Texte zur Karwoche
Karwoche 2011
An den sechs Tagen der Karwoche möchte ich jeweils ein Psalmzitat, das sich in den Passionsberichten der Evangelien findet, betrachten.
Montag der Karwoche – Jesus von den Soldaten und der Volksmenge verspottet
Jesus wusste es, die Menge lässt sich leicht beeinflussen. Daher hat er nie darauf Wert gelegt, der Liebling des Volkes zu sein. Jesus sagte immer die Wahrheit, egal ob das gerade populär war oder nicht. Am Palmsonntag hat Jerusalem gejubelt: Hosanna dem Sohne Davids!
Doch dann wurden falsche Gerüchte über ihn ausgestreut. Viele erkannten, dass dieser Jesus nicht so ist, wie sie ihn sich vorgestellt haben und sie waren nicht bereit, ihr Bild vom Messias zu korrigieren.
Die Ablehnung Jesu wächst, bis er dann schließlich für viele zum Spottobjekt wird, dem man lauthals den Kreuzestod wünscht – ein Spektakel, an dem man seine Neugier befriedigen kann.
"Alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf." (Ps 22,8, Lk 23,35)
Herr Jesus, du hast geduldig des Spott des Volkes erduldet. Immer wieder weisen die dich ab, die du mit unendlicher Liebe umfangen möchtest. Mache uns zu Zeugen deiner Liebe.
Dienstag der Karwoche – Jesus, von den Jüngern und Freunden verlassen
Nicht nur die Masse des Volkes ist es, die Jesus den Rücken kehrt. Auch seine engsten Vertrauten und Freunde werden schwach. Sie haben nicht den Mut, für Jesus einzustehen. Alle sind sie plötzlich weg, als es ernst wird, als Jesus verurteilt und verspottet wird. Sie verstehen noch nicht, dass der Messias all das erleiden musste.
Judas liefert ihn durch seinen Verrat aus, Petrus verleugnet Jesus dreimal, und als Jesus seinen Kreuzweg geht, ist keiner von seinen Jüngern da, nur seine Mutter und einige der Frauen, die Jesus gefolgt sind stehen weinend am Weg. So erfüllen sich die Psalmworte:
„Freunde und Gefährten bleiben mir fern in meinem Unglück und meine Nächsten meiden mich.“ (Ps 38,12 – Lk 23,49)
„Auch mein Freund, dem ich vertraute, der mein Brot aß, hat gegen mich geprahlt.“ (Ps 41,10 – Mk 14,18)
Herr Jesus, wie tief muss es dich getroffen haben, als dich selbst deine engsten Freunde und Vertrauten verlassen haben. Ganz allein musstest du den schweren Weg ans Kreuz gehen. Doch du hast weiter auf sie gebaut, hast sie nicht verstoßen, sondern sie nach deiner Auferstehung wieder versammelt und ihnen dann die Kraft gegeben, unerschrocken von dir Zeugnis zu geben. Gib auch uns den Mut, uns zu dir zu bekennen. Amen.
Mittwoch der Karwoche – Jesus, vom Vater verlassen?
Am Kreuz betet Jesus den Psalm 22. Er beginnt mit den Worten:
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Ps 22,2 – Mk 15,34)
An den beiden letzten Tagen haben wir betrachtet, wie die Volksmenge Jesus verspottet hat, wie selbst Jesu Jünger und Freunde fern bleiben, als ihn das Todesurteil trifft. Einsam und verlassen hängt Jesus am Kreuz. Hat ihn nun auch der Vater verlassen?
Immer hatte Jesus eine ganz enge Verbindung zu seinem Vater im Himmel. Stunden des Gebetes hat er mit dem Vater zugebracht. Immer war das, was er tat, auch der Wille des Vaters. Wie konnte der Vater nun zulassen, dass sein Sohn so sterben muss?
Auch wenn wir es nicht begreifen können, der Tod Jesu geschah zu unserem Heil und durch den Tod konnte der Vater machtvoll die Auferstehung wirken. Er wird den Sohn aus dem Tod holen und damit die Macht des Todes, die über die Menschen herrscht, ein für alle Mal brechen. Durch die Auferstehung Jesu steht auch uns der Weg offen zum ewigen Leben bei Gott. Der Schmerz des Todes ist der Weg zur Freude des Heils.
Wenn wir den ganzen Psalm 22 beten, so sehen wir, dass er sich von einem Klageruf in ein Gebet der Hoffnung und Zuversicht wandelt. Jesus hat qualvoll unter den Schmerzen des Kreuzes gelitten. Das lässt ihn aufschreien. Aber er hat nicht daran gezweifelt, dass auch hier der Vater bei ihm ist und ihn erretten wird.
Herr Jesus, gib auch uns die Kraft und den Mut, schwere Stunden und Leiden durchzustehen und an Gottes Barmherzigkeit niemals zu verzweifeln. Amen.
Gründonnerstag – Am Ölberg
Am Gründonnerstag hat Jesus mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl gefeiert. Damit hat er auch uns in den Zeichen von Brot und Wein seinen Leib und sein Blut als ewiges Gedächtnis hinterlassen. Keine Gemeinschaft kann inniger sein als die Teilhabe an Christus in der Eucharistie. Doch die Stiftung dieses Gedächtnisses musste Jesus mit seinem Tod besiegeln. Erst durch seinen Tod wird uns die Teilhabe an ihm möglich.
Nach dem Mahl beginnt Jesu qualvoller Weg ans Kreuz. Jesus wusste um den Weg, den der Vater für ihn bestimmt hat zu unserem Heil. Er schrickt vor den Leiden zurück, die ihm bevorstehen. Am Ölberg betet er in seiner Not zum Vater. Er bittet seine Jünger, mit ihm zu wachen und zu beten, doch sie schlafen.
„Meine Seele ist zu Tode betrübt.“ (Ps 42,6 – Mt 26,38)
Jesu angstvoller Seufzer zeigt, wie es um ihn steht, lässt uns seine Angst und Not erkennen. Jesus war nicht der Übermensch, dem Leiden nichts anhaben könnten. Er, der wahre Gott, ist auch wahrer Mensch. Das Wissen um die Grausamkeit dessen, was ihm bevorsteht, lässt ihn erschauern.
Nutzen wir die Gebetsstunden an diesem Tag, um in Jesu Gebet einzutreten. Denken wir an das, was er für uns getan hat und beten wir für die Menschen, die heute angstvoll auf eine Zukunft voller Leiden und Schmerzen blicken.
Herr Jesus, du kennst die Angst und Not der Menschen und die Qualen, die Leiden und Schmerzen bedeuten. Für uns hast du die Schmerzen der Geißelung und des Kreuzes auf dich genommen. Stehe uns bei in unseren Ängsten und Nöten. Gib uns die Kraft, sie auf uns zu nehmen und schenke uns Befreiung. Amen.
Karfreitag – Unterm Kreuz
Wie ein Verbrecher wird Jesus zu der härtesten Strafe, die man sich damals denken konnte, verurteilt. Nach schweren Misshandlungen, Geißelung und Schlägen muss er noch selbst das Kreuz bis zur Hinrichtungsstätte tragen. Ein qualvoller Weg, den wir im Gebet des Kreuzweges mit Jesus mitgehen.
Dann wird Jesus ans Kreuz geschlagen. Unterm Kreuz verteilen die Soldaten seine Kleider unter sich, wie es im Psalm heißt:
„Sie verteilen unter sich meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand.“ (Ps 22,19 – Joh 19,24)
Jesus war den ganzen Tag der brütenden Sonnenhitze ausgesetzt und hat weder zu Essen noch zu Trinken bekommen. Als ihn dürstet, reichen ihm die Soldaten nur einen Schwamm mit Essig, wohl eine Mischung, die die Gekreuzigten betäuben sollte. Doch Jesus nimmt nicht davon. Dadurch erfüllt sich das Psalmwort:
„Für den Durst reichten sie mir Essig.“ (Ps 69,22 – Mt 27,48)
Herr Jesus, lass uns das Leiden betrachten, das du für uns am Kreuz erduldet hast. Durch dich ist das Kreuz vom Zeichen von größter Qual und Spott zum Zeichen des Heils geworden. Es gibt nun keinen Abgrund, keine Qualen mehr, die deine Liebe nicht erreichen könnte. Lass uns im Kreuz das Zeichen der Hoffnung sehen und in ihm Kraft finden für unseren Weg.
Karsamstag – Stille
Am Kreuz hat Jesus gebetet:
„Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (Ps 31,6 – Lk 23,46)
Jesus übergibt sich ganz der Liebe seines Vaters. Nun ist die Zeit gekommen, dass Jesus wieder heimkehrt zu seinem Vater im Himmel. Doch seine Jünger wissen noch nicht, was geschehen wird. Jesus wird in ein Grab gelegt. Der Karsamstag ist der Tag der Grabesruhe Jesu.
Maria bewahrt das Leiden des Sohnes in ihrem Herzen und denkt darüber nach, die Frauen verabreden sich für den Morgen des nächsten Tages, um den Leichnam Christi mit wohlriechenden Ölen zu salben, die Jünger halten sich in der Verborgenheit des Abendmahlssaales auf, bis der Sabbat vergangen ist.
Nun liegt alles in der Hand des Vaters. Er wird Jesus auferwecken. Am nächsten Morgen werden das leere Grab, die Engel und die Erscheinungen des Auferstandenen selbst Zeugnis geben für den endgültigen Sieg der Wahrheit über die Lüge, des Guten über das Böse, der Barmherzigkeit über die Sünde, des Lebens über den Tod.
Das letzte Wort gehört nicht der Lüge, dem Hass und der Unterdrückung. Das letzte Wort wird die Liebe sprechen, die stärker ist als der Tod.
Doch zunächst erfordern die Ereignisse um Jesu Tod ein Innehalten. Wir müssen langsam realisieren, was geschehen ist. Die Grabesruhe ist eine Besinnungs- und Trauerzeit. Still werden – nachdenken – traurig sein – aushalten.
In deine Hände lege ich voll vertrauen meinen Geist. Auch wir dürfen unser Leben ganz Gott anvertrauen. Wir dürfen darauf vertrauen, dass er alles zum Guten führen wird. Werden wir still vor Gott, betrachten wir Jesu Weg und bitten wir Gott darum, dass auch wir uns von ihm führen lassen.
Karwoche 2010
Palmsonntag 
Normalerweise ist Jesus zu Fuß unterwegs. Er wandert in Sandalen durch das Land. Nur heute, am Palmsonntag, hören wir, dass Jesus nicht zu Fuß geht. In die heilige Stadt Jerusalem reitet er auf einem Esel. Menschen breiten ihre Kleider vor ihm aus, damit Jesus nicht auf dem Schmutz der Straße in die Stadt einziehen muß. Wie ein König reitet er über einen festlich-bunten Teppich.
Wie einem König rufen die Menschen Jesus Heil und Segen zu. Jesus lässt den Jubel der Menge zu. So ist es Gottes Wille und von den Propheten vorhergesagt.
Jesus weiß, dass er den Menschen Heil und Segen bringen wird. Doch sie werden anders kommen, als es sich die Menschen ausdenken können.
Am Palmsonntag feiern wir im Gottesdienst den Einzug Jesu in Jerusalem. Wie die Menschen damals haben wir Palmzweige in den Händen und jubeln Jesus zu. Wir treten ein in die heilige Woche, in der wir des Leidens und Sterbens Jesu gedenken. Am Ende wartet die Freude über die große Rettungstat Gottes, der Leben schenkt, das stärker ist als der Tod.
Karwoche – Mit – gehen
Im Rückblick ist es uns leichter ums Herz. Endlich geschafft, denken wir, wenn wir durch eine Krankheit gegangen sind, eine Durststrecke überwunden haben, mit großer Anstrengung auf etwas hingearbeitet haben ... Hinterher sind wir erleichtert. Aber wenn wir auf dem Weg mittendurch sind, noch kein Ende absehen können, noch nicht sagen können, ob es gut ausgehen wird, dann sind solche Situationen belastend und zehren an unseren Kräften.
Auch Jesus mußte mitten hindurch. Von Ostern her gesehen, fällt ein verklärtes Licht auf Jesu Leiden, auf seine Wunden und die Dornenkrone. Doch als ihm diese Wunden geschlagen wurden, als er die Dornenkrone trug und das schwere Kreuz, da war es eine Last, die kaum zu tragen war, unmenschlich grausam.
Die Angst Jesu in Getsemani war echt. Gott kennt unsere Ängste, nicht nur vom Anschauen, sondern er hat sie selbst durchlitten. All unsere Ängste sind in Gott geborgen und wir dürfen uns mit ihnen bei Gott bergen. Er geht mit uns durch die Nacht der Angst, in der wir noch kein Ende und kein Licht erkennen können.
Keiner weiß, wie lange ein Weg durch die Finsternis geht, wie oft wir auf ihm fallen, wie oft wir verzweifeln, doch wir werden immer eine Hand finden, die uns aufhilft und weiterführt, bis wir wieder zum Licht gelangen.
Mitten hindurch
Liebender Gott,
es ist nicht leicht,
mit deinem Sohn Jesus im Glauben voranzugehen.
Gewiss, ich schaue aus
nach Auferstehung und neuem Leben,
doch um das Kreuz möchte ich –
menschlich gesprochen –
am liebsten einen großen Bogen machen,
und das nicht nur heute.
Herr, hilf du mir,
dass ich dem Kreuz nicht ausweiche,
sondern es immer neu annehme.
Amen.
Joseph Bernardin
Gründonnerstag - Worte und Taten
Jesus ist gekommen, damit wir das Leben haben und es in Fülle haben. Das sind keine leeren Worte. Gott geht mit höchsten Einsatz daran, uns dieses Leben in Fülle zu schenken. Gott geht sogar so weit, seinen eigenen Sohn in den Tod zu geben, damit wir Leben in Fülle bekommen.
Am Gründonnerstag treten wir ein in die heiligen drei Tage der Feier des Todes und der Auferstehung Jesu. In diesen Tagen verdichtet sich das Geheimnis unseres Glaubens.
Am Gründonnerstag sehen wir Jesus beim Mahl mit seinen Jüngern. In der Fußwaschung gibt er ein Zeichen dafür, wie von nun an wahre Größe erkennbar ist: Nur, wer bereit ist, den anderen zu dienen, darf sich als wahrhaft groß bezeichnen.
Der Dienst Jesu an uns Menschen geht aber über das Geschehen der Fußwaschung hinaus. Im Mahl, in den heiligen Zeichen von Brot und Wein, schenkt Jesus uns sich selbst in Fleisch und Blut als heilige Speise.
Diese Hingabe, durch die Jesus bleibend unter uns ist, wird vollzogen, als Jesus selbst in den Tod geht und für uns am Kreuz stirbt. Nach dem Mahl geht Jesus mit seinen Jüngern hinaus. Er weiß: jetzt ist die Stunde da, in der sich erfüllt, wozu er in die Welt gekommen ist, die Stunde, in der uns durch seinen Tod das Leben in Fülle zuteil werden wird.
Karfreitag – Passion
Passion kommt vom lateinischen Wort pati, (er)leiden, (er)dulden. Es steckt auch das Wort passiv darin. Wenn ein Mensch leidet, dann geschieht etwas an ihm, das er nicht aktiv beeinflussen kann.
Jesus war sein Leben lang aktiv, hat gepredigt, Menschen geheilt. Am Ende seines Lebens aber leidet Jesus, er gibt sich ganz hin, übergibt sich in die Hände von Menschen. Er tut dies, weil sich darin der Wille des Vaters erfüllt. In Getsemani kämpft Jesus den inneren Kampf um die Bereitschaft zu dieser Hingabe. Als dann die Soldaten kommen, lässt er sich bereitwillig abführen.
Nun bestimmen andere, was mit Jesus geschieht, der Hohe Rat, Pilatus, die Soldaten. Jesus liefert sich ganz deren Willkür aus, läßt sich schlagen, beschimpfen und schließlich ans Kreuz nageln. Doch gerade durch das, was ihm angetan wird, erfüllt Jesus seine Sendung, den Menschen unvergängliches Heil zu schenken.
Wenn wir unser Leben anschauen, müssen wir erkennen, das wir vieles nicht aktiv bestimmen können. Mein Erleiden macht einen weit größeren Teil meines Lebens aus, als mein Handeln. So ist es für mich eine frohe Botschaft, zu wissen, dass Jesus sich dem Erleiden übergeben lässt und gerade auch durch sein Erleiden seine göttliche Aufgabe erfüllt.
Herr Jesus,
du bist gekommen, um uns zu retten,
indem du für uns am Kreuz gestorben bist.
Deine Wunden erinnern uns an die Weise,
auf die wir gerettet werden.
Zugleich erinnern sie uns aber auch daran,
dass unsere eigenen Wunden
nicht einfach Hürden auf dem Weg zu Gott sind.
Sie zeigen uns unseren eigenen, einmaligen Weg,
dir in deinem Leiden zu folgen,
und es ist ihre Bestimmung,
verklärt zu werden,
wenn wir mit dir, Christus, auferstehen.
Amen.
Henri Nouwen
Karsamstag – Schweigen
Um das Grab Jesu herrschte tiefe Ruhe. Sie glich der Ruhe jenes siebten Tages, an dem Gott, nachdem er sein Schöpfungswerk vollendet hatte, ruhte.
Am siebten Tag der Woche unserer Erlösung, an dem Jesus seine Aufgabe, zu der ihn sein Vater ausgesandt hatte, ganz erfüllt hatte, ruhte er im Grab. Von allen Tagen der Weltgeschichte ist der Karsamstag der Tag des größten Alleinseins Gottes. Es ist der Tag, an dem keine Worte gesprochen werden und nichts erklärt wird.
Dieser Karsamstag ist der stillste aller Tage. Dieses göttliche Schweigen ist das fruchtbarste Schweigen, das die Welt je gekannt hat. Aus diesem Schweigen heraus wird das Wort neu gesprochen werden und alle Dinge neu machen.
Über Gottes Ruhen in Schweigen und Alleinsein müssen wir noch viel lernen. Die Ruhe Gottes ist eine tiefe Ruhe des Herzens, die sogar fortdauern kann, wenn man von den Mächten des Todes umgeben ist. Es ist die Ruhe, die uns die Hoffnung bietet, dass unser verborgenes, oft unsichtbares Dasein fruchtbar werden wird, selbst wenn wir nicht sagen können, wie und wann.
Was immer wir in unserem Leben unternehmen oder unterlassen: Immer müssen wir mit der Ruhe des Karsamstags in Verbindung bleiben, mit der Ruhe dieses Tages, an dem Jesus im Grab lag und die gesamte Schöpfung darauf wartete, dass alle Dinge neu würden.
Henri Nouwen
Kar- und Ostertage 2009
Dieses Jahr steht das Markusevangelium im Mittelpunkt der kirchlichen Leseordnung. Haben Sie sich die letzten Kapitel dieses Evangeliums schon einmal genauer angesehen? Ab Kapitel 11 berichtet Markus von den letzten Tagen Jesu in Jerusalem und die Zählung der Tage stimmt genau mit unserem heutigen Ablauf der Kar- und Ostertage überein.
Palmsonntag
Am Palmsonntag feiern wir den Einzug Jesu nach Jerusalem. Nachdem Jesus lange Zeit in Galiläa gelehrt hat und dort viele Menschen geheilt hat zieht er in die Stadt, die der Mittelpunkt der jüdischen Kultur ist. Dort steht der Tempel, in dem nach jüdischem Glauben die Herrlichkeit Gottes auf Erden wohnt.
Der Einzug Jesu in Jerusalem gleicht einem Triumphzug. Jesus wird wie ein König empfangen. Die Menschen legen Kleider und Palmzweige auf Jesu Weg. Doch wenn wir den Bericht des Markus genauer lesen werden wir erkennen, dass es nicht die Bewohner Jerusalems sind, die Jesus empfangen, sondern Pilger aus Galiläa, die Jesus schon kennen. Jerusalem selbst bleibt ziemlich unbeeindruckt von dem, der da kommt im Namen der Herrn. Enttäuscht ist Jesus auch vom Tempel. Das Heiligtum ist nicht bereit für den Einzug des Sohnes Gottes. Vielmehr haben sich die religiösen Führer der Juden seiner bemächtigt und verwalten es zu ihrem eigenen Nutzen und nicht so, wie es Gott gefällt.
Die Nacht verbringt Jesus bei Freunden in Betanien. Als er am Montag wieder nach Jerusalem kommt, treibt er die Händler aus dem Tempel. Er ist erbost über die Menschen, die aus dem Haus Gottes, das ein Haus des Gebetes sein sollte, eine Markthalle und Räuberhöhle gemacht haben.
Am Dienstag kommt Jesus noch einmal in den Tempel und diskutiert ein letztes Mal mit den religiösen Führern. Sie erkennen Jesus nicht an. Jesus ist nicht der Messias, den sie erwarten. Sie wollen, das alles so bleibt, wie es ist und wie es ihrem eigenen Vorteil nützlich ist. Daher verkündet Jesus in einer langen Rede den Untergang des Tempels, der dann ja auch durch die Römer herbeigeführt wurde. Die religiösen Führer der Juden aber wollen nur noch eines: Jesus möglichst schnell aus dem Weg räumen.
Mit dem Palmsonntag beginnt die „Heilige Woche“. Wir sagen auch Karwoche, was Trauerwoche bedeutet. Denn wir erinnern uns an Jesu Weg des Leidens. Er führt durch den Tod am Kreuz zur Auferstehung am Ostertag.
Herr, in dieser heiligen Woche werden wir deines Leidens und Sterbens und deiner Auferstehung gedenken. Wir wollen bei dir sein und Zeit mit dir verbringen. Hilf uns, aus dieser inneren Sammlung unseren Alltag zu leben.
Gründonnerstag
Am Mittwoch werden die letzten Vorbereitungen für den Tod Jesu getroffen. Der Hohe Rat sucht fieberhaft nach einer Lösung, das „Problem Jesus“ aus der Welt zu schaffen. Da kommt ihnen Judas gerade recht, der bereit ist, ihnen einen Ort zu nennen, an dem Jesus sich am Abend aufhält und wo sie ihn unbemerkt von der Öffentlichkeit verhaften können.
Unterdessen wird Jesus im Haus des Simon von einer Frau mit kostbarem Öl gesalbt. Jesus selbst deutet diese Salbung auf sein Begräbnis hin. Die Salbung des Hauptes war Teil des Krönungsrituals für Könige. So kann man die Passion, die nun folgt, auch als Einsetzung Jesu als König deuten. Die Huldigung erfolgt durch die Soldaten, die ihren Spott mit Jesus treiben und als Thron wird er das Kreuz besteigen. Ein solcher König widerspricht allen menschlichen Vorstellungen. Doch wer sich auf ihn einläßt, der wird erkennen, dass seine Herrschaft unbezwingbar ist.
Am Abend des Gründonnerstags feiert Jesus mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl. Oft lesen wir in den Evangelien, dass Jesus mit seinen Jüngern, aber auch mit Zöllnern, Sündern, Pharisäern und vielen anderen Menschen gegessen hat. Das gemeinsame Mahl schafft Zusammengehörigkeit. Doch hier geschieht noch einmal etwas ganz neues. Jesus setzt das Opfermahl ein als Ort seiner bleibenden Gegenwart unter den Menschen. Seine Hingabe am Kreuz wird jedes Mal wieder neu gegenwärtig, wenn wir die Heilige Messe feiern. In der Eucharistie ist Jesus selbst mit seinem Fleisch und Blut in Brot und Wein gegenwärtig. Dieses unfaßbare Geheimnis können wir Menschen nicht verstehen. Wir können es nur gläubig annehmen und Gott immer wieder danken, dass er uns diese Nähe schenkt.
Nach dem Mahl gehen sie zum Ölberg, zu einem Grundstück, das Getsemani heißt. Die ganze Erschütterung Jesu über das ihm bevorstehende Leiden wird nun deutlich. Jesus ist ganz Gott und ganz Mensch, daher schaudert er genau wie wir bei dem Gedanken an die bevorstehenden Schmerzen. Doch er nimmt sein Leiden an - um den Willen des Vaters zu erfüllen und um uns das Heil zu schenken.
Die Jünger sind sich der Brisanz dieser Stunde nicht bewusst und schlafen. Im Gebet ist Jesus allein mit seinem Vater. Er betet, bis die Truppen des Hohen Rates erscheinen, um ihn gefangen zu nehmen, ihnen voran Judas, der ihn mit einem Kuß verrät.
Herr, wir wollen in Stille bei dir sein, mit dir zu deinem Vater beten, vor ihn hintragen, was uns Angst und Kummer macht, und ihm alle anvertrauen, die leiden. Herr, hilf uns, dass wir immer wieder Ja sagen können zum Willen des Vaters.
Karfreitag
Der Hohe Rat fällt ein schnelles Urteil über Jesus. Einstimmig fordern sie bei Pilatus seine Hinrichtung. Geschickt verstehen sie es, den zögernden römischen Statthalter dazu zu bringen, ihrer Bitte nachzukommen. Nun ist Jesus als verurteilter Schwerverbrecher aller Menschenwürde beraubt. Die Soldaten können ungehindert ihren Spott mit ihm treiben. Die römische Geißelung war brutal. Die mit Knochen- und Eisenstücken versehen Peitschen rissen dem Verurteilten die Haut vom Leib. Dass die Römer Simon von Zyrene zwingen müssen, das Kreuz Jesu zu tragen, kann durchaus auch deshalb nötig gewesen sein, weil Jesus schon nach der Geißelung all seiner Kräfte beraubt war. Doch er muß noch den Weg gehen hinauf nach Golgota. Dort wird er ans Kreuz genagelt, zwischen zwei Schwerverbrechern.
„Dort stirbt Jesus. Die Mächte des Todes zerschmetterten ihn. Das waren nicht nur der um seine Macht bangende Pilatus mit seinem Fehlurteil, nicht nur die römischen Soldaten, die ihn blutig quälten, und nicht nur die, die ihn grausam ans Kreuz nagelten, sondern das waren auch die Mächte und Gewalten dieser Welt.
Wenn wir sagen „Christus ist gestorben“, bringen wir die Wahrheit zum Ausdruck, dass alles menschliche Leiden aller Zeiten und Räume vom Sohn Gottes erlitten und damit ins innerste Leben Gottes aufgehoben wurde. Es gibt kein Leiden, das Gott nicht erlitten hätte.
Wir müssen zum innersten Wissen gelangen, dass der Todeskampf der Welt der Todeskampf Gottes ist. Der Todeskampf all der Frauen, Männer und Kinder aller Zeiten offenbart uns die unauslotbaren Tiefen des Todeskampfes Gottes, von dem uns ein Schimmer im Garten von Getsemani aufgegangen ist. Der tiefste Sinn der Menschheitsgeschichte liegt darin, die Leiden Christi Stufe um Stufe zu entfalten. Solange es noch eine Menschheitsgeschichte gibt, ist die Geschichte des Leidens Christi noch nicht vollständig erzählt. Je mehr wir versuchen, in dieses Geheimnis einzutreten, desto deutlicher geht uns auf, dass die leidende Welt eine in Gott verborgene Welt ist. Außerhalb von Gott ist das Leiden der Menschen nicht nur unerträglich, sondern man kann es nicht einmal voll ins Auge fassen. Aber wenn uns der innere Zusammenhang zwischen dem Leiden der Welt und Gottes Leiden aufgeht, wird alles radikal anders. Dann sehen wir, dass Gott in und durch Jesus Christus alle Last der Menschen in sein Innerstes aufgehoben und sie zum Weg verwandelt hat, auf dem wir seine unermeßliche Liebe erkennen.“
(Henri Nouwen)
Herr, hilf mir, das Licht in der Finsternis zu finden, und die Einheit mit dir, wenn ich mich verlassen fühle; denn durch deine Verlassenheit hast du uns neues Leben geschenkt.
Ostern – Fest der Auferstehung
Nach seinem Tod wird Jesus in ein Grab gelegt. Der Samstag ist der Tag der Grabesruhe Jesu. Es liegt Stille über dem Grab. Am Sabbat dürfen die Juden keine Arbeit verrichten, daher kommt auch niemand, um nach dem Grab Jesu zu sehen. Ungeduldig haben die Frauen, die mit Jesus gezogen waren, schon auf den Sonntagmorgen gewartet. Nun dürfen sie endlich zum Grab. Sie wollen dem Leichnam Jesu die letzte Ehre erweisen. Doch am Grab ist alles so sonderbar. Der Stein ist vom Eingang weggewälzt. Plötzlich ist da ein Engel, der erzählt, Jesus sei auferstanden. Voller Schrecken fliehen die Frauen.
Die anderen Evangelien berichten von den Begegnungen mit dem Auferstandenen. Das Markusevangelium aber endet hier. Das erschien den Menschen schon sehr bald als unbefriedigend und daher hat man eine Zusammenfassung der Berichte der anderen Evangelien hier angefügt.
Warum läßt Markus sein Evangelium so offen enden? Er hat in seinem Evangelium vom Weg Jesu erzählt. Dieser Weg führte durch Galiläa, dann hinab nach Jerusalem und schließlich ans Kreuz. Die Jünger sind diesen Weg mit Jesus gegangen und haben so immer mehr gelernt, wie Jesus zu leben. Nun ist der Leser aufgefordert, seinen eigenen Weg mit Jesus zu gehen. Die Fortsetzung des Evangeliums ist die Glaubensgeschichte jedes einzelnen Menschen, die Geschichte der Begegnung und Freundschaft mit Jesus. Jeder Mensch ist dazu berufen, von Jesus Zeugnis zu geben. Er ist dabei nicht allein, sondern er lebt in der Gemeinschaft der Glaubenden. Und Jesus, der Auferstandene, ist mit ihm.
Für die Jünger Jesu ist nun eine neue Zeit angebrochen. Am Karfreitag haben sie sich noch ängstlich versteckt. Mit dem Tod Jesu am Kreuz hatten sie nicht gerechnet, auch wenn Jesus sie oft darauf hingewiesen hat. Zuerst meinten sie, nun wäre alles aus. Doch dann kommt Jesus als der Auferstandene wieder zu ihnen. Nun wissen sie: sein Tod am Kreuz war nicht das Ende. Jesus lebt! So bekommen die Jünger die Kraft, nun furchtlos im Namen Jesu Christi aufzutreten.
Christus ist wahrhaft auferstanden, Halleluja!
So rufen die Christen seit frühesten Zeiten. Es ist ein Ruf der Hoffnung und der Zuversicht. Wenn ich glaube, dass Jesus wirklich auferstanden ist, dann weiß ich: das Leben ist stärker als der Tod, die Freude stärker als das Leid, das Licht stärker als die Finsternis.
Ich weiß: Jesus ist mitten unter uns, auch jetzt und heute. Jesus hat das Leiden und den Tod bezwungen. Nun kann keine Macht der Finsternis mehr denen schaden, die an Christus glauben. Christus Jesus wird uns durch alle Bedrängnisse, Leiden und Schmerzen dieser Welt hindurchführen in die Freude, das Licht und das Leben seiner Auferstehung. Dafür danken wir in den Gottesdiensten mit dem frohen Osterlob „Halleluja“. Das ist hebräisch und bedeutet: „Lobet den Herrn!“ Mit dem alten Ostergruß „Frohe Ostern“ geben wir die Freude über die Auferstehung Jesu Christi weiter.
Herr, deine Auferstehung öffnet uns das Tor zum ewigen Leben. Hilf uns, uns zu bereiten für das Leben mit dir und glaubwürdige Zeugen deiner Liebe zu sein, einer Liebe, die stärker ist als der Tod. Amen.
Der Philipper-Hymnus (Phil 2,5-11)
Der Philipper-Hymnus beschreibt in geballter und ausdrucksstarker Form das Geheimnis Jesu Christi und ganz besonders das Geschehen, das wir in den Tagen des Österlichen Triduums feiern.
Der in Gottesgestalt war,
So beginnt der Hymnus. Noch verborgen, aber doch schon eindeutig wird in diesen Worten die Präexistenz Jesu Christi bezeugt. Christus wird nicht irgendwann einmal von Gott geschaffen, sondern er ist – wie es später die Kirche sagen wird: aus dem Vater geboren vor aller Zeit, Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, eines Wesens mit dem Vater.
Mit dem Vater und dem Heiligen Geist ist Jesus Christus ein Gott. Doch er entäußert sich dieses Gottsein und fügt zu seiner göttlichen Natur die menschliche hinzu.
er hielt nicht fest wie ein Raubgut das Gottgleichsein,
sondern er machte sich selbst arm und nahm Knechtsgestalt an.
Das Wort Raubgut unterschlägt die Einheitsübersetzung und doch ist es ein Wort, das zum Nachdenken anregt. Was mag das bedeuten? Ist nicht alles, was wir sind und haben, in gewisser Weise Raubgut? Auch wenn wir etwas mit unserem eigenen Fleiß erworben haben, können wir fragen, woher wir die Kraft und die Fähigkeit dazu haben. Ist nicht alles ein Geschenk, für das wir dankbar sein müssen? Wir haben unsere Fähigkeiten von Gott erhalten, um sie zum Einsatz zu bringen. Daher ist es ganz recht, wenn wir mit ihnen Profite machen. Doch der Profit darf nicht allein dazu dienen, dass wir ihn für uns selber benutzen und es uns damit gut gehen lassen. So kann der Mensch nicht glücklich werden, sondern verfällt der Gier nach immer mehr Besitz und geht daran zugrunde. Reichtum macht nur wahre Freude, wenn er geteilt wird mit den Bedürftigen, die aus welchem Grund auch immer nicht die Möglichkeiten und Fähigkeiten dazu haben, selbst erfolgreich zu sein.
Diesen Weg hat Christus uns gezeigt. Er besitzt das Höchste, das es gibt, nämlich das Gottsein. Viele Menschen haben geglaubt, es erlangen zu können, Kaiser haben sich vergöttlicht und doch blieben sie Menschen, denn das Gottsein kommt nur Gott alleine zu. Dieses Gottsein gibt Jesus um unseretwillen auf. Zwar bleibt er weiterhin Gott, doch er begibt sich als Mensch auf die Erde und wird so in allem uns Menschen gleich, außer des Sünde. Der Herr macht sich selbst zum Knecht, nicht nur zum Schein, sondern um selbst das Leben eines Knechtes in seiner ganzen Härte zu führen.
Er wurde den Menschen gleich und der Erscheinung nach als ein Mensch gefunden.
In nichts unterscheidet sich Jesus in seinem Leben von uns Menschen. Er hat die gleiche Mühsal zu erdulden, wie wir alle. Unter Schmerzen wird er von seiner Mutter geboren, lebt als hilfloses Kind, wächst heran und tritt, als die Zeit da ist, in die Öffentlichkeit. Er vollbringt Taten der Liebe, um den Menschen zu zeigen, zu welcher Liebe sie fähig sind. Doch die Menschen tun das Gegenteil davon. Sie zeigen ihm, zu welchem Bösen sie fähig sind. Das Leben Jesu hat ein Ziel und dieses Ziel ist das Schlimmste, das Menschen einander antun können: das Kreuz. Jesus geht diesen Weg, dem Willen des Vaters gehorsam.
Er erniedrigte sich selbst und zeigte sich gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz.
Das Leben Jesu wäre vergebens gewesen, wenn mit dem Kreuzestod alles zu Ende gewesen wäre. Hier ist eine Zäsur im Hymnus, die uns innehalten lässt. Karsamstag. Jesus liegt tot im Grab, die Menschen wissen nicht, was geschehen ist. Es liegt Ruhe über dem Grab. Doch in der Stille geschieht die Entscheidung. Im Verborgenen spielt sich der Kampf ab zwischen den Mächten des Himmels und der Unterwelt. Der Sohn Gottes steigt in den Tod, doch der Tod kann ihn nicht fassen. Jesus besiegt den Tod, er entreißt ihm alle Menschen, die er gefangen hält und nimmt ihm die Macht, jemals wieder über die Menschen zu herrschen. Im Tod Christi verliert der Tod seinen Schrecken, denn er ist nicht mehr das Ende des Lebens, sondern der Hinübergang in das neue Leben, in das Christus uns voran gegangen ist. Die Entäußerung Jesu und sein Gehorsam bis zum Tod haben uns das Leben gebracht. Am Ostersonntag bricht dieses Leben aus dem Grab hervor, als Jesus glorreich aufersteht.
Darum auch hat Gott ihn zur höchsten Höhe erhoben und ihm geschenkt den Namen über allen Namen, damit unter Anrufung des Namens Jesu jedes Knie sich beuge der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen.
Der Vater hat Christus auferweckt. Aus dem Tod ersteht das Leben, aus der Finsternis bricht das Licht hervor, das Leid wandelt sich in Freude. Von nun an kommt an dem Namen Jesu niemand mehr vorbei. Mit dem Namen Jesu ist seine Person gemeint. Wer sich zum Namen Jesu bekennt, der bekennt sich zu Jesus Christus. Wer dies tut, hat es mit der nötigen Ehrfurcht zu tun. Jesus, den die Menschen auf Erden nur als Mensch gesehen haben, offenbart sich nun in seiner Göttlichkeit. Die Bewohner des Himmels und der Unterwelt und der ganzen Erde müssen sich vor ihm niederknien.
In seiner Auferweckung präsentiert der Vater den Sohn der Welt als den wahren König. Die drei Elemente der Inthronisation finden sich hier: Der Name Jesus wird als neuer Würdenname proklamiert, es folgt der Kniefall vor dem neuen König und schließlich die jubelnde Bestätigung:
Und jede Zunge soll lobpreisend bekennen: Jesus Christus ist der Herr! – zur Ehre Gottes des Vaters.
So kehrt der Hymnus an seinem Ende wieder zu dem zurück, von dem alles ausging und der das Geschehen bestimmt: es ist Gott Vater selbst, dem der Sohn und alle, die den Sohn ehren, die Ehre erweisen.
Stimmen wir allezeit und besonders an diesen österlichen Tagen ein in dieses Lob zur Ehre Gottes. Erkennen wir im gekreuzigten und auferstandenen Herrn den Sohn Gottes, den König der ganzen Welt. Stimmen wir ein in das Halleluja, das die Engel im Himmel zu seiner Ehre singen. Beugen wir ehrfurchtsvoll unsere Knie vor ihm und bezeugen wir der Welt mit unserem Leben die Liebe, die stärker ist als Leid und Tod.
Gott weiß, zu welchem Bösen die Menschen fähig sind und wie sehr sie dazu neigen, das Böse zu tun.
Gott vertraut aber auch darauf, dass es immer wieder Menschen gibt, die gegen das Böse aufstehen und das Gute tun.
Gott hielt es nicht für sinnlos, seinen Sohn zu uns in die Welt zu schicken. In ihm nimmt er alle Bosheit der Welt auf sich, um den Guten zu zeigen, dass ihre Mühen nicht vergebens sind, das Tun der Bösen aber nutzlos.
Gott führt aus dem Tod zum Leben, aus der Finsternis zum Licht, aus dem Leid zur Freude.
Gott zeigt so die Nichtigkeit allen menschlichen Tuns. Bestand hat allein die Liebe.
Karwoche 2008
Palmsonntag
Jesus ist schon seit einigen Tagen auf dem Weg nach Jerusalem. Er hat das ihm vertraute und für ihn ziemlich sichere Galiläa verlassen. Er geht nach Jerusalem, dem
Zentrum des jüdischen Glaubens. Es ist kein leichter Weg für Jesus. Er weiß, dass dort große Schwierigkeiten auf ihn zukommen werden. Weiß er auch schon von seinem Tod?
Jesus weiß, dass jetzt die Stunde gekommen ist, in der der wahre König in seine Stadt einzieht. Jetzt erfüllt sich das Prophetenwort: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig, und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers.
Normalerweise will Jesus nicht die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich ziehen. Er tut seine Wunder nicht, um vor den Menschen groß dazustehen, sondern um einem konkreten Menschen zu helfen oder um der Menge ein Zeichen zu geben. Jedesmal, wenn nach einem Wunder die Menge begeistert war, weist Jesus sie auf das hin, worauf es ihm ankommt und schon ist die Menge wieder ratlos.
Jesus ist sonst auch noch nie geritten, immer war er zu Fuß unterwegs. Doch nun ist es anders. Er läßt sich von den Menschen feiern. Er läßt zu, dass die Menschen ihn König, Sohn Davids, nennen. Doch auch hier ist es anders als es bei Königen normalerweise ist. Es sind nicht Soldaten, die ihm zujubeln, sondern einfache Menschen. Sie haben keine großen Geschenke. Sie breiten ihre Kleider über den Weg und reißen sich Zweige von den Bäumen ab zur Huldigung. Jesus reitet nicht hoch zu Ross, sondern auf einem kleinen Esel. Jesus ist der Friedenskönig. Er will sein Reich des Friedens auf der Erde errichten, das nicht mit Waffengewalt die Herrschaft über die Menschen erreicht, sondern durch die Liebe, die die Herzen aller Menschen vereint.
Alles ist gut vorbereitet. Jesus weiß, was er tut. Die Leute wissen es auch. Sein Einzug in Jerusalem bleibt nicht verborgen. Die Menschen strömen zusammen, um dem neuen König zu huldigen. Hosanna! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn! Gott sei helfe dem König!
Doch anders, als bei den weltlichen Königen, denen man den Segen Gottes wünscht und für die man Gott bittet, dass ihr Handeln segensreich sein möge, geht von Jesus selbst das Heil aus. Kein irdischer Herrscher kann sich anmaßen, den Menschen das Heil zu bringen. Irdische Herrscher können durch eine segensreiche Regierung nur die Rahmenbedingungen für ein gutes Leben der Menschen herstellen. Doch Jesus bringt das Heil für den ganzen Menschen und für alle. Das Heil erlangt der Mensch nur, wenn er sich der Herrschaft Gottes unterstellt.
Die Herrschaft Gottes ist anders, als die Menschen es sich vorstellen. Die Menschen verstehen diesen König nicht. Jesus will die Menschen nicht durch Zeichen seiner Macht beherrschen, sondern will, dass die Menschen freiwillig zu ihm kommen. Er läßt die Menschen frei entscheiden – über sein Leben und über seinen Tod. Gott kann die Freiheit des Menschen zulassen, weil er über der Freiheit der Menschen steht. Gott hat dem Menschen die Freiheit gegeben, damit er sich frei für Gott entscheide. Der Böse versteht es aber, die Freiheit des Menschen zu manipulieren. Der Mensch, der sich gegen Gott entscheidet, entscheidet sich letztlich gegen die Freiheit, weil er sich von der Freiheit der Kinder Gottes in die Sklaverei des Bösen begibt. Doch die Freiheit siegt über die Sklaverei. Der Plan des Bösen, durch Jesu Tod die Menschen für immer versklaven zu können, scheitert. Der Friedenskönig bleibt nicht im Tod, sondern er lebt und mit ihm alle, die zu ihm gehören. Die Sklaverei des Bösen ist besiegt, die Freiheit Gottes herrscht in alle Ewigkeit.
Sein erster Weg führt Jesus in Jerusalem in den Tempel. Voll heiligem Zorn vertreibt er Geldwechsler und Händler aus dem Tempel. Geld regiert die Welt und die Herrschaft des Geldes reicht bis in den heiligen Raum. Wenigstens hier soll aber deutlich werden, dass eben nicht das Geld das wichtigste ist, sondern die Verehrung Gottes, die wahre Verehrung Gottes. Die kann man sich eben nicht durch irgendwelche Opfer erkaufen, sondern dazu muß der Mensch Gott sein eigenes Herz opfern. Das ist es, was Jesus all die Jahre gepredigt hatte. Nicht äußere Werke machen den Menschen gerecht vor Gott. Der Mensch muß in Beziehung treten zu Gott, muß eine Herzensfreundschaft mit Gott schließen. Dann kann der Mensch im Namen Gottes handeln und Gutes tun.
Lahme und Blinde sind die ersten, die im Tempel auf Jesus zukommen. Die Kranken, die von so vielen ausgestoßen werden, sind die, denen Jesus zuerst begegnet. Wie viele Menschen sind in unserer heutigen Zeit krank. Wie sehr brauchen wir Menschen, die ihnen im Namen Jesu begegnen, die sie heilen können, ganz, an Körper und Seele. Auch die Kinder jubeln Jesus zu. Sie brauchen besonderen Schutz. Sie brauchen besondere Hilfe, damit sie zu gesunden Menschen werden, sie brauchen Jesus, um das Heil zu erlangen. Wie vielen Kindern wird Jesus genommen.
Der umjubelte Einzug in Jerusalem, sein Handeln im Tempel, all das bleibt nicht unbeobachtet. Die Hohenpriester und Schriftgelehrten haben mitbekommen, dass Jesus da ist. Erster Widerstand regt sich gegen ihn. – Ist das nicht der, der den Sabbat nicht hält, der in der Provinz schon so viel Unruhe unter dem Volk gestiftet hat? Was maßt der sich an? Will er jetzt ganz Jerusalem in Aufruhr bringen? ... Es ist besser, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht. – Das Todesurteil über Jesus ist gesprochen. Zunächst im Verborgenen. Doch die Gelegenheit, es auszuführen, wird kommen. Jesus bleiben noch vier Tage. In diesen Tagen wird einiges geschehen. Jesus wird noch deutlicher in seinen Aussagen. Er sagt den Hohenpriestern und Schriftgelehrten seine Meinung. Die Fronten klären sich. Das Netz um Jesus schnürt sich zu. Die Schriftgelehrten können als angesehene Autoritäten die Meinung der Menschen beeinflussen. Langsam kippt die Stimmung der Menge um, vom Hosanna zum Kreuzige ihn!
In der Liturgie des Palmsonntags haben wir diesen Umschwung in kürzester Zeit. Vom Evangelium vom Einzug in Jerusalem bei der Palmprozession zur Leidensgeschichte im Wortgottesdienst. Jesus hat noch vier Tage. Gehen wir diese Tage mit ihm. Versuchen wir, die Karwoche zu nutzen als eine intensive Vorbereitungszeit auf die Feier von Tod und Auferstehung Jesu Christi.
R. Ruhm und Preis und Ehre / sei dir, Erlöser und König! 
Jubelnd rief einst das Volk / sein Hosianna dir zu.
R. Ruhm und Preis und Ehre...
Du bist Israels König, / Davids Geschlechte entsprossen,
der im Namen des Herrn / als ein Gesegneter kommt.
R. Ruhm und Preis und Ehre...
Dir lobsingen im Himmel / ewig die seligen Chöre;
so auch preist dich der Mensch, / so alle Schöpfung zugleich.
R. Ruhm und Preis und Ehre...
Einst mit Zweigen in Händen / eilte das Volk dir entgegen;
so mit Lied und Gebet / ziehen wir heute mit dir.
R. Ruhm und Preis und Ehre...
Dort erklang dir der Jubel, / als du dahingingst zu leiden;
dir, dem König der Welt, / bringen wir hier unser Lob.
R. Ruhm und Preis und Ehre...
Hat ihr Lob dir gefallen, / nimm auch das unsre entgegen,
großer König und Herr, / du, dem das Gute gefällt.
R. Ruhm und Preis und Ehre...
Montag der Karwoche - Betanien
Während seiner letzten Tage in Jerusalem nutzt Jesus auch das Haus seiner Freunde Lazarus, Maria und Marta in Betanien, einem Dorf bei Jerusalem, als Nachtquartier. Irgendwie werden auch diese Freunde von Jesus gemerkt haben, dass sich etwas bei ihm verändert hat. Nach all den Auseinandersetzungen mit seinen Gegnern war Jesus sicher erschöpft, wenn er sich am Abend bei seinen Freunden einfand. Marta bereitet ihm ein gutes Essen. Auch Maria will Jesus etwas Gutes tun. Mit einem besonders kostbaren Öl salbt sie seine Füße und trocknet sie mit ihrem Haar.
Das passt einigen nicht. Sicher fanden es manche unschicklich, dass Jesus sich so von einer Frau berühren lässt. Zwischen Judas Iskariot und Jesus muss es in diesen Tagen ohnehin zu verschiedenen Differenzen gekommen sein. Der Eiferer erwartete wohl, dass Jesus sich deutlicher als der neue König präsentiert. Das Verhalten Jesu erschien ihm vielleicht zu schwächlich. Und dann noch das. Am Abend lässt sich der Meister die Füße von einer Frau salben. Das Öl hätte man besser für teures Geld verkauft und damit den Armen geholfen. Doch dies sagt Judas nicht, weil er ein Herz für die Armen gehabt hätte, sondern sicher vor allem deshalb, um Jesus zu kränken, vielleicht auch, weil er gerne selbst etwas von dem möglichen Erlös in die eigene Tasche gesteckt hätte.
Doch Jesus erlaubt die scheinbare Verschwendung Mariens. Laß sie, damit sie es für den Tag meines Begräbnisses tue. Es ist für Maria die letzte Möglichkeit, ihrem Freund und Meister die Ehre zu erweisen. Er ist zum letzten Mal in Betanien zu Gast. Die Armen aber werden immer da sein.
Ein seltsames Wort Jesu. Jesus will keine kleinlichen Bilanzrechnungen. Scheinbare Verschwendung und Armenfürsorge gehen zusammen. Doch der Dienst an Jesus ist keine Verschwendung. Jesus dienen, ihm alles geben, das muß unser erstes Anliegen sein. Was wir Jesus geben, das nehmen wir anderen nicht weg. Wenn wir Jesus alles geben, dann erhalten wir erst das, was wir brauchen, um anderen zu helfen.
Es ist für uns denke ich besonders in unserer Zeit, die großen Wert auf Kosten-Nutzen Rechnungen legt und in der Controller die wichtigsten Posten einnehmen, sehr schwierig, das zu verstehen. Sicher ist ein solches Verhalten nicht auf das Wirtschaftsleben übertragbar. Aber doch lässt es sich im privaten Leben verwirklichen. Wer hergibt, der empfängt, wer sich ganz schenkt, der wird ganz er selbst. Festhalten hindert uns am Leben, Loslassen befreit uns zum Leben.
Bitten wir Jesus darum, dass er uns diese Freiheit gibt, uns selbst ganz ihm zu schenken, dass er uns das Vertrauen gibt, dass wir dadurch nicht verlieren, sondern alles bekommen.
Gründonnerstag - Das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern
Auf dem Bild von Sieger Köder sehen wir rechts hinten, wie Judas sich davon schleicht, zurück bleiben die elf anderen Jünger. Jesus selbst ist nicht zu sehen, aber sein Gesicht spiegelt sich in dem Wein und das Brot auf dem Tisch hat die Form des Christus-Monogramms, P X, das sind Chi und Ro, die beiden Anfangsbuchstaben des Namens Christus.
Am Donnerstag-Abend, dem Abend vor seinen Tod, feiert Jesus mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl. Jesus weiß, dass er nun nicht mehr mit seinen Jüngern besammen sein wird wie bisher. So wird das Mahl zum Abschiedsmahl. Und doch wird Jesus in der Feier dieses Mahles den Menschen zu allen Zeiten nahe sein. Durch seinen Tod am Karfreitag gibt sich Jesus für die Menschen hin. Als der Auferstandene ist er uns zu allen Zeiten nahe, in ganz besonderer Weise in der Eucharistie.
Die Evangelien berichten uns vom letzten Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern:
Als es Abend wurde, begab Jesus sich mit den zwölf Jüngern zu Tisch. Und während sie aßen, sprach er: Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten und ausliefern. Da waren sie sehr betroffen und einer nach dem andern fragte ihn: Bin ich es etwa, Herr? Er antwortete: Der, der die Hand mit mir in die Schüssel getaucht hat, wird mich verraten. Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre. Da fragte Judas, der ihn verriet: Bin ich es etwa, Rabbi? Jesus sagte zu ihm: Du sagst es.
Während des Mahls nahm Jesus das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es den Jüngern und sagte: Nehmt und esst; das ist mein Leib.
Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet und reichte ihn den Jüngern mit den Worten: Trinkt alle daraus; das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.
Ich sage euch: Von jetzt an werde ich nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis zu dem Tag, an dem ich mit euch von neuem davon trinke im Reich meines Vaters. 
Das Gebet am Ölberg und die Gefangennahme
Nach dem Mahl geht Jesus mit seinen Jüngern zum Ölberg hinaus. Er hat eine Ahnung davon, was auf ihn zukommt. Er hat Angst. Er betet. Doch seine Jünger schlafen. In seiner Not ist Jesus allein, allein mit seinem Vater im Himmel. Dreimal muss Jesus die Jünger wecken und sie darum bitten, mit ihm zu beten. Doch sie schlafen immer wieder ein. Erst als die Soldaten im Garten erscheinen, angeführt von Judas, merken die anderen Jünger, was los ist. Jesus wird verhaftet, die Jünger aber fliehen.
Die Verurteilung Jesu und die Verleugnung durch Petrus
Nun wird Jesus vor Gericht gestellt, zuerst bei den Juden. Doch die Römer haben zu dieser Zeit in Israel das Sagen. Die Juden dürfen niemand zum Tod verurteilen und deshalb bringen sie Jesus zum römischen Statthalter Pontius Pilatus. Eine lange Verhandlung beginnt.
Petrus ist neugierig. Er will sehen, was mit Jesus geschieht. Doch er hat Angst. Als man ihn als einen Jünger Jesu erkennt, streitet er es ab. „Ihr müsst euch irren, ich gehöre nicht zu Jesus.“ Dreimal verleugnet er so Jesus, dann kräht ein Hahn. Petrus erkennt: Ich habe meinen besten Freund verleugnet. Es tut ihm leid, dass er aus Angst nicht zu Jesus gehalten hat. Er geht weg und weint.
Jesus ist ganz allein vor dem Richter. Ein Jünger hat ihn seinen Feinden ausgeliefert, der andere hat ihn verleugnet, alle anderen Jünger sind geflohen. Wo sind sie alle hin, die sonst zu ihm gehalten haben, all die Menschen die er geheilt, denen er geholfen hat?
Das Kreuz 
Das Urteil lautet: Tod am Kreuz, die härteste Strafe, die die Römer zu bieten haben. So werden Schurken, Staatsfeinde, die schlimmsten Verbrecher bestraft. Wie es ihnen beliebt, dürfen die Soldaten nun ihren Spott mit Jesus treiben. Als er schon nicht mehr kann vor Schmerzen und Wunden muss er auch noch sein Kreuz durch die Stadt bis hinauf zum Hügel Golgota tragen. Sein einziger Trost: Seine Mutter und einige Frauen, die ihm gefogt sind, haben ihn nicht
verlassen sondern stehen an seinem Kreuzweg. Simon von Zyrene muss ihm helfen, das Kreuz zu tragen.
Endlich auf Golgota angekommen, geht die Qual weiter. Die Soldaten reißen ihm die Kleider vom Leib und nageln ihn an das Kreuz. Dort hängt Jesus nun, von Schmerzen und Wunden gezeichnet, zwischen zwei Räubern. Nur seine Mutter und einige andere Frauen schauen aus der Ferne zu. Sonst sind alle weg. Nur einige Soldaten, die die Gekreuzigten weiter verspotten, sind noch da.
Jesus ist allein, allein mit seinem Vater. „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ Dann stirbt Jesus am Kreuz. Plötzlich merken alle Menschen, dass in diesem Moment etwas außergewöhnliches geschehen ist. Eine Finsternis, ein Erdbeben. „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“ So bekennt der Hauptmann, der in diesem Moment unter dem Kreuz Jesu stand.
„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ (Joh 12,24)
Hingabe, Sich-Fallen-Lassen, Sich-Ganz-Anvertrauen. Das Weizenkorn wird ausgesät. Der Boden muß fruchtbar sein. Drei Jahre lang hat Jesus den Boden bereitetm, hat Jünger berufen, die Apostel in besonderer Weise unterwiesen, vielen Menschen seine Gleichnisse erzählt, Menschen geheilt. Der Boden ist bereitet. Jetzt kann Neues entstehen. Etwas ganz Neues. Was geschieht, wenn Gott unendlich liebt? Was geschieht, wenn Gott sich ganz in die Hände der Menschen gibt? Was geschieht, wenn Gott stirbt?
Sie wollen Jesus beseitigen. Er passt nicht in ihr Bild. Gott passt sich nicht dem Bild der Menschen an, sondern der Mensch muß bereit sein, sein Bild von Gott immer neu zu machen. Die festen Bilder werden zerschlagen, der Vorhang im Tempel reißt entzwei. Gott ist mächtiger, als ihn die Menschen sein lassen. Gott lässt sich nicht in Rituale und Formen sperren. Gott lässt sich nicht einsperren, nicht von Menschen, nicht vom Tod.
Der Menschensohn sprengt die Fesseln des Todes, zerbricht die Pforten der Unterwelt. Der Vater erweckt den Sohn zum Leben und in ihm schenkt er das Leben allen Menschen. Gott führt die Toten zum Leben, führt die Gefangenen in die Freiheit. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? Was kann uns scheiden von der Liebe Gottes? Alles überwinden wir durch den, der uns geliebt hat. Die Liebe Gottes vertreibt alle Furcht. In der Liebe Gottes leben wir, bewegen wir uns und sind wir. Nichts und niemand kann uns etwas anhaben. Vertrauen wir der Liebe und der Macht Gottes!
Hingabe, die auf fruchtbaren Boden fällt, bringt Leben. Wie das Weizenkorn in die Erde, so fällt Jesus in das Grab. Aus dem Grab ersteht neues Leben. Jesus bleibt nicht im Grab, bleibt nicht im Tod. Er lebt und auch wir leben mit ihm. Wie aus einem Weizenkorn viele neue Körner wachsen, so bringt Jesu Tod und Auferstehung für uns alle Frucht. Christus hat uns den Weg zum Leben geöffnet.
Weizenkorn werden – auch wir sollen ihm folgen in dieser Hingabe. Gott hat die Welt erlöst, aber wie sollen die Menschen davon erfahren, wenn keiner davon Zeugnis gibt – Zeugnis in Wort und Tat? Wenn wir Christus folgen, bereiten wir den Boden für eine neue Saat. Auch wir können uns ganz hingeben im Vertrauen, dass wir dadurch nicht zu Grunde gehen, sondern Leben und andere durch Christus zum Leben führen.
Veronika
Als Begleiterin für die diesjährigen Kar- und Ostertage möchte ich die heilige
Veronika wählen. Über sie weiß man sehr wenig, ihre Gestalt ist legendenhaft, selbst ihr Name ist eigentlich von ihrer Stellung am Kreuzweg Jesu abgeleitet: er beinhaltet das lateinische „vera“ und das griechische „eikon“, was zusammen „wahres Bild“ bedeutet. Veronika reicht Jesus als Liebesdienst in seinem Leiden ihr Schweißtuch. Als Dank erhält sie darin das Antlitz Jesu bildlich eingeprägt.
Was hat uns diese Begebenheit zu sagen? Was sie wirklich bedeutet können wir etwas erahnen, wenn wir im Johannesevangelium die Fußwaschung und die Abschiedsreden Jesu betrachten. „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe,“ sagt Jesus. „Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebt.“ Johannes setzt an die Stelle, an der die anderen Evangelien das letzte Abendmahl schildern, die Fußwaschung. In der Eucharistie ist Jesus in seinem Leiden, seinem Sterben und seiner Auferstehung im Zeichen des Brotes leibhaftig unter uns. Sie ist das größte Geschenk, das uns der Herr hinterlassen hat. Es gibt aber – und das möchte uns Jesus vielleicht im Johannesevangelium sagen – noch eine andere Weise, in der Er in dieser Welt sichtbar wird: die Liebe.
Es ist möglicherweise etwas gewagt formuliert, aber dennoch: der Liebende sieht den Geliebten mit den Augen Jesu an und durch das Tun eines Liebeswerkes wird Jesus sichtbar in dieser Welt. Gott ist Liebe, in Christus hat die Liebe ihren Ursprung und ihr Ziel und Christus selbst wird im Tun der Liebe sichtbar. Denn wenn Gott Liebe ist, wie anders sollte man ihn erkennen als in der Liebe, in der wir ihm immer ähnlicher werden können? Es ist eigentlich traurig, daß wir soviel Gutes in der Welt ungeschehen lassen und so immer wieder die Chance verpassen, Jesus sichtbar zu machen. Ich denke dabei nicht an große Werke, einfach nur an die kleinen Liebesdienste des Alltags, wie es Veronika getan hat, als sie dem Herrn ihr Schweißtuch reichte.
Wir hören zwar nichts davon, aber ich bin mir sicher, daß Veronika auch zu den ersten Jüngern gehört hat, die von der Auferstehung Jesu erfahren haben. Wir können nur erahnen, mit welcher Freude sie diese Nachricht erfüllt haben mag, nachdem sie das Leiden des Herrn so nah miterlebt hatte. Auch wir dürfen uns in diesen Tagen, nach vielleicht manchem Verzicht in der Fastenzeit, ganz besonders über die Auferstehung des Herrn freuen. Tragen wir diese Freude in die Welt hinaus. Zeigen wir unseren Mitmenschen Jesus, auch in den kleinen Liebesgesten des Alltags. Kommen wir so immer näher zu ihm, der der Grund unseres Lebens ist. So werden wir auch einst teilhaben an seiner Auferstehung und ewig bei ihm sein, wenn er uns zum Vater holt, wohin er uns vorausgegangen ist.