diese Prüfungen bestehen.

Gen 18,20-32; Kol 2,12-14; Lk 11,1-13

Die heutige Lesung aus dem Alten Testament setzt die Erzählung vom letzten Sonntag fort. Nachdem Gott dem Abraham in der Gestalt der drei Männer erschienen ist und ihm die Geburt eines Sohnes verheißen hat, wenden sich die Männer Sodom zu. Gott enthüllt dem Abraham, was er vor hat, er möchte die sündigen Städte Sodom und Gomorra dem Erdboden gleich machen. Da fängt Abraham an, mit Gott zu handeln. Er erinnert ihn an sein Erbarmen. Gott kann doch nicht wollen, daß die Gerechten zusammen mit den Sündern vernichtet werden, und Gott gibt ihm recht. Wenn sich dort fünfzig, ja auch nur zehn Gerechte finden, werden die Städte nicht zerstört. Doch jeder weiß, wie die Geschichte endet. Außer Lot, dem Bruder Abrahams, und dessen Familie finden sich keine Gerechten dort. Eine erschreckende Bilanz. Gott möchte den Menschen sein Erbarmen schenken, aber wer möchte es annehmen? Gott liebt die Menschen, aber viele weisen seine Liebe ab.

Als Evangelium hören wir heute, wie Jesus seine Jünger beten lehrt. Jeder von uns kennt das Vater Unser und betet es vielleicht auch täglich. Wenn wir eine Parallele zu dem oben Gesagten ziehen, so erkennen wir im Vater Unser als erstes Gottes als unseren Vater an. Gott ist ein barmherziger und liebender Vater, der seine Kinder beschenken möchte. Das beten wir zuerst. Er ist unser Vater und wir sind bereit, seinen Willen zu tun. Wenn wir so Gott als Gott ehren dürfen wir auch gewiß sein, daß er uns täglich das gibt, was wir zum Leben brauchen. Wenn wir Erbarmen haben mit unseren Mitmenschen, so wird Gott auch uns gnädig sein. Vertrauen wir stets darauf, daß Gott uns seine Hilfe gewährt.

Der Heilige Pfarrer von Ars, dessen Gedenktag wir in dieser Woche feiern hat gesagt: Gott liebt uns mehr, als der beste Vater, mehr als die liebste Mutter. es genügt, daß wir uns seinem Willen unterwerfen und uns ihm anheimgeben mit dem Herzen eines Kindes.

Unser Herr ist auf der Erde, wie eine Mutter, die ihr Kind auf dem Arm trägt. Das Kind ist böse, schlägt die Mutter, beißt und kratzt sie, aber die Mutter macht kein Aufbebens davon. Sie weiß, wenn sie es losläßt, wird es fallen, es kann ja nicht alleine laufen. Seht, wie unser Herr ist: er erträgt unser böses Benehmen und alle unsere Anmaßungen; er vergibt uns alle unsere Dummheiten und hat Erbarmen mit uns trotz allem.

O Jesus, dich kennen heißt dich lieben! Wenn wir wüßten, wie sehr der Herr uns liebt, wir würden vor Freude sterben. Ich glaube nicht, daß es Herzen gibt, die so hart sind, nicht zu lieben, wenn sie sich so geliebt sehen ... Das einzige Glück, das wir auf Erden haben, ist, Gott zu lieben und zu wissen, daß Gott uns liebt. Amen.

18. Sonntag im Jahreskreis C - Habgier - Lk 12,13-21

Im heutigen Gleichnis erzählt Jesus von einem reichen Mann, dessen Felder gute Erträge einbringen. Der Mann will diesen Gewinn maximal ausnutzen, lässt größere Scheunen bauen, um alles unterbringen zu können, und sagt dann zu sich: Nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iß und trink und freu dich deines Lebens! Doch daraus wird nichts. Der Mann stirbt noch in derselben Nacht.

Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluss lebt.

Dieses Wort Jesu scheint ganz in unsere Zeit hinein gesprochen zu sein. Wir erleben, wie viele Menschen allein darauf aus sind, ihr Vermögen zu vermehren, immer mehr zusammen zu raffen. Dieser Habgier verfallen Menschen zu allen Zeiten. Sie meinen immer mehr haben zu müssen, um dadurch sicher und glücklich leben zu können. Doch das Glück lässt sich mit Geld nicht erkaufen und auch nicht das Leben.

Wir dürfen das Gleichnis aber auch nicht in dem Sinn falsch verstehen, dass Jesus sich grundsätzlich gegen Erfolg und Reichtum stellen würde. Als Überschrift des Gleichnisses sagt Jesus: „Hütet euch vor jeder Art von Habgier!“ Das ist es wovor Jesus warnt, wenn es nur noch um das Geld und den Profit geht und die Gier danach das ganze Leben bestimmt. Jesus will die Menschen aufrütteln, die nur für sich selbst Schätze sammeln, vor Gott aber nicht reich sind.

O Herr, du hast uns gesagt, dass unser Vater im Himmel für uns sorgen wird, so wie er für die Lilien auf dem Felde und die Vögel unter dem Himmel sorgt. Du, der nicht einmal einen Platz hatte, wohin er sein müdes Haupt legen konnte, sei unser Lehrer.

Lehre uns, auf Gottes Vorsehung zu vertrauen und hilf uns, unsere menschliche Habgier zu überwinden. Habgier hat nie jemanden glücklich gemacht. Gib uns die Kraft, uns dir ganz zu ergeben, damit wir ein Werkzeug sein können, deinen Willen zu erfüllen.

Segne den Gebrauch des Geldes in der Welt, damit die Hungernden gespeist, die Nackten gekleidet, die Armen beherbergt und die Kranken gepflegt werden können. Und Herr, gib uns deinen Heiligen Geist, damit wir durch den Glauben, den du uns verleihst, klar erkennen, dass wir alle vor dir mehr gelten als jede schöne Lilie oder jede singende Lerche in der Luft.

Mutter Theresa

Das heutige Evangelium lädt dazu ein, einen kritischen Blick auf unsere Gesellschaft und unser Wirtschaftssystem zu werfen. Für viele Menschen gilt sicher der Spruch „Geld regiert die Welt“ und es ist eines ihrer höchsten Ziele, möglichst reich zu werden. Für Manager gilt die Devise, mit möglichst wenig Arbeitskräften möglichst viel Profit zu erwirtschaften und dadurch die eigene Prämie zu erhöhen. Letztendlich versucht doch jeder, wo er kann, soviel wie möglich für sich herauszuholen. Doch immer mehr Menschen bleiben dabei auf der Strecke, die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter.

Ich will nicht in Abrede stellen, daß es durchaus notwendig und legitim ist, profitabel zu wirtschaften und auch der einzelne darf für seinen Einsatz im Beruf ein gutes Einkommen erwarten. Das Problem fängt da an, wo der eigene Gewinn unproportional zu Lasten anderer geht, wenn das Geld zum Götzen wird, so daß, wie beim Gutsherrn im Gleichnis, alles Streben nur dahin geht, wie ich aus meinem Besitz noch mehr Geld herausholen kann.

„Geld allein macht nicht glücklich“ ist ein allseits bekannter Spruch. Ist das eine Ziel erreicht, will der Mensch das nächste, immer mehr. Und unser Wirtschaftssystem fördert dies. Immer mehr Einsatz im Beruf, immer mehr Geld, aber dafür um so weniger Zeit für Familie und Mitmenschen. Dabei ist doch gerade die Familie die Grundlage unserer Gesellschaft. Aber wenn die Eltern soviel Zeit für ihren Beruf aufwenden müssen – freiwillig oder unfreiwillig –daß keine Zeit mehr für die Familie bleibt, die Erziehung der Kinder nahezu ganz abgegeben wird an Horte oder ähnliche Einrichtungen, so wird dies auf Dauer negative Folgen für die ganze Gesellschaft haben – nur ein Beispiel dafür, wie das Profitstreben letztendlich mehr Schaden als Nutzen bringt.

„Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, daß ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluß lebt.“ Wir haben in unserer Gesellschaft, wie Papst Benedikt XVI. schreibt, „einen Begriff von Realität gebildet, der die Transparenz des Wirklichen zu Gott hin ausschließt.“ Viele sehen den Sinn ihres Lebens – wenn er denn überhaupt so bezeichnet werden kann – allein im Innerweltlichen, eben darin, im Leben möglichst viel zu erreichen, und zwar in erster Linie solches, das auch finanziell honoriert wird. Es ist gar keine Frage, der Mensch soll in seinem Leben viel erreichen, aber es gibt auch Ziele, die nicht finanziell honoriert werden, Zeit zu haben für seine Kinder, Menschen in Not zu helfen, ein freundliches Wort, eine nette Geste, ... im letzten: Gott, der mich erschaffen hat, mit meinem Leben die Ehre zu geben, Gott in meinem Leben wirksam werden zu lassen, indem ich seinen Willen tue. Besteht nicht darin der wahre Sinn des Lebens, daß wir erkennen und anerkennen, daß Gott größer ist als alles, was wir mit unserer eigenen Anstrengung erreichen können und daß er unser gutes Tun lohnen wird mit einem größeren Lohn, als wir ihn in dieser Welt erwarten können? Möge Gott uns dafür die Augen öffnen und uns dabei helfen. 

19. Sonntag im Jahreskreis C - Wachsam - Lk 12,32-48  

Alles geben, um alles zu besitzen, das scheint jeglicher Logik zu widersprechen. Darum fällt es uns so schwer, den Versuch zu wagen, ob es wirklich so ist, wie Jesus uns sagt.

Wir können nicht alles aufgeben und mittellos durch die Welt ziehen. Eines aber können wir tun: uns nicht von der Macht des Geldes faszinieren lassen und uns stets dessen bewusst sein, dass die wahren Schätze nicht im materiellen Reichtum liegen, sondern in unserem Innern, wo die Liebe zu uns und unseren Mitmenschen wachsen kann und die Nähe zu Gott.

Dann werden wir auch nicht, wie der böse Knecht im Gleichnis, die Schätze unseres Herrn dazu verwenden, um allein uns selbst damit zu berauschen, sondern wir werden das, was wir haben, gerecht mit anderen teilen.

Wenn wir so in Liebe wachsam sind, stets aufmerksam für das, was jede Stunde von uns verlangt, dann werden wir unseren Lohn für unseren Dienst bekommen, den Platz beim himmlischen Hochzeitsmahl, bei dem unvergängliche Freude herrscht.

22. und 23. Sonntag im Jahreskreis C - Lukas 14 - Brot Essen 

Als Jesus an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen kam ...

So übersetzt die Einheitsübersetzung Lk 14,1, im Original aber heißt es genauer: zum Brot-Essen. Wenn wir weiterlesen, stoßen wir in 14,15 auf den Ausruf von einem der Gäste: „Selig, wer im Reich Gottes am Mahl teilnehmen darf!“, oder genauer übersetzt: „Selig, wer das Brot essen darf im Reich Gottes.“

Der Sabbat beginnt am Freitag-Abend mit einem Gottesdienst in der Synagoge und einem gemeinsamen Mahl zuhause. Das Mahl wird begleitet von verschiedenen Gebetssprüchen. Zu Beginn des Mahles werden die Sabbatbrote, die festlich verhüllt auf dem Tisch stehen, enthüllt und verzehrt. Wahrscheinlich spielt Lukas mit seiner für uns ungewöhnlichen Formulierung des Brot-Essens auf diese Zeremonie an. Jesus hat den Sabbat traditionell im Kreis der Juden in der Synagoge und bei einem vornehmen Gastgeber gefeiert.

Jesus nimmt die Einladung bei dem führenden Pharisäer als Gelegenheit, diesem und den anderen – sicher auch sehr vornehmen – Gästen eine Lehre zu erteilen. Als Gast soll man sich nicht den Ehrenplatz aussuchen und als Gastgeber nicht nur Gleichgesinnte einladen, sondern auch Arme und Kranke. Jesus stellt sich damit offensichtlich gegen das vornehme Gebaren der Reichen. Doch ist das Wort Jesu nur an vornehme Pharisäer gerichtet?

Wenn wir das Wort Brot hören, denken wir als Christen sofort an ein anderes Brot, die Eucharistie. Brotessen oder Brotbrechen kann so auch eine Umschreibung des christlichen Gottesdienstes sein. Dann erhält das Evangelium einen für die Zeitgenossen des Lukas und auch für uns aktuellen Sinn. Die Worte Jesu sind dann nicht an vornehme Juden gerichtet, sondern meinen indirekt die Mitglieder der christlichen Gemeinde.

Im 11. Kapitel des 1. Korintherbriefs und im 2. Kapitel des Jakobusbriefes hören wir von gravierendem Fehlverhalten während des Gottesdienstes. Da setzen sich die Reichen auf die besten Plätze und den Armen wird ein untergeordneter Platz zugewiesen. Bei der anschließenden Agapefeier lassen die einen es sich gut gehen und sind nicht bereit, mit denen zu teilen, die nichts haben.

Genau solche Missstände werden im heutigen Evangelium kritisiert. Lukas ist ja bekannt als Evangelist, der immer wieder auf die Armen hinweist. Bei ihm heißt es nicht wie bei Matthäus „Selig die Armen im Geiste“, sondern „Selig die Armen“, ganz konkret. Sicher haben Lukas Erfahrungen in den ihm bekannten Gemeinden zu dieser Haltung veranlasst. Lukas will den Menschen deutlich machen: wenn ihr in der Gemeinde solche Unterschiede zwischen Arm und Reich macht, wenn sich die Reichen die Ehrenplätze suchen und die Armen auf die letzten Plätze verwiesen werden, dann handelt ihr nicht im Sinne Jesu. Welchen Platz haben Arme, Krüppel, Lahme und Blinde in der Gemeinde? Was gibt dir, Reicher, die Gewissheit, dass du mehr wert bist als dieser Arme?

Es ist eine ernste Mahnung, die das Evangelium ausspricht, auch für uns heute. Dabei müssen mit den Reichen nicht nur die ganz Reichen gemeint sein. Auch weniger Bemittelte Menschen können herabschauen auf die, die noch weniger haben. Es geht hier auch nicht um die Frage der sozialen Hilfe. Diese ist notwendig, aber oft steht der, der gibt, über dem, der empfängt. Es geht hier vielmehr um die Frage, ob wir bereit sind, andere Menschen, die vielleicht nicht unserem sozialen Status entsprechen, als gleichwertige Mitglieder in der Gemeinde zu betrachten.

Die christliche Gemeinde auf Erden soll ein Abbild dieser himmlischen Gemeinde sein. Das macht die Aussage 14,15 deutlich: Selig, wer im Reich Gottes am Mahl teilnehmen darf.

Wenn wir uns das ewige Leben als eine freudige Mahlfeier vorstellen, wie es keine schönere geben kann. dann müsste doch jeder alles daran setzen, dorthin zu kommen. Doch der folgende Abschnitt zeigt, dass die Verheissung einer hier auf Erden noch fernen Freude oft nicht gegen die Verlockungen des hier und heute ankommt. Ein neues Haus, ein neuer Arbeitsplatz, eine tolle Frau, sind sicher wertvolle Dinge, nur darf der Mensch sie nicht über das Streben nach dem Reich Gottes stellen. Wenn es sein muss, dann muss der Mensch um etwas Höherem Willen darauf verzichten können.

Die Gemeinschaft einer Familie ist wichtig, ja lebensnotwendig für einen Menschen. Auf Erden ist wohl kein Gut so wertvoll, wie dieses. Und doch muss der Mensch, der Jesus folgen möchte, unter Umständen auch bereit sein, darauf zu verzichten, weil es nach etwas Höherem zu streben gilt.

Christentum ist keine Kuschelecke, dies sagen Jesu Worte deutlich. Wer sich darauf einlassen möchte, sollte erst prüfen, ob er dazu bereit ist. Sonst ist er dem Spott ausgesetzt, wie einer, der einen Turm bauen will, dem aber nach dem Setzen des Fundamentes schon die nötigen Mittel zum Weiterbau fehlen. Oder er unterliegt, wie ein König, der unüberlegt mit einer kleinen Armee einen viel Stärkeren angreift.

So kann keiner von euch, der nicht bereit ist, auf alles zu verzichten, was er besitzt, mein Jünger sein. Wer dennoch meint, es sich einfach und bequem machen zu können, der ist wie schales Salz, das zu nichts mehr taugt und weggeworfen wird.

Vom rechten Gebrauch des Reichtums

Wir haben eben Jesu Worte gehört, die dazu aufrufen, die eigene Familie um der Nachfolge Jesu gering zu achten und auf den gesamten Besitz zu verzichten. Nun aber folgen im 15. Kapitel drei Gleichnisse, in denen es um Menschen geht, denen etwas von ihrem Besitz oder Familienbande verloren gegangen sind. Die Anhänglichkeit und Liebe, die Menschen zu ihrem Besitz oder zu Familienmitgliedern haben, können zu einem Bild für die Liebe Gottes zu den Menschen werden. Daher wäre es ein Missverständnis, würde man Jesu radikale Worte in 14,25-35 absolut nehmen.

Auch für Jesus gilt der Grundsatz, dass wir mit unserem Besitz verantwortungsvoll umgehen sollen. Wenn einer hundert Schafe hat und ihm eines davon verloren geht, wird er das Verlorene unermüdlich suchen und nicht sagen, es kümmere ihn nicht, es blieben ja noch 99. Und wer Geld verloren hat, wird auch das suchen. Jesus will also nicht, dass wir mit unseren Gütern achtlos umgehen, sondern dass wir, wenn es um des größeren Gutes der Nachfolge Christi willen nötig ist, bereit sind, darauf zu verzichten.

Die Frage nach dem rechten Umgang mit dem Besitz scheint Lukas und die frühen Gemeinden sehr beschäftigt zu haben. Es sind nur wenige zu einem radikalen Leben als besitzlose Wanderapostel berufen, wie Jesus es mit seinen Jüngern gelebt hat. Für den Großteil der Gläubigen gilt, was Lukas in 16,9-13 schreibt: Macht euch Freunde mit dem Reichtum, den ihr besitzt, geht verantwortungsvoll mit eurem Besitz um, damit ihr lernt, auch mit dem größeren Gut, das Gott gibt, verantwortungsvoll umzugehen, aber passt auf: haltet auch die nötige Distanz zum Besitz, damit er für euch nicht zum Götzen wird, der euch von Gott trennt.

26. Sonntag im Jahreskreis C - In Abrahams Schoß (Lk 16,19-31)

Das Gleichnis vom reichen Prasser und dem armen Lazarus

Da liegt ein armer Bettler vor der Tür eines reichen Mannes, zur Zeit Jesu und auch zu anderen Zeiten ein vertrautes Bild. Im Evangelium hat er sogar einen Namen – Lazarus. Der Reiche bleibt namenlos. Normalerweise kann ein Bettler darauf hoffen, von dem, was im Haushalt eines Reichen übrig bleibt, etwas abzubekommen und satt zu werden. Doch der reiche Prasser im Evangelium gewährt dem armen Schlucker nicht einmal diese kleine Gunst.

Beide sterben, Lazarus wird in Abrahams Schoß getragen, der Reiche leidet Qualen in der Unterwelt. Wir wollen nicht darüber nachdenken, ob Jenseitsvorstellungen wie diese der Wirklichkeit entsprechen oder nicht. Ich wehre mich auch gegen eine Deutung, die nur auf eine Vertröstung auf das Jenseits ausgerichtet sind. Sicher will uns Jesus mit diesem Gleichnis nicht sagen, dass wir uns um die Armen keine Sorgen machen müssten, weil sie ja für ihr Elend auf Erden im Himmel umso mehr mit Glück beschenkt werden.

Die kritische Person im Evangelium ist der reiche Prasser. Er hat keinen Namen – wird er damit zu einer Mahnung an uns alle, dass wir nicht werden wie er? Aus den Worten des Evangeliums entnehmen wir deutlich, dass er seine Chance auf ein gelungenes Leben vertan hat. Seinen ganzen Luxus kann er nicht mit ins Grab nehmen. Wäre er nur ein klein wenig gutherziger gewesen, würde es ihm jetzt nicht so schlimm ergehen. Ich denke, Jesus will uns darauf hinweisen, dass wir unser Leben bewusst leben und unsere Augen und Herzen offen halten sollen, um im entscheidenden Moment richtig – das heißt barmherzig – zu handeln.

Lazarus wird nach seinem Tod direkt in Abrahams Schoß getragen. Die Juden verbanden damit die Vorstellung von einem Ort der größten Sicherheit und Geborgenheit, von einem Ort des höchsten Glücks. Dies darf nun der genießen, der in seinem Leben nichts Gutes erfahren hat.

Abrahams Schoß, Geborgenheit und Glück, erwarten uns in Fülle im Jenseits. Doch auch schon hier auf Erden wollen wir etwas davon zu spüren bekommen. Wie kann uns das gelingen? „Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit.“ Das ist der Titel eines Buches, das mir dieser Tage in die Hände gekommen ist. Wir können den Schoß Abrahams in dieser Umarmung Gottes sehen, die er uns jeden Tag immer wieder neu anbietet.

Umarmung

Umarmung ist ein Zeichen von Nähe und Zärtlichkeit. Für Kinder ist diese Nähe lebenswichtig, Menschen, die sich lieben, schenken sie einander, … doch denken wir bei dem Wort Umarmung auch an Gott? Kann Gott uns liebevoll umarmen, uns seine Nähe schenken, oder haben wir das Bild von einem Gott, der zu abstrakt, zu fern oder gar zu streng ist, um uns zu umarmen?

Durch das Alte Testament und ganz besonders auch durch Jesus ist uns das Bild von Gott als dem Guten Hirten vertraut. Der gute Hirte trägt das verlorene Schaf auf seinem Arm – was ist das anderes als eine liebevolle Umarmung?

Im bekannten Gleichnis umarmt der Vater den verlorenen Sohn, als dieser wieder nach Hause zurückkehrt. Jesus selbst umarmt die Kinder, die zu ihm kommen. Mehr noch, es gibt auch das Bild, dass Jesus vom Kreuz aus die ganze Welt umarmt.

Doch wie kann diese Umarmung Gottes geschehen? Bernhard von Clairvaux hatte tatsächlich das mystische Erlebnis, dass er beim Gebet vor dem Kreuz vom gekreuzigten Christus umarmt wurde. Doch ist so eine Vision hilfreich für uns im Alltag?

Gott will uns in unserem Alltag begegnen. Das gelingt dann, wenn wir versuchen, in allem, was uns widerfährt, in den Ereignissen des Lebens und in den Menschen, die uns begegnen, Gott zu entdecken. Gott finden in allen Dingen, in allem Schönen, aber auch im Elend.

Gott will mit uns in Kontakt kommen. Dies gelingt, wenn wir ihn einlassen in unser Leben, in unseren Alltag. Wenn wir alles im Lichte Gottes sehen, alles mit Gott erleben, unser Leben ihm anvertrauen, ihm für alles danken.

Das klingt nun doch wieder so, als müssten wir aktiv werden. Aber letztlich ist es Gott selbst, der sich uns schenkt, der alles macht, wenn wir es nur zulassen und ihm Raum geben in unserem Leben, damit er wirken kann mit seiner Liebe.

Dabei können uns die Worte, die P. Alfred Delp SJ aus dem Gefängnis in Berlin-Plötzensee schrieb, eine Hilfe sein:

Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Dies gilt für alles Schöne und auch für das Elend.

In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort. Die Kunst und der Auftrag ist nur dieser, aus diesen Einsichten und Gnaden dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung zu machen, bzw. werden zu lassen. Dann wird das Leben frei in der Freiheit, die wir gesucht haben.

Barmherzig leben

Wenn wir diese Gegenwart Gottes in unserem Leben spüren, können wir nicht mehr gleichgültig in den Tag hinein leben. Wir werden die Zeichen der Zeit verstehen und entsprechend handeln. Gottes Umarmung ist nicht etwas, das wir zurückgezogen in einer religiösen Kuschelecke genießen können. Sie drängt uns hinaus zu den Menschen.

Die Geschichte liefert uns viele Beispiele, wie diese Erfahrung von Gottes Gegenwart die Menschen gedrängt hat, diese weiterzugeben – ganz konkret. Da ist der heilige Martin, der mit dem Bettler seinen Mantel teilt, da ist Franziskus, der den Aussätzigen umarmt – er überwindet den Ekel, der ihn von diesem entstellten Menschen zurückschrecken lässt, er wagt die Begegnung, die Nähe, die Umarmung, und findet so zu einem neuen Leben.

Das ist ja gerade das Erstaunliche, dass dann, wenn wir diesen Schritt der Barmherzigkeit tun, unser eigenes Leben frei und glücklich wird. Im Hinblick auf das Evangelium können wir sagen, dass wir so den Abgrund überwinden, der uns von Abrahams Schoß trennt. Trauen wir uns, diesen Schritt zu tun, so lange noch Zeit dafür ist. Gott hilft uns dabei.

28. Sonntag im Jahreskreis C - Zeigen (Lk 17,11-19)

Und es geschah, dass Jesus, als er nach Jerusalem ging, mitten durch das Gebiet von Galiläa und Samarien ging. Und als er in einen Ort kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer, die in einiger Entfernung stehen blieben.

Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Dieser Weg führt ihn durch Galiläa und Samarien, Gegenden, die frommen Juden suspekt waren. Bekannt ist ja der offene Gegensatz zwischen Juden und Samaritanern.

Dort in dieser Gegend kommen zehn Aussätzige auf Jesus zu. Wie es der Vorschrift entspricht, bleiben sie in einiger Entfernung stehen. Um mit Jesus in Kontakt zu treten, müssen sie laut zu ihm hinüber schreien.

Und sie erhoben ihre Stimme und sagten: Jesus, Meister, erbarme dich unser! Als er sie sah, sagte er: Geht, zeigt euch den Priestern. Und es geschah, dass sie, als sie gingen, geheilt wurden.

Laut Gesetz musste die Genesung vom Aussatz durch die Priester festgestellt werden. Jesus erkennt diesen Weg an. Er schickt die Aussätzigen, so wie sie sind, zu den Priestern. Sie folgen der Weisung Jesu und auf dem Weg zu den Priestern werden sie plötzlich rein. Der Priester erklärt sie als rein. Sie können wieder unter Menschen gehen und sind wieder Teil der Gesellschaft.

Für neun der zehn ist damit alles in Ordnung. Sie haben von Jesus bekommen, was sie erbeten haben. Einer von ihnen aber kehrt zu Jesus zurück um ihm Danke zu sagen. Ein „Werk der Übergebühr“ oder einfach eine Selbstverständlichkeit, für die die anderen zu bequem waren? Die Worte Jesu machen es deutlich.

Einer von ihnen aber kehrte zurück, als er sah, dass er geheilt war, und pries mit lauter Stimme Gott und fiel auf sein Gesicht nieder vor den Füßen Jesu und dankte ihm. Und dieser war ein Samaritaner.

Jesus aber antwortete ihm und sagte: Sind denn nicht zehn geheilt worden? Aber wo sind die neun? Hat denn keiner es für nötig gehalten, zurückzukehren um Gott die Ehre zu geben, außer diesem Fremden? Und er sagte zu ihm: Steh auf und geh, dein Glaube hat dich geheilt.

Was wir anderen Menschen gegenüber empfinden, wird oft erst dann deutlich, wenn wir es ihnen zeigen. Wir können nicht immer damit rechnen, dass andere Menschen uns jeden Wunsch und jede Empfindung von der Nasenspitze ablesen.

Gerade auch mit positiven Worten anderen gegenüber sollten wir nicht sparen. Lob, Dankbarkeit, Anerkennung tun anderen Menschen gut. Wenn uns jemand etwas Gutes getan hat, sollten wir es nicht als selbstverständlich hinnehmen. Auch wenn wir den anderen vielleicht nie wieder sehen, lohnt es sich doch, umzukehren, uns zu ihm hin zu wenden und ihm unsere Dankbarkeit zu zeigen.

Jesus heilt im heutigen Evangelium zehn Aussätzige. Geht, zeigt euch den Priestern, sagt er zu ihnen. Auf dem Weg dorthin werden sie gesund. Nur einer von ihnen kehrt um, um Jesus Dank zu sagen, und das war noch dazu ein Samariter, ein Mensch also, der in den Augen der frommen Juden nicht viel galt.

Jesus macht deutlich: Dankbarkeit zeigen ist eine Selbstverständlichkeit, sie kann Wunder wirken, Wunder der Heilung und Wunder der Freundschaft. Versuchen wir es. Vielleicht finden wir in einem Menschen, dem wir unerwartet Danke sagen, einen Freund fürs Leben.

29. Sonntag im Jahreskreis C - Das Gebet der Hoffnung (Lk 18,1-8) 

In einem einführenden Satz schickt der Evangelist dem nun folgenden Gleichnis schon seine Deutung voraus:

Er aber sagte ihnen in einem Gleichnis, dass sie immerfort beten und darin nicht nachlassen sollten.

Das Beten ist eine Grundeigenschaft des gläubigen Menschen. Im Gebet tritt der Mensch in eine ganz besondere Beziehung zu Gott. Doch jeder Mensch hat eine andere Form des Betens. Wichtig ist, dass das Gebet im Laufe des Lebens mit dem Menschen wächst, dass der Mensch immer tiefer in das Beten und in die Beziehung zu Gott hinein wächst.

Es hat sich im Christentum die Tradition des immerwährenden Gebetes herausgebildet. Das ist in besonderer Weise das Jesus- oder Herzensgebet. Durch ständige Wiederholung wird ein kurzer Gebetsruf so zum Bestandteil eines Menschen, dass dieses Gebet im Herzen des Menschen von selbst weiter betet.

Immerwährendes Beten kann aber auch heißen, in allen Situationen des Alltags an Gott zu denken und alles, was der Mensch beginnt und vollendet, mit einem Gebet zu beginnen oder zu beschließen. So machen wir uns bewusst, dass wir alles mit Gott tun wollen, nach seinem Willen und zu seiner Ehre. Wir machen uns aber auch bewusst, dass die Kraft für unser gutes Tun letztendlich ein Geschenk der Gnade Gottes ist.

Gott will uns schenken, was wir brauchen, noch bevor wir ihn darum bitten. Gott will aber auch, dass wir ihn bitten, weil wir dadurch unsere Offenheit dafür zeigen, dass wir bereit sind, von Gott etwas zu empfangen. Oft machen wir aber die Erfahrung, dass unsere Bitten von Gott scheinbar nicht erhört werden. Auch die Menschen zur Zeit des Evangelisten Lukas werden diese Erfahrung gemacht haben. In diesem Gleichnis sagt uns Jesus deutlich, dass es nie umsonst ist, Gott um etwas zu bitten. Wenn schon der hartherzige Richter nach langem Bitten bereit ist, der Witwe zu ihrem Recht zu verhelfen, wie viel mehr wird Gott, der die Menschen liebt, die Bitten derer, die zu ihm rufen, erhören.

Er sagte: Es war ein Richter in irgendeiner Stadt, der Gott nicht fürchtete und auf keinen Menschen Rücksicht nahm. Es gab aber eine Witwe in jener Stadt und die kam zu ihm und sagte: Verschaff mir Recht gegenüber meinem Feind.

Er wollte lange Zeit nicht, danach aber sagte er zu sich: Wenn ich auch Gott nicht fürchte und auf keinen Menschen Rücksicht nehme, so will ich doch dieser Witwe zu ihrem Recht verhelfen, weil sie mir lästig ist und mir vielleicht eines Tages noch ins Gesicht schlägt.

Der Herr aber sagte: Hört, was der ungerechte Richter sagt. Sollte Gott daher nicht seinen Erwählten zu ihrem Recht verhelfen, die Tag und Nacht zu ihm schreien, und mit ihnen Erbarmen haben?

Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen. Wenn aber der Menschensohn kommen wird, glaubst du, dass er Glauben finden wird auf Erden?

Das Gleichnis schließt mit einer Frage Jesu. Wird der Menschensohn bei seinem Kommen Glauben finden auf Erden? Wenn wir diesen Satz direkt auf den vorangegangenen Text beziehen, können wir ihn auch so deuten, dass Jesus fragt, ob es dann noch einen Menschen geben wird, der mit einen solchen Vertrauen zu Gott betet, dass er auch bereit ist, sich von Gott beschenken zu lassen.

Kommen wir an dieser Stelle noch einmal auf das Gebet zurück. Viele Menschen beten. Es gibt den Spruch, Not lehrt beten und man sieht immer wieder, dass gerade Menschen in schweren Situationen sich wieder auf das Gebet besinnen und Gott um Hilfe bitten, weil sie sonst keinen Ausweg mehr sehen. Doch ist es solches Gebet das, was Jesus im Evangelium meint?

Man kann das Gebet in Bitt-, Dank- und Lobgebet unterscheiden. Das Bittgebet halten wir dabei oft für weniger wertvoll als Dank und Lob. Es heißt, das Bittgebet wäre ichbezogener, weil wir dabei unsere eigenen Interessen an erste Stelle setzen würden. In der Tat erleben wir oft, dass unsere augenblicklichen Sorgen unser Gebet ausfüllen, so dass es eine lange Liste von Bitten und Wünschen wird.

Das Dankgebet sagt man, sei mehr auf Gott gerichtet, wenngleich im Zusammenhang mit einer Gabe, die wir von Gott erhalten haben. Das Lobgebet aber steht für viele am höchsten, weil es anscheinend ganz auf Gott gerichtet ist, unabhängig von unseren Bitten und deren Erfüllung.

Wenn auch diese Unterscheidung uns hilft, die Formen des Gebetes einzuteilen, kann man doch die dadurch gemachte Wertung des Gebetes in Zweifel ziehen. Nach Henri Nouwen, von dem ich die Gedanken für diesen Text genommen habe, ist beim Gebet nicht die Einstufung in Bitt-, Dank- oder Lobgebet wichtig, sondern inwieweit es ein Gebet der Hoffnung oder der Kleingläubigkeit ist.

Wenn wir uns beim Beten mit ganz konkreten Wünschen an Gott richten und zugleich eine ganz konkrete Vorstellung haben, wie sie erfüllt werden sollen, kann es leicht sein, dass wir mit unserem Beten auf der Stufe der Kleingläubigkeit stehen. Damit einher geht oft die Enttäuschung darüber, dass Gott nicht genau so handelt, wie wir es uns vorstellen.

Bei dem Gebet der Kleingläubigkeit, so schreibt Henri Nouwen, ist es die Konkretheit der Wünsche, die die Möglichkeit der Hoffnung ausschließt. Das kleingläubige Gebet gibt sich mit ganz konkreten und dadurch auch beschränkten Wünschen zufrieden und sieht gar nicht, dass Gott viel Größeres tun kann, als wir erwarten und erbitten.

Dadurch verschließen wir uns aber für das, was Gott mit uns tun möchte – und auch für das, was Gott uns schenken möchte, damit wir seinen Willen erfüllen können. Wir haben dann keine Geduld für die Verheißungen Gottes und vertrauen nicht auf die unsichtbaren Gegebenheiten, die die Zukunft bringt. Das kleingläubige Gebet macht uns zu Zwergen in einer Welt von Winzigkeiten.

Wenn wir aber in der Grundeinstellung der Hoffnung leben, sagt Henri Nouwen, versteigen wir uns nicht in Spekulationen darüber, ob unsere Wünsche auch Erfüllung finden werden. Wir dürfen mit all unseren auch ganz konkreten und alltäglichen Anliegen zu Gott kommen. In unserem Beten geht es aber nicht um die Erfüllung eines Wunsches, sondern um den Ausdruck eines grenzenlosen Glaubens an den Geber alles Guten.

Wenn wir voll Hoffnung beten, sind unsere Gebete nicht auf die Gabe gerichtet, sondern auf den, der sie uns zukommen lässt. Das Gebet der Hoffnung verlangt keine Garantien, stellt keine Bedingungen und braucht keine Beweise. Wir erwarten alles von Gott, ohne ihn aber in irgendeiner Weise binden zu wollen.

Unsere Hoffnung gründet auf dem Vertrauen, dass Gott uns das geben wird, was gut ist. Hoffnung bezieht eine Offenheit ein, in der wir die Erfüllung eines Versprechens erwarten, wenn wir auch nicht wissen, wann, wo oder wie dies geschehen wird.

Unsere konkreten Bitten werden dann zu Wegen, auf denen wir unser uneingeschränktes Vertrauen in den zum Ausdruck bringen, der alle Verheißungen erfüllt, der nur das Gute für uns will und der Güte und Liebe mit uns teilen möchte.

Guter Gott,

ich bin voller Wünsche,
voller Sehnsüchte,
voller Erwartungen.
Manche von ihnen werden vielleicht Wirklichkeit,
manche vielleicht nicht.
Doch bei aller Befriedigung oder Enttäuschung
Hoffe ich auf dich.
Ich weiß,
dass du mich niemals allein lassen und
dass du deine göttlichen Verheißungen erfüllen wirst.
Selbst wenn es scheint,
dass alles anders verläuft,
als ich will,
weiß ich, dass alles nach deinem Willen geschieht
und dass am Ende dein Weg
der beste Weg für mich ist.
O Herr, stärke meine Hoffnung,
besonders dann,
wenn meine vielen Wünsche nicht erfüllt werden.
Lass mich niemals vergessen,
dass dein Name Liebe ist.
Amen

Henri Nouwen

30. Sonntag im Jahreskreis C - Beten (Lk 18,9-12) 

Vor einer Woche haben wir im Sonntagsevangelium gehört, wie Jesus die Jünger auffordert, beharrlich im Gebet zu sein. Gott wird sie zur rechten Zeit in seiner übergroßen Barmherzigkeit beschenken. In Lk 18,9-14 stellt uns Jesus noch einen anderen Aspekt vor Augen: Gott urteilt in seiner Barmherzigkeit oft anders, als wir es erwarten.

Ein Pharisäer und ein Zöllner kommen zum Gebet in den Tempel. Der Pharisäer ist quasi „Profi“ im Beten, er geht zielsicher nach vorne und dankt Gott, dass er ein so frommer Mensch ist. Ist doch gut, werden viele sagen. Er hat sich in seinem Leben für Gott entschieden und da ist es ganz recht, dass er von Gott dafür belohnt wird.

Sicher wird er für seine Frömmigkeit seinen Lohn von Gott bekommen. Was Jesus aber nicht gutheißt ist, dass sich dieser Fromme über einen anderen Beter erhebt, der ganz hinten stehen bleibt, weil er weiß, dass er nicht besonders fromm ist, der aber zugleich Gott um Erbarmen bittet.

Gott hört das demütige Gebet des Zöllners, weil auch er ein geliebtes Kind Gottes ist. Gott sieht seine Not und seine Bitte um Erbarmen. Der Zöllner ist offen, sich von Gottes Barmherzigkeit beschenken zu lassen. Der Pharisäer aber meint alles aus eigener Frömmigkeit erreichen zu können. So verschließt er sich für das Geschenk von Gottes Barmherzigkeit.

Geben wir uns nie mit unserer eigenen Frömmigkeit zufrieden, sondern seien wir stets offen dafür, dass Gott uns etwas noch Größeres und vielleicht etwas ganz Anderes als wir erwarten schenken möchte und blicken wir nicht auf andere herab, die ihren Weg mit Gott anders gehen als wir. Lassen wir stets Raum für Gottes Barmherzigkeit.

31. Sonntag im Jahreskreis C - Zachäus (Lk 19,1-10)

Tausend Menschen in der Menge
Tausend jubeln Jesus zu
tausend Menschen in der Menge
und davon bist einer du.

Tausend Köpfe vor dem deinen
stellen dir dein Sichtfeld zu
tausend Köpfe vor dem deinen
doch auf einen Baum steigst du.

Siehst sie jammern, siehst sie klagen
schaust von oben herab zu
die ihr Leid zu Jesus tragen
so was brauch ich nicht denkst du.

Jesu Blick geht hin zu allen
und du schaust ihm dabei zu
und er sieht dich unter allen
ruft dich, ja gemeint bist du.

Steigst vom Baume rasch herunter
schnell läufst du auf Jesus zu
grüßt ihn freudig, grüßt ihn munter
ganz bei Jesus bist jetzt du.

Er ist Gast in deinem Hause
und du wendest dich ihm zu
Friede sei nun deinem Hause
und mit allen teilest du.

32. So im Jahreskreis C 2007, 2Makk 7,1-14; 2Thess 2,16-3,5; Lk 20,27-38

Es geht auf das Ende zu, so in den Lesungen des heutigen Sonntags. Es sind die letzten Tage Jesu in Jerusalem. Pharisäer und Sadduzäer, die Hüter des jüdischen Glaubens, legen sich ein letztes Mal mit Jesus an. Sie sind seiner Argumentation nicht gewachsen, sie merken, er meint es wirklich ernst. Seine Botschaft beinhaltet etwas so radikal Neues, obwohl sie doch auch voll und ganz in den Heiligen Schriften verwurzelt ist, daß sie für viele unannehmbar bleibt. Jesus muß beseitig werden, wenn alles so bleiben soll, wie es ist. Doch das Reich Gottes ist nicht von dieser Welt, Jesus und seine Jünger sind zwar in der Welt, aber nicht mehr von der Welt. So kann ihnen der Tod im letzten nicht schaden. Durch Jesu Tod ist dann doch nicht alles so geblieben, wie es war und wie es sich die Mächtigen erhofft hatten. Jesu Tod hat etwas ganz Neues gebracht, er hat den erlösten Menschen in ganz neuer Weise die Möglichkeit eröffnet, in der Gemeinschaft mit Gott zu leben. So ist der Tod aller gläubigen Menschen nicht Untergang, sondern Same neuen Lebens. Der Tod ist nicht das Ende, sondern die Auferstehung führt uns nach den Mühsalen dieser Welt hinüber in unsere wahre Heimat.

Diesen Trost gibt auch der Text aus dem Makkabäerbuch. Das Volk der Juden wird von Heiden regiert, die jeden töten, der sich an die Vorschriften des Gesetzes hält. So muß eine Mutter mit ansehen, wie ihre sieben Söhne vor ihren Augen zu Tode gefoltert werden. Diese sieben Brüder werden auch von den Christen als Märtyrer verehrt und sind durch ihren Glaubensgehorsam zu Vorbildern geworden. Nicht das, was wir in diesem Leben erreichen, ist wichtig, sondern das, was Bestand hat vor Gott. Bei Gott ist unsere wahre Heimat. Im Alten Testament hat sich diese Überzeugung erst langsam durchgesetzt. Zunächst galt, daß irdisches Wohlergehen das Zeichen für ein gottgefälliges Leben ist. Armut und Krankheit waren dann irgendwie Folgen falschen Verhaltens. Zudem glaubte man auch nicht an ein ewiges Leben bei Gott, sondern alle Menschen kamen unterschiedslos nach ihrem Tod in das Schattenreich der Unterwelt. Doch man machte immer mehr die Erfahrung, daß sich Leid nicht nur als Folge falschen Verhaltens erklären läßt und daß gerade auch fromme Menschen Leid und, wie gerade auch in unserem Text die sieben Brüder, ungerechte Unterdrückung und qualvoller Tod trifft. Der Tod kann also nicht für alle das gleiche Los bereithalten. Die vollkommene Vergeltung für Gutes und Böses geschieht nicht schon in diesem Leben, sondern erst bei Gott. So verbreitete sich im Volk Israel der Glaube an die Auferstehung der Toten, doch selbst zur Zeit Jesu war dieser Glaube noch umstritten, was die Frage der Sadduzäer zeigt. Ihre Frage will nichts anderes, als die logische Unmöglichkeit der Auferstehung darlegen. Doch sie haben nicht verstanden, worum es bei der Auferstehung geht. Erst in Christus, der uns als erster in der Auferstehung vorangegangen ist, können wir erahnen, was Auferstehung bedeutet.

Das Kirchenjahr neigt sich seinem Ende zu und der November ist in besonderer Weise der Totenmonat in dem wir unserer Verstorbenen gedenken. Wir dürfen für unsere Verstorbenen die Hoffnung haben, daß sie nicht verloren sind, daß sie nicht ins Nichts sinken und uns für immer fern sind. Nein, die Verstorbenen dürfen schon in jener Welt leben, die Christus für uns bereitet hat, in der es viele Wohnungen gibt. Sie sind uns bleibend nahe und wir dürfen uns auf ein Wiedersehen freuen. Leben auch wir so, daß Christus uns dereinst, wenn unser Tod gekommen ist, einläßt in seine Wohnungen. Das tägliche Gedenken an die Toten und an unseren eigenen Tod soll uns Mut machen, immer wieder neu anzufangen, ein Leben nach dem Willen Gottes zu führen. Wir sollen nicht wollen, daß alles so bleibt wie es ist, sondern daß alles immer besser wird, daß wir alles in unserem Leben immer mehr aus Liebe zu Gott und zu den Menschen tun, damit wir bereit sind, wenn der Herr kommt. Seien wir wachsam, denn wir kennen weder den Tag noch die Stunde, wann er kommt. Bleibe bei uns, Herr, und gib uns Deinen Segen.

32. Sonntag im Jahreskreis C

Lk 20,27-38 Die Frage der Sadduzäer nach der Auferstehung 

Es kamen aber einige von den Sadduzäern, die leugnen, dass es eine Auferstehung gibt, mit einer Frage zu Jesus. 

Einleitend macht Lukas klar, worum es im Folgenden geht. Die Sadduzäer sind uns bekannt als eine der beiden bedeutenden Gruppierungen unter der religiösen Führungsschicht der Juden. Ihr Glaubensbild unterscheidet sich jedoch in mehreren Punkten von dem der Pharisäer. Zu den Unterschieden gehört auch der Glaube an die Auferstehung. Wenn wir die Glaubensgeschichte der Juden betrachten, so fällt auf, dass der Glaube an die Auferstehung erst sehr spät, nur wenige Jahrhunderte vor dem Auftreten Jesu, Eingang in den jüdischen Glauben gefunden hat. Auch zur Zeit Jesu hatte sich dieser Glaube noch nicht allgemein durchgesetzt.

Die Sadduzäer halten an der traditionellen Form des jüdischen Glaubens, der keine Auferstehung kennt, fest. Sie kommen also nicht als Suchende zu Jesus, sondern haben eine feste Überzeugung, der Jesus mit seiner Lehre widerspricht. Sie wollen öffentlich zeigen, dass hier die Argumente ganz auf ihrer Seite liegen und Jesus irrt.

Sie sagten: Meister, Mose hat uns vorgeschrieben: Wenn ein Mann, der einen Bruder hat, stirbt und eine Frau hinterlässt, ohne Kinder zu haben, dann soll sein Bruder die Frau heiraten und seinem Bruder Nachkommen verschaffen.

Die gemeinsame Diskussionsgrundlage zwischen Jesus und den Sadduzäern ist das Gesetz des Mose. In ihm zeigt sich Gottes Wille und seine Weisung für ein gerechtes Leben. Die Sadduzäer wollen dieses Gesetz streng befolgen und auch Jesus bestreitet seine Gültigkeit nicht. Dennoch bestehen erhebliche Diskrepanzen in der Frage, wie das Gesetz des Mose auszulegen ist.

Die Vorschrift, um die es hier geht, steht in Dtn 25,5. Wenn ein Mann kinderlos stirbt, soll seine Frau sich keinen fremden Mann nehmen, sondern der Bruder des Verstorbenen soll sie heiraten, wobei der erste Sohn aus dieser Ehe als der Nachkomme des Verstorbenen gilt.

Diese Vorschrift erscheint aus heutiger Sicht unverständlich. Sie passt in eine Stammesgesellschaft mit patriarchalischer und polygamer Familienstruktur. Um die Familie zu erhalten, war es für jeden Mann wichtig, einen männlichen Nachkommen zu haben. Ohne diesen zu sterben, galt als Schande.

In der Zeit der Entstehung dieses Gesetzes gab es noch keinen Glauben an eine Auferstehung. Worauf ein Mensch hoffen konnte, war allein, durch den Fortbestand seiner Familie bei seinen Nachkommen im Gedächtnis zu bleiben. Somit galt für den, der keine Nachkommen hatte, dass dessen Gedächtnis unter den Menschen ausgelöscht war. Ein solches Denken macht deutlich, wie wichtig es für einen Mann war, Nachkommen – und hier vor allem männliche Nachkommen – zu haben.

Das genannte Gesetz der Schwagerehe stellte eine Möglichkeit dar, wie ein kinderlos verstorbener Mann doch noch zu einem Stammhalter kommen konnte. Wenn einer seiner Brüder dazu bereit war, die Witwe zu heiraten, konnte er in dieser Ehe für seinen verstorbenen Bruder einen Stammhalter zeugen.

Es ist offen, in wie weit dieses Gesetz zur Zeit Jesu praktiziert wurde. Dass die Sadduzäer mit Hilfe dieses Gesetzes argumentieren, zeigt aber auch, dass sie sich gerade auf die traditionelle Auslegung des Gesetzes des Mose konzentrierten. Wie nun scheint dieses Gesetz dem Glauben an eine Auferstehung der Toten zu widersprechen?

Nun lebten einmal sieben Brüder. Der erste nahm sich eine Frau und starb ohne Söhne. Da nahm sie der zweite und starb ohne einen Sohn zu haben, danach der dritte, und ebenso die anderen bis zum siebten; sie alle hinterließen keinen männlichen Nachkommen, als sie starben. Als letzte von allen starb auch die Frau. Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur Frau gehabt.

Der Fall ist klar: Das Gesetz des Mose muss auch für diesen doch sehr theoretisch erscheinenden Fall Gültigkeit haben. Sieben ist die Zahl der Fülle und die sieben Brüder weisen auf eine unbegrenzte Zahl an möglichen Heiraten nach dem Gesetz der Schwagerehe hin. Indem keiner von den Brüdern mit der Frau einen Sohn zeugt, bleibt auch der mögliche Ausweg verschlossen, dass der, der einen Sohn gezeugt hätte, als der rechtmäßige Mann gelten könne. Alle Brüder sind quasi gleichwertig mit dieser einen Frau verheiratet gewesen.

Nach Meinung der Sadduzäer bestünde aber, wenn es eine Auferstehung gäbe, in der jenseitigen Welt das Problem, welchem der Männer nun diese Frau zugesellt werden soll. Unmöglich, dass alle sieben wieder leben und zugleich diese eine Frau als Ehefrau haben. Wie löst Jesus das Problem?

Da sagte Jesus zu ihnen: Die Kinder dieser Welt heiraten und werden verheiratet. Die aber, die jener Welt und der Auferstehung von den Toten für würdig befunden werden, heiraten nicht und nehmen sich keine Frauen. Sie können auch nicht mehr sterben, weil sie den Engeln gleich und Kinder Gottes sind, indem sie Kinder der Auferstehung sind.

Jesus macht deutlich, dass die jenseitige Welt ganz anders ist, als die diesseitige. Hier gibt es Heirat und Tod, dort wird es keinen Tod mehr geben. Die Auferstandenen sind ganz zu Kindern Gottes geworden, den Engeln gleich, und werden auch nicht mehr heiraten.

Näher betrachtet baut Jesus in seiner Argumentation eine weitere Spitze gegenüber den Sadduzäern ein, denn wie sie nicht an eine Auferstehung glauben, so glauben sie auch nicht an Engel. Vielleicht haben sich einige von den Sadduzäern schon gefreut und wollten Jesus siegesbewusst erwidern, dass er sich nun ganz in seiner falschen Lehre verfangen habe, indem er neben der Auferstehung auch noch eine Welt der Engel postuliert, deren Existenz aus den Büchern des Mose heraus nicht belegt werden kann. Doch im nächsten Satz bringt Jesus ein Argument, das das siegesbewusste Lächeln der Sadduzäer sofort wieder im Keim erstickt:

Dass aber die Toten auferstehen, zeigt auch Mose am Dornbusch, indem er den Herrn den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs nennt. Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden; denn für ihn sind alle lebendig.

Jesus findet einen Hinweis auf die Auferstehung der Toten schon im Gesetz des Mose, auf das sich die Sadduzäer ja so fest berufen. Wenn Mose am Dornbusch Gott den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs nennt, wird darin nicht deutlich gezeigt, dass diese drei Stammväter des Volkes Israel vor Gott leben? Sonst wäre dieser Gott ja ein Gott der Toten, und eine solche Aussage wäre sicher auch nicht im Sinne der Sadduzäer. Wenn aber Abraham, Isaak und Jakob vor Gott leben, was spricht dann dagegen, dass ein solches Leben bei Gott allen Toten möglich ist?

Jesus hat mit seinen Worten deutlich gemacht, dass die Sadduzäer mit ihrer strengen Auslegung des Gesetzes des Mose Gott letztendlich nicht gerecht werden. Sie wollen Gott einschließen in die engen Grenzen ihres Denkens. Gott aber ist größer als der Mensch zu denken fähig ist. Diese Größe Gottes, der ganz anders ist, als wir Menschen uns ihn vorstellen können, wird auch an vielen Stellen in den Büchern Mose deutlich. Gerade die Stelle von Mose am Dornbusch hat zu allen Zeiten Menschen den Schauer und das Erschrecken spüren lassen, dass dieser Gott so anders ist, und doch auch wieder so nahe bei uns Menschen.

Jesus will den Blick der Menschen für die Größe Gottes öffnen. Doch wer wie die Sadduzäer fest in seinem engen Denkschema gefangen ist, wird es schwer haben, zu dieser Weite zu finden. Da ist es leichter, diesen Unruhestifter aus dem Weg zu räumen und damit auch Gott in dem engen Schema des eigenen Denkens eingeschlossen zu halten. Doch Gott lässt sich nicht eingrenzen. Er wird die Mauer des Todes durchbrechen und in der Auferstehung Jesu wird deutlich werden, wozu ein Gott des Lebens fähig ist.

Herr, Gott des Lebens! Lehre uns deine Größe und Weite und lass uns stets offen sein für das Wunderbare, das du uns schenkst.

Christkönigssonntag 2010

Christus am Kreuz – wie viele Menschen lästern darüber, wie der eine Verbrecher, der mit Jesus gekreuzigt wurde. Das Kreuz als Zeichen der Schande eines zu Recht Verurteilten, eines Unruhestifters, das Kreuz als unzumutbares Schreckensbild, das in öffentlichen Räumen nichts zu suchen hat.

Christkönig – wer erkennt in dem Gekreuzigten den König des Himmels und der Erde, der den schmachvollen Tod auf sich nimmt, um die Welt von der Schmach der Sünde und es Todes zu befreien?

Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein – Sünde und Tod haben nicht das letzte Wort, sondern in der Auferstehung entsteht neues Leben, unvergänglich und herrlich. Jesus lädt uns ein, an diesem Leben teilzuhaben. Ein Wort genügt. Jesus, denk an mich! Der Herr vergisst dich nicht.

Christkönigssonntag 2007

Dieses Jahr möchte ich mit Ihnen das Christkönigsfest einmal auf eine eher ungewöhnliche Art und Weise betrachten. Normalerweise würde man ja ein Bild erwarten, das Christus in seiner himmlischen Herrlichkeit darstellt. Verbreitet sind auch Darstellungen des triumphierenden Königs am Kreuz. Kreuz und Königtum, die sich zu widersprechen scheinen, sind ja in Christus ganz eng verbunden. „Du König auf dem Kreuzesthron“ singen wir in einem Lied, und die für das Christkönigsfest bedeutsamen Worte sind der Dialog Christi am Kreuz mit dem Verbrecher, der sich bekehrt hat. „Herr, denk an mich, wenn Du mit Deiner Königsmacht kommst!“ – „Amen, ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Auch vor Pilatus spricht Jesus von seiner Königsherrschaft: „Ja, ich bin ein König. Aber mein Königtum ist nicht von dieser Welt.“ Christus hat seine Legitimation als König nicht von irgendeiner irdischen Macht empfangen, sondern vom Himmel, von Gott seinem Vater. Daher hat sein Königtum auf ewig Bestand und kann von keiner Macht bezwungen werden.
Christus sagt aber auch: „Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch.“ Das Reich Gottes ist zwar nicht von der Welt, aber doch mitten in dieser Welt. Daher kann man sagen, daß das Reich Gottes, die Königsherrschaft Christi, das Reich seines Vaters nicht etwas ganz von dieser Welt verschiedenes sind, sondern auf wundersame, für uns nicht mit den Methoden der Naturwissenschaften erkennbare Weise, mit unserer Welt verbunden sind. 

Diesen Gedanken nun finde ich in einer Szene aus dem bekannten Isenheimer Altar, den ich dieser Tage in Colmar bestaunen durfte, eindrucksvoll dargestellt. Leider ist hier die Bildwiedergabe nicht optimal, vielleicht haben Sie ja einmal die Möglichkeit, das Bild in einem Bildband oder gar im Original etwas deutlicher zu betrachten. Was läßt sich erkennen? Auf der linken Seite werfen wir gleichsam einen Blick in den Himmel. Es sind Engel dargestellt, die auf vielfältige Weise und mit den verschiedensten Instrumenten eine himmlische Symphonie erklingen lassen. Auf der rechten Seite ist Maria zu sehen, wie sie liebevoll ihr Kind im Arm hält. Mutter und Kind sehen sich auf eine für die Zeit des 15./16. Jahrhunderts völlig außergewöhnliche Weise direkt an und scheinen gleichsam ineinander zu verschmelzen. Bei der linken und rechten Bildhälfte scheint es sich auf den ersten Blick um zwei Welten zu handeln. Wenn man das Bild genauer betrachtet, so sieht man, daß die beiden Hälften durch einen in der Mitte hängenden Vorhang voneinander getrennt sind, doch der Vorhang reicht nicht bis zum Boden. Im unteren Teil des Bildes besteht eine Verbindung zwischen den beiden Hälften. Die Badewanne für das Kindlein beispielsweise steht ganz weit im himmlischen Bereich.

Dies läßt sich sicher auf vielerlei Weise deuten. Für mich symbolisiert die Badewanne die Notwendigkeiten des irdischen Daseins, wozu eben auch die Körperpflege gehört. Christus ist ganz Mensch geworden und ihm waren die Notwendigkeiten der irdischen Existenz nicht fremd. Wenn aber dem Sohn Gottes menschliches nicht fremd ist, so zeigt das auch, daß den Himmelsbewohnern die Notwendigkeiten der Menschen nicht verborgen sind, vor allem aber auch, daß Gott uns in unseren Leiden ganz nahe ist. Die Menschen müssen sich um das kümmern, was zum irdischen Leben gehört und können auch dem Leid nie ganz entfliehen, aber sie dürfen sich dabei auch himmlischer Hilfe sicher sein.

Worauf es aber im Leben wirklich ankommt, sehen wir, wenn wir Maria mit dem Jesuskind betrachten. Maria ist mit ihrem Kind ganz eins, der Blick auf Christus verleiht ihr Seligkeit. Das will uns zeigen, daß auch wir in unserem Leben den Blick auf Christus werfen sollen. Durch das Gebet, vor allem das stille betrachtende Gebet, gewährt Gott jedem Menschen diesen innigen Kontakt mit sich, wir können hier auf Erden schon ganz eng mit Gott verbunden sein, so wie im Bild Maria mit ihrem göttlichen Kind. Dann befinden wir uns eigentlich nicht mehr in dieser Welt. Wir sind der jenseitigen Welt schon ganz nah, jener Welt, die der Maler durch das Musizieren der Engel dargestellt hat. 

Und nun zum Geheimnis des Vorhangs: Die jenseitige Welt ist uns auch real gar nicht fern, wir können sie nur nicht sehen, weil uns gleichsam ein Vorhang von ihr trennt. Das bedeutet es, wenn Christus uns sagt, daß das Reich Gottes schon mitten unter uns ist. Es ist uns ganz nah, aber wir können es nicht sehen, weil unseren Sinnen die Möglichkeit fehlt, das wahrzunehmen, was nicht unserer Sinnenwelt entspricht. Aber nur, weil wir etwas nicht sehen können, heißt es ja nicht, daß es das auch nicht gibt. So ist auch das Königtum Christi mitten in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt. Es ist unsichtbar aber nicht unwirksam unter uns gegenwärtig. Durch das Gebet kommen wir Christus ganz nahe und selbst in unseren irdischen Nöten ist er uns nicht fern. 

Das Reich Christi ist auch kein Schattenreich am Rande dieser Welt, es ist vielmehr das Reich des wahren Lichtes. Christus ist das wahre Licht und wo Menschen Christus dienen, da erstrahlt auch in dieser Welt schon sichtbar jener Glanz, den wir in seiner Fülle dann auf ewig schauen dürfen, wenn Christus einst wiederkommt. Dann wird uns sein Reich auch nicht mehr wie hinter einem Vorhang verborgen sein, sondern jene, die Gott für würdig hält, dürfen Gott dann schauen wie er ist.