Weltgericht (Mt 25,31-46)
Wie ist das mit dem Gericht? Viele, auch in der Kirche, lehnen die Vorstellung eines richtenden Gottes ab. Gott als Richter, das ist doch Angstmache, das widerspricht doch dem Gott der Liebe, den uns das Neue Testament schildert.
Doch wenn wir das Neue Testament aufmerksam lesen, so erfahren wir, dass Jesus immer wieder betont, wie wichtig es für jeden Menschen ist, darauf zu achten, wie er sein Leben führt. Jeder Mensch trägt Verantwortung für das, was er tut.
Vielleicht stellen wir uns das Gericht Gottes zu menschlich vor. Wir erwarten, dass Gott wie ein Mensch richten wird. Dabei sollten wir doch wissen, dass Gott stets anders ist, als wir ihn uns vorstellen und dass er alle unsere Gedanken übersteigt. Was wissen wir Menschen schon davon, wie Gott, der ganz Liebe ist und der nichts anders kann als lieben, über eine Welt richten wird, die er aus Liebe geschaffen hat.
Gott will die Rettung aller und es schmerzt ihn jeder Mensch, der sein Angebot der Liebe zurückweist. Gott sorgt sich um uns, Gott kümmert sich um uns, wie es bei Ezechiel (Ez 34,11) heißt: "So spricht Gott, der Herr: Ich will meine Schafe selber suchen und mich selber um sie kümmern." Und wir kennen das Wort Jesu, dass "im Himmel mehr Freude herrscht über einen einzigen Sünder der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte." (Lk 15,7)
Origenes sagt: "Mein Heiland trauert über meine Sünden. Mein Heiland kann sich nicht freuen, solange ich in Verkehrtheit bleibe." So ist auch die Gemeinschaft der Heiligen nicht vollendet und die Freude der Gerechten nicht vollkommen, solange nicht alle Erwählten an ihr teilhaben.
"Noch haben nämlich auch die Apostel selbst ihre Freude nicht erhalten, sondern sie warten, dass ich ihrer Freude teilhaft werde. Denn auch die verstorbenen Heiligen erhalten nicht sogleich den vollen Lohn ihrer Verdienste, sondern sie warten auf uns, auch wenn wir verzögern, auch wenn wir träge bleiben. Sie haben nämlich nicht die volle Freude, solange sie wegen unserer Irrungen unsere Sünden betrauern und beklagen."Gott wartet - auf mich, die vollendeten Gerechten warten - auf mich. Jeder Mensch ist vor Gott wichtig - auch ich. Es kommt auf mich an. Wie ich mein Leben lebe, betrifft nicht nur mich, sondern hat Auswirkungen auf den ganzen Kosmos. Ich habe eine Verantwortung, die es anzunehmen gilt.
Die Sieben Werke der Barmherzigkeit
Die christliche Tradition kennt die sieben Werke der Barmherzigkeit:
Hungrige speisenIn der Rede Jesu vom Gericht Gottes über die Welt (Mt 25,31-46) gelten die Werke der Barmherzigkeit als Richtschnur für ein Leben nach dem Willen Gottes. Es heißt dort:
Durstige tränken
Fremde beherbergen
Nackte kleiden
Kranke pflegen
Gefangene besuchen
Tote bestatten.
Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben.Als siebtes Werk der Barmherzigkeit hat die Tradition der Kirche schon bald die Pflicht, die Toten zu begraben, hinzugefügt. Die symbolische Siebenzahl weist darauf hin, dass die Liste der Werke der Barmherzigkeit nicht mit den genannten Werken als abgeschlossen gilt, sondern die ganze Fülle umfasst, in der ein Mensch seine Barmherzigkeit einem anderen gegenüber zum Ausdruck bringen kann.
Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben.
Ich war fremd, und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen.
Ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben.
Ich war krank, und ihr habt mich besucht.
Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.
Neben den sieben leiblichen Werken der Barmherzigkeit kennt die Tradition auch die sieben geistigen Werke der Barmherzigkeit: Unwissende lehren, Zweifelnden raten, Irrende zurechtweisen, Trauernde trösten, Unrecht ertragen, Beleidigungen verzeihen, für Lebende und Tote beten.
Vorbild für das Tun der Barmherzigkeit sind die Heiligen. Bekannte Beispiele sind der Hl. Martin, der seinen Mantel mit einem Bettler geteilt hat oder die Hl. Elisabeth, die sich der Armen, Kranken und Hungernden angenommen hat. In unserer Zeit ist besonders Mutter Theresa für ihr barmherziges Handeln den Ärmsten der Armen gegenüber bekannt. Doch wir brauchen nicht nur auf die bekannten großen Heiligen, deren Maßstab wir vielleicht nie erreichen werden, zu blicken. Sicher gibt es ganz in unserer Nähe Menschen, die unscheinbar und verborgen in ihrem Alltag anderen Barmherzigkeit erweisen.
Anlässlich des 800. Geburtstags der Heiligen Elisabeth stellte der Erfurter Bischof Joachim Wanke die "Sieben Werke der Barmherzigkeit für Thüringen heute" vor. Sie zeigen, wie wir heute in unserem Alltag den Menschen Barmherzigkeit erweisen können. Auch diese Liste will natürlich nicht vollständig sein, sondern uns Impulse für ein Handeln aus Liebe geben. Jede und jeder kann hier für sich ergänzen, wie Liebe konkret werden kann.
Einem Menschen sagen:
Du gehörst dazu.
Ich höre dir zu.
Ich rede gut über dich.
Ich gehe ein Stück mit dir.
Ich teile mit dir.
Ich besuche dich.
Ich bete für dich.
"...das habt ihr mir getan."
Quelle und Ziel aller christlichen Barmherzigkeit ist die Liebe Gottes.
"Seid barmherzig, wie es auch euer himmlischer Vater ist", sagt Jesus (Lk 6,36). Gott beschenkt uns unermesslich mit seiner Liebe und wir sind dazu berufen, diese Liebe weiter zu schenken.
Daher darf das Tun der Barmherzigkeit nicht mit dem Gedanken an Lohn verbunden werden. Vielmehr soll es eine Selbstverständlichkeit sein und nichts Besonderes, ja eine Verpflichtung. "Wir haben nur unsere Schuldigkeit getan." (Lk 17,10) Für die Gerechten ist das Tun der Barmherzigkeit so selbstverständlich, dass sie Jesus fragen: "Wann haben wir das alles getan?"
Jesus solidarisiert sich mit den Menschen in Not.
"Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Unsere Liebe zu Gott und zu den Menschen zeigt sich darin, wie wir uns den Menschen in Not gegenüber verhalten. Es gibt im Christentum nichts, weder im Dienst an Gott noch im Dienst an den Menschen, was über der Pflicht zur Hilfeleistung einem Bedürftigen gegenüber steht. Besonders deutlich wird das im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37). Der Samariter hat barmherzig gehandelt - "Geh und handle genauso!" Diese Aufforderung Jesu muss für die Menschen aller Zeiten die höchste Maxime christlichen Lebens sein.
"Lasst uns also, solange es noch Zeit ist, Christus besuchen, Christus heilen, Christus nähren, Christus bekleiden, Christus beherbergen, Christus ehren." (Hl. Gregor von Nazianz)