Vielen Menschen in den Städten ist es gar nicht mehr bewusst, wie Getreide, Obst und Gemüse reifen und geerntet werden. Das war früher anders. Als noch viele auf dem Lande lebten und arbeiteten, waren die Menschen enger mit dem Kreislauf der Natur verbunden und wussten um die Bedeutung der Natur für die Ernte. Sie wussten, wie sehr eine gute Ernte nicht nur von der Arbeit des Menschen, sondern auch von gutem Wetter abhängt. Die Ernte war also nicht nur die Frucht der Mühe des Menschen sondern auch ein Geschenk, ein Geschenk von Gott, der alles geschaffen hat und erhält. Das Erntedankfest in eine Art von vielen, Gott dafür Dank zu sagen.
Fest und Feier zu Erntedank haben zwei verwandte Quellen: Solange sich der Mensch als Teil einer göttlichen Schöpfung begreift, wird er Teile dieser Schöpfung wie z.B. seine Nahrung aus Ackerbau und Viehzucht auf Gott zurückführen und sich zu Dank verpflichtet wissen. Dies gilt vor allem dann, und dies ist die zweite Quelle, wenn sich der Mensch als abhängig vom Naturkreislauf erfährt, in den die Nahrungsgewinnung eingebunden ist. Der Abschluss der Ernte bot darum immer Anlass zu Dank und Feier.
Allen Religionen ist eigen, dass sie "die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit", wie es in jeder Eucharistiefeier heißt, als Geschenk Gottes betrachten. Im Alten Testament im Buch Genesis wird berichtet, dass Kain ein Opfer von den Früchten des Feldes und Abel ein Opfer von den Erstlingen seiner Herde brachte. Im späteren Judentum gab es zwei Erntefeste: das Pfingstfest als Getreide-Erntefest und das Laubhüttenfest als Wein- und Gesamt- Erntedankfest.
In der Katholischen Kirche ist ein Erntedankfest seit dem 3. Jahrhundert belegt, allerdings fehlt ein weltweit verbreiteter einheitlicher Festtermin. Ihn kann es nicht geben, weil der Festzeitpunkt je nach Klimazone unterschiedlich fällt. In Deutschland ist der erste Sonntag im Oktober erst 1972 von der Deutschen Bischofskonferenz festgelegt worden. Die Gemeinden sind aber nicht verpflichtet, dieses Fest auch zu feiern. Heutzutage ist die kirchliche Erntedankfeier in den Gottesdienst integriert. Erntegaben schmücken den Altar oder werden im Gottesdienst zum Altar gebracht. In vielen Gemeinden ist dieser Gottesdienst auch mit einer Solidaritätsaktion zugunsten hungernder Menschen verbunden.
Einer Zeit, in der die ökonomische Betrachtungsweise dieser Welt immer mehr durch die ökologische ergänzt wird, täte eine Rückbesinnung auf die Abhängigkeit von der Natur und auf die notwendige Dankbarkeit gegenüber Gott gut. Das Erntedankfest ist ein Gradmesser für dieses gesellschaftliche Bewusstsein.

Dankbar

Wenn die Arbeit auf dem Feld beendet ist und die Früchte geerntet sind, ist es ein uralter Brauch, Gott Dank zu sagen für die Gaben, die er uns geschenkt hat. Wir danken ihm mit Gebeten und Liedern für die vielen Früchte, die er hat wachsen lassen. Wir danken ihm, dass wir das ganze Jahr hindurch zu essen und zu trinken haben.
"Herr, wie zahlreich sind deine Werke! Mit Weisheit hast du sie alle gemacht, die Erde ist voll von deinen Geschöpfen." So heißt es in Psalm 104,24. Der ganze Psalm ist voll vom Lob Gottes, der alles so wunderbar geschaffen hat und am Leben erhält.
"Du lässt Gras wachsen für das Vieh, auch Pflanzen für den Menschen, die er anbaut, damit er Brot gewinnt von der Erde und Wein, der das Herz des Menschen erfreut, damit sein Gesicht von Öl erglänzt und Brot das Menschenherz stärkt." (Ps 104,14f)
Gott schenkt uns Menschen durch seine Schöpfung das, was uns am Leben erhält, das tägliche Brot. Gott lässt das Getreide wachsen, das der Mensch durch seine Arbeit anbaut. Doch Gott schenkt noch viel mehr. Gott schenkt uns auch Dinge, die uns erfreuen sollen, wie den Wein für fröhliche Feste mit lieben Menschen oder das Öl für die Schönheitspflege.
Denken wir heute am Entedankfest einmal darüber nach, welche Dinge für uns notwendig, lebensnotwendig sind. Denken wir an die Menschen, die dafür gearbeitet haben. Sagen wir auch Gott Dank dafür!
Welche Dinge machen mir besonders Freude? Was sehe ich als das schönste Geschenk in meinem Leben an? Danke, Gott, dafür! Danke Gott, dass wir uns von deiner Fülle beschenken lassen dürfen!

Es ist nicht selbstverständlich,
dass wir zu jeder Zeit prall gefüllte Regale im Supermarkt antreffen.
Es ist nicht selbstverständlich,
dass wir jeden Tag das zu Essen kaufen können, was wir möchten.
Es ist nicht selbstverständlich,
dass wir uns immer satt essen können.
Denken wir an die Menschen,
die an der Herstellung unserer Lebensmittel beteiligt sind!
Denken wir an die Menschen,
die nicht genug zu Essen haben!
Denken wir daran, Gott dafür zu danken, dass er uns zu Essen gibt!
Es ist immer noch die Erde, die die Saaten wachsen lässt.
Es braucht auch heute Menschen, die die Erde bebauen.
Es wird immer Gott sein, der uns dies alles schenkt.