Der Stammbaum und die Geburt Jesu nach Matthäus
Weihnachten als Kristallisationspunkt der Geschichte
Mit der Geburt Jesu Christi aber war es so . (Mt 1,18) Diese eher unscheinbaren Worte stellen den Punkt dar, auf den alle Geschichte vor Christus zugelaufen ist und von dem alle Geschichte nach Christus ausgeht. Mit dem Zeitpunkt, an dem Gott als Mensch in diese Weltzeit eintritt, kann nichts mehr so sein, wie es gewesen ist.
Ganz besonders der Evangelist Lukas ist es, der die Geburt Jesu in einen weltgeschichtlichen Zusammenhang einordnet. Durch die genaue Angabe von Kaiser und Statthalter markiert er das geschichtliche Datum der Geburt des Herrn.
Aber noch ein Weiteres ist wichtig: In diesem Jesus, von dem uns die Evangelien berichten und dessen Geburt wir heute feiern, erfüllen sich die Verheißungen, die Gott dem Volk Israel seit langem gegeben hat. Indem Matthäus sein Evangelium mit dem Stammbaum Jesu Christi beginnt, reiht er Jesus Christus ein in die Geschichte des Volkes Israel, die vor allem eine Geschichte der Verheißung ist.
Israel erwartet den Sohn Davids, den Messias, den Retter. Dieser ist in Christus erschienen.
Heute ist uns der Heiland geboren, Christus der Herr.So singt die Kirche an jedem Weihnachtsfest. Es ist ein Gesang des Jubels und der Freude über die Geburt des Erlösers.
Der Stammbaum Jesu Christi (Mt 1,1-17) ist ein auf den ersten Blick langweiliges Lesestück. So viele Namen und immer die gleiche Leier: A zeugte B, B zeugte C . Was soll man damit anfangen? Und doch hat Matthäus hier ein theologisches Meisterstück komponiert. Er teilt die Geschichte Israels ein in drei Reihen zu je vierzehn Generationen. Diese Geschichte beginnt mit Abraham, dem Vater des Glaubens. Ihren ersten Höhepunkt hat sie am Ende der ersten Reihe mit dem König David. Der Messias wird der Sohn Davids sein. So ist es Glaube in Israel. Gleich im ersten Vers seines Evangeliums bezeichnet Matthäus Jesus als Sohn Davids. Er will deutlich machen: seht her und lest: Jesus steht ganz klar in der Familienfolge Davids.
Am Ende der zweiten Reihe ist der Tiefpunkt der Geschichte Israels erreicht: die Verbannung nach Babylon. Doch Gott führt sein Volk zurück in das gelobte Land und am Ende der dritten Reihe vollendet Gott die Geschichte Israels mit der Geburt des verheißenen Messias.
Hier durchbricht der Evangelist das gewohnte Schema des A zeugte B. Josef, der Mann Mariens, ist nicht der, der Jesus gezeugt hat. Wenn Matthäus hier im Passiv schreibt, dass Jesus aus Maria gezeugt wurde, dem als Stilmittel bekannten "passivum Divinum", so ist klar, von wem Jesus stammt: Jesus wurde von Gott gezeugt.
Schon vorher hat Matthäus mit Tamar, Rahab, Rut und der Frau des Urija vier Frauen im Stammbaum genannt, die dort auf ungewöhnliche Weise hineingekommen sind. Schon hier zeigt der Evangelist, dass die Geschichte Israels nicht nur nach einem festen Schema abläuft, sondern dass Gott schon immer auf ungewöhnliche Weise in den Lauf der Geschichte eingegriffen hat. Mit Maria wird das noch überboten. Sie ist die auserwählte Jungfrau, durch die Gott selbst Mensch werden wollte.
Im Stammbaum Jesu Christi wird klar, dass die Geschichte Israels auf Jesus Christus hin zuläuft. In der Geburt Jesu Christi öffnet sich die Geschichte nun hin zu allen Menschen. Dies war schon in Abraham angedeutet, dem Vater aller Glaubenden. Im Gauben haben alle Menschen Anteil an der rettenden Tat Gottes.
Dass sich die Heilsgeschichte nun auch öffnet hin zu den Heiden wird in den Magiern deutlich, die vom fernen Orient kommen, um dem neugeborenen Heiland zu huldigen. Gott setzt immer wieder Zeichen des Heils, die alle Menschen erkennen können. Für die Magier war es der Stern, der sie zu Christus geführt hat. So hat jeder Mensch in seinem Leben seine ganz persönlichen Wegmarken, die auf Gott hinweisen. Diese gilt es zu erkennen und ihnen zu folgen.
Das Ziel, das Gott uns weist ist klar: Jesus Christus. Ihn finden die Magier als Kind. Auch wir können ihn auf vielfältige Weise finden. In der Kirche, in der Eucharistie, im Betrachten der Heiligen Schrift, im Gebet, in unseren Mitmenschen ... Halten wir unsere Augen und Ohren offen, um den Ort zu finden, an dem wir Jesus Christus begegnen. Und dann machen wir es wie die Magier: Lasst und niederfallen und anbeten.
Vielleicht stößt sich manch einer an dem Satz, dass sich mit der Geburt Jesu Christi alles verändert hat. Es ist doch alles geblieben, wie es war, denken wir. Es gibt weiterhin Krieg und Unheil, Krankheit und Leid auf der Welt. Das ist wahr. Aber seit der Geburt Jesu Christi haben wir einen Gott, der selbst durch alles Leid der Welt hindurch gegangen ist, haben wir einen Gott, der uns nahe ist, in allen Situationen unseres Lebens, haben wir einen Gott, der uns ruft in die Gemeinschaft mit sich.
Wenn wir jetzt an Weihnachten die schönen Bilder sehen vom Jesuskind in der Krippe, mit Maria und Josef, den Hirten, Ochs und Esel im Stall, dann möchten wir den Frieden, den diese Bilder ausstrahlen, in unsere Wohnungen holen, wenn wir mit unseren Lieben beisammen sind.
Es ist schön, wenn wir ein solches wie man sagt friedvolles Weihnachten feiern können. Doch denken wir auch an all jene, die keinen Frieden finden können, weil sie in friedlosen Verhältnissen leben. Denken wir daran, dass nicht die großen Geschenke und das Glitzern der Lichter Weihnachten machen.
Weihnachten geschieht, wenn wir Gott einlassen in unser Herz, wenn wir mit ihm dieses Fest feiern wollen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie an Weihnachten diese Begegnung mit Jesus Christus erfahren dürfen.