Advent Lesejahr C

2. Adventssonntag

Erste Lesung

Bar 5,1-9

Leg ab, Jerusalem, das Kleid deiner Trauer und deines Elends, und bekleide dich mit dem Schmuck der Herrlichkeit, die Gott dir für immer verleiht. Leg den Mantel der göttlichen Gerechtigkeit an; setz dir die Krone der Herrlichkeit des Ewigen aufs Haupt! Denn Gott will deinen Glanz dem ganzen Erdkreis unter dem Himmel zeigen. Gott gibt dir für immer den Namen: Friede der Gerechtigkeit und Herrlichkeit der Gottesfurcht.
Steh auf, Jerusalem, und steig auf die Höhe! Schau nach Osten, und sieh deine Kinder: Vom Untergang der Sonne bis zum Aufgang hat das Wort des Heiligen sie gesammelt. Sie freuen sich, dass Gott an sie gedacht hat. Denn zu Fuß zogen sie fort von dir, weggetrieben von Feinden; Gott aber bringt sie heim zu dir, ehrenvoll getragen wie in einer königlichen Sänfte.
Denn Gott hat befohlen: Senken sollen sich alle hohen Berge und die ewigen Hügel, und heben sollen sich die Täler zu ebenem Land, so dass Israel unter der Herrlichkeit Gottes sicher dahinziehen kann. Wälder und duftende Bäume aller Art spenden Israel Schatten auf Gottes Geheiß. Denn Gott führt Israel heim in Freude, im Licht seiner Herrlichkeit; Erbarmen und Gerechtigkeit kommen von ihm.

Zweite Lesung

Phil 1,4-6.8-11

Immer, wenn ich für euch alle bete, tue ich es mit Freude und danke Gott dafür, dass ihr euch gemeinsam für das Evangelium eingesetzt habt vom ersten Tag an bis jetzt. Ich vertraue darauf, dass er, der bei euch das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum Tag Christi Jesu. Gott ist mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne mit der herzlichen Liebe, die Christus Jesus zu euch hat. Und ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher an Einsicht und Verständnis wird, damit ihr beurteilen könnt, worauf es ankommt. Dann werdet ihr rein und ohne Tadel sein für den Tag Christi, reich an der Frucht der Gerechtigkeit, die Jesus Christus gibt, zur Ehre und zum Lob Gottes.

Evangelium

Lk 3,1-6

Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa, Herodes Tetrarch von Galiläa, sein Bruder Philippus Tetrarch von Ituräa und Trachonitis, Lysanias Tetrarch von Abilene; Hohepriester waren Hannas und Kajaphas. Da erging in der Wüste das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias. Und er zog in die Gegend am Jordan und verkündigte dort überall Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden.
So erfüllte sich, was im Buch der Reden des Propheten Jesaja steht: Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden. Und alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt.
Advent

Behaglichkeit

Behaglichkeit ist ein Wort, mit dem wir die Adventszeit charakterisieren können. Wenn es draußen stürmt, regnet oder schneit, nass ist und kalt, wenn wir uns auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken durch überfüllte Innenstädte gedrängt haben, dann sind wir froh, wenn wir nach Hause kommen und es uns gemütlich machen können. Eine Kerze anzünden, eine Tasse Tee kochen, ein feiner Lebkuchen dazu, etwas Musik ...

"Gott führt Israel heim in Freude, im Licht seiner Herrlichkeit." (Bar 5,9)

Die Lesung aus dem Buch Baruch will in den Zuhörern ähnliche Empfindungen wachrufen. Das Buch richtet sich an die Juden im Exil in Babylon. Sie wurden aus ihrer Heimat herausgerissen, mussten sich in der Fremde eine neue Existenz aufbauen und fragen sich nun: Wie konnte Gott das zulassen? Wie wird es weitergehen?
Vor allem der Prophet Jesaja ist es, der den Menschen in dieser Zeit Gottes Trost zuspricht, die Hoffnung auf Heimkehr wachhält. Auch am Ende des Buches Baruch hören wir von dieser Hoffnung auf Heimkehr in das gelobte Land, die Gott verheißt.
Während die Menschen im Exil über ihr Schicksal klagten und dabei Trauerkleider trugen und keinen Schmuck anlegten, wird sich das bald ändern, denn ihre Trauer über das Leben in der Fremde wird sich verwandeln in die Freude der Heimkehr.
Nun machen sich die Menschen wieder schön, holen ihre bunten Festgewänder heraus, legen sich Schmuck an. Schmuck nicht nur aus Gold und Silber, sondern auch den Glanz, den Gott verleiht, der von innen her den Menschen schön macht.
Sie sitzen nicht mehr trauernd am Boden, sondern sie stehen auf, weil es etwas Wunderbares zu sehen gibt. Wie eine Fatamorgana erscheint plötzlich eine breite Straße in der Wüste, von Babylon bis nach Jerusalem. Auf ihr Menschen über Menschen, ein prachtvoller Zug, glänzender, als wenn der König von Babylon auf Reisen geht.
Viele der Exilierten werden sich noch erinnern, wie sie damals verschleppt wurden, halb nackt, die wenigen Habseligkeiten in ein Bündel gepackt, angekettet und von den Feinden brutal getrieben. Nun werden sie wie in einer Sänfte getragen. Der beschwerliche Weg durch die Wüste wird zu einem erholsamen Spaziergang durch schattige Wälder.
Es geht nach Hause, wo man wieder in Friede und Freiheit leben darf. Wo jeden das vertraute Heim erwartet, in dem die Familie glücklich ist.

Man könnte jetzt dieses Bild wieder wegwischen, könnte deutlich machen, dass es weder damals noch heute diese Prachtstraße des Lebens gibt und auch das traute Heim nicht frei bleibt von Leid und Kummer. Doch wir wollen heute dieses Bild einmal stehen lassen und uns daran freuen. Wir wollen bewusst auf das Schöne blicken, das Gott uns in unserem Leben schenkt. Wir wollen dankbar sein.
Wenn wir es uns in Kreis lieber Menschen gemütlich gemacht haben, dann wollen wir einmal bewusst über das Schöne reden, das wir in der letzten Zeit erleben durften. Und vielleicht scheint dann die Kerze auf dem Tisch noch etwas heller und spiegelt sich in dem Glanz unserer frohen Gesichter.

Der Brief an die Philipper

Heute und am nächsten Sonntag hören wir eine Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper. Philippi war die erste von Paulus auf europäischem Boden gegründete christliche Gemeinde. Wir erfahren von der Mission des Paulus in Philippi in Apostelgeschichte 16. Die erste Gläubige in Philippi war nach dem Zeugnis der Apostelgeschichte die Purpurhändlerin Lydia, die jedoch im Philipperbrief nicht erwähnt wird.
Die Stadt Philippi wurde ca. 356 v.Chr. durch Philipp II. von Mazedonien gegründet und war zur Zeit des Paulus eine römische Kolonie, in der sich viele ehemalige Soldaten niedergelassen hatten. Durch ihre zentrale Lage an der Via Egnatia kam der Stadt militärische und wirtschaftliche Bedeutung zu.
In Philippi gab es wohl nur wenige Juden, was aus dem Bericht der Apostelgeschichte hervorgeht, wonach sich die Juden vor der Stadt zum Gebet versammelt hatten. Das deutet darauf hin, dass sie keine Synagoge hatten, weil die dafür nötige Anzahl von zehn verheirateten Männern nicht erreicht wurde. Demnach wird die christliche Gemeinde dort überwiegend aus Heidenchristen bestanden haben.
Der Brief beginnt mit folgendem Präskript:

Paulus und Timotheus, Knechte Christi Jesu, an alle Heiligen in Christus Jesus, die in Philippi sind, mit ihren Bischöfen und Diakonen. Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. (Phil 1,1-2)

Timotheus war der engste Mitarbeiter des Paulus und seine Erwähnung als Mitverfasser des Briefes zeigt seine Bedeutung für die Gemeinde von Philippi, die auch in Phil 2,19-23 deutlich wird. Während Paulus sich in vielen anderen Briefen als Apostel bezeichnet und so seine besondere Stellung zur Geltung bringt, nennt er sich hier auf gleicher Stufe mit Timotheus Knecht Christi Jesu. Er gibt somit gleich zu Beginn des Briefes ein persönliches Beispiel dafür, was die Selbstentäußerung, die Jesus Christus gelebt hat (vgl. Phil 2,6f.), bedeutet.
Wie in den anderen Briefen bezeichnet auch hier Paulus die Gläubigen als Heilige. Wer in der Taufe reingewaschen wurde von der Sünde, ist ein Heiliger. Wie diese Heiligkeit in einem christlichen Leben bewahrt werden kann, will Paulus seine Gemeinden durch seine Predigt und mit seinen Briefen lehren.
Abweichend von anderen Briefen erwähnt Paulus hier noch zusätzlich die Bischöfe und Diakone der Gemeinde. Wir finden hier die älteste Erwähnung von Bischöfen im Neuen Testament. Sie sind in Philippi offenbar Teil einer kollektiven Gemeindeleitung.

Advent
Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich an euch denke; immer, wenn ich für euch alle bete, tue ich es mit Freude und danke Gott dafür, dass ihr euch gemeinsam für das Evangelium eingesetzt habt vom ersten Tag an bis jetzt. (Phil 1,3-6)

Diese Danksagung betont das herzliche Verhältnis, das Paulus zur Gemeinde in Philippi hatte. Die Gemeinde ist für ihn ein Anlass zur Freude. Auch wenn es, wie im Laufe des Briefes deutlich wird, einige Themen gibt, um die Paulus sich in Bezug auf die Gemeinde sorgt, ist er doch sehr zuversichtlich, dass die Gemeinde wachsen wird und die anstehenden Hindernisse sicher überwindet. Dieses Vertrauen des Paulus in die Gemeinde wird vor allem im folgenden Vers deutlich:

Ich vertraue darauf, dass er, der bei euch das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum Tag Christi Jesu. (Phil 1,6)

Gott hat sein Werk in der Gemeinde begonnen. Der Glaube ist nicht Menschenwerk, sondern ein Geschenk Gottes. Er ist eine Ehre, die durch die Verkündigung des Evangeliums allen Menschen zu Teil werden soll. Glaube ist keine lästige Pflicht, keine zusätzliche Belastung für unser Leben, sondern Gottes Werk an uns, der seine Heiligkeit an uns vollenden will zu unserer Freude und zu unserem Heil.
Wie weit weicht die Einstellung vieler Menschen zum Glauben von dieser Aussage ab. Glaube wird als lästige Pflicht gesehen, derer sich viele entledigt haben. Vielleicht hat die Kirche hier selbst in ihrer Verkündigung etwas falsch gemacht. Gebote und Moral wurden den Menschen oft als Ziel vor Augen gestellt, das mit viel Mühe erreicht werden soll. Aber Gebote und Moral sind nicht Selbstzweck, sondern Weg zu einem Ziel, das viel größer und schöner ist, als wir es uns erdenken können.
Glaube führt uns auf den Weg der Heiligkeit, dessen Ziel unsere Vollendung ist. Wir reden heute viel von Selbstverwirklichung. Gerade das ist es, was Gott in uns wirken will, dass jeder Mensch voll und ganz zu dem wird, was in ihm steckt. Gott handelt an uns wie ein Künstler, der aus einem unförmigen Stück Holz oder Stein ein wundervolles Kunstwerk schafft. An uns liegt es, all die Teile abzugeben, die der Künstler aus uns herausschlägt. Das Bild, das Gott von uns schafft, ist schon in uns, aber es ist verdeckt. Wir halten so vieles von dem fest, was unser Bild verdeckt, so dass es nicht zur Geltung kommen kann. Lassen wir Gott an uns wirken. Lassen wir uns von ihm „bearbeiten“. Gott verunstaltet uns nicht, sondern holt das Beste aus uns heraus.
Mir fällt hier der Vers Psalm 68,29f. ein, in dem es heißt:

Advent
Festige das, o Gott, was du in uns gewirkt hast, von deinem heiligen Tempel aus, der in Jerusalem ist.

Gott ist es, der in uns wirkt. Glaube ist ein Geschenk. Wir dürfen glauben, wir dürfen Gott an uns wirken lassen. Er macht uns heilig, macht uns strahlend schön. Vertrauen wir uns ihm an!

Es ist nur recht, dass ich so über euch alle denke, weil ich euch ins Herz geschlossen habe. Denn ihr alle habt Anteil an der Gnade, die mir durch meine Gefangenschaft und die Verteidigung und Bekräftigung des Evangeliums gewährt ist. (Phil 1,7)

Paulus weist hier auf seine Gefangenschaft hin, die er um der Verkündigung des Evangeliums willen zu erdulden hat. Es ist nicht klar, wo Paulus genau gefangen gehalten wird. Die Lokalisierung der Gefangenschaft gibt uns aber Rückschlüsse auf die Entstehungszeit des Briefes. Viele Exegeten gehen davon aus, dass es sich hier um die Gefangenschaft des Paulus in Rom handelt. Somit wäre der Philipperbrief, um das Jahr 65 entstanden, der letzte Paulusbrief und ein Abschiedsbrief des Apostels, der seinen Tod vor Augen sieht, an seine geliebte Gemeinde. Andere Exegeten gehen von einer Abfassung des Briefes um das Jahr 55 in Ephesus aus.
Die Philipper haben Paulus von Anfang an materiell unterstützt (vgl. Phil 4,10-20) und auch jetzt haben sie Epaphroditus zu Paulus geschickt, der die Gaben der Gemeinde überbracht hat (vgl. Phil 2,25-30). Dies zeigt das innige Verhältnis der Gemeinde zu Paulus, selbst über eine längere Zeit seiner Abwesenheit hinweg (Paulus hat um das Jahr 50 die Gemeinde gegründet). In den folgenden Versen bezeugt Paulus, wie auch er sich nach den Philippern sehnt und deren Heil ersehnt:

Gott ist mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne mit der herzlichen Liebe, die Christus Jesus zu euch hat. Und ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher an Einsicht und Verständnis wird, damit ihr beurteilen könnt, worauf es ankommt. Dann werdet ihr rein und ohne Tadel sein für den Tag Christi, reich an der Frucht der Gerechtigkeit, die Jesus Christus gibt, zur Ehre und zum Lob Gottes. (Phil 1,8-11)

Liebe kann wachsen. Es gibt ein mehr und weniger in der Liebe. Liebe wird auch in Verbindung gebracht mit Einsicht und Verständnis. Ich kann nur das wirklich verstehen, was ich auch liebe. Die Liebe treibt dazu, tiefer zu gehen. Die Liebe führt dazu, dass mich jemand oder etwas erst wirklich interessiert. Durch die Liebe holen wir Personen und Geschehnisse an uns heran, in uns hinein, wir verbinden uns mit dem Schicksal anderer und lernen größere Zusammenhänge zu verstehen. Ich kann etwas aus reinem Pflichtgefühl tun, auch das ist sicher oft notwendig, aber ich kann etwas auch aus Liebe tun. Erst, wenn etwas aus Liebe geschieht, wird es zu einer erfüllten und sinnstiftenden Handlung.
Fragen wir uns einmal ganz ehrlich, wen und was liebe ich? Wohin geht meine Sehnsucht?
Die Liebe weist uns den Weg. Lernen wir, auf unser Herz zu hören. Dann finden wir den Weg zu der Vollendung, die Paulus des Philippern wünscht. Dann können wir verstehen und beurteilen, worauf es ankommt, können uns richtig entscheiden und so gerecht handeln. Das ist keine Eigenschaft, die man mal hat und mal nicht, sondern dieses Verstehen, wenn es einmal erlangt ist, geht in Fleisch und Blut über. Es ist ein Geschenk, das wir nur mit Liebe ersehnen können.
Ein Weg, in der Liebe zu Gott zu wachsen, ist seine Nähe zu suchen. Gottes Nähe finden wir im Gebet und im Betrachten der heiligen Schrift. Mutter Theresa hat einmal gesagt:

„Aus dem Gebet wächst der Glaube, aus dem Glauben wächst die Liebe, aus der Liebe wächst der Dienst.“

Wer beten lernt, macht die Erfahrung, dass wir auf einem tragfähigen Grund, dass wir in einer lebendigen Beziehung stehen. Das ist Glaube. Gott hört auf, ein ferner Bezugspunkt zu sein, er wird zum Partner, wird Gegenüber, Hörender und Rufender. Gott wird erfahren als der, der schon immer Ja zu mir gesagt hat, der Ja sagt zum Menschen, zu jedem einzelnen. Diese Erfahrung der Geborgenheit in Gott lässt mich auf seine Liebe mit meinem Ja antworten. Auf meinem liebenden Weg mit Gott erfahre ich ihn immer tiefer. Diese innere Erfahrung der Liebe Gottes lässt mich nach außen gehen, auf meine Mitmenschen und die Dinge um mich herum zu. Ich kann ihnen nicht anders begegnen als in Liebe, weil ich mich von Gott unendlich geliebt weiß.

Herr, schenke mir die Erfahrung
deiner unendlichen Liebe.
Schenke mir die Fähigkeit, zu lieben.
Lass mich lieben ohne Vorbehalte.
Lass mich in der Liebe wachsen
und mach mich so
immer mehr zu deinem Bild
zu dem du mich geschaffen hast.
Amen.

Advent

Das Heil sehen, das von Gott kommt

Sorgfalt und Zuverlässigkeit hat Lukas zu Beginn des Evangeliums seinen Lesern versprochen. Dazu gehört auch, dass er präzise Zeitangaben macht. Waren diese Angaben im Rahmen der Kindheitsgeschichte Jesu noch recht ungenau, so werden sie nun eindeutiger. Zugleich ordnet Lukas mit diesen Angaben das, was nun geschieht, in den großen Rahmen der Weltgeschichte ein und unterstreicht so dessen Bedeutung.
Kaiser Tiberius regierte in den Jahren 14 bis 37, daher können wir das Auftreten Johannes des Täufers recht präzise auf das Jahr 28/29 datieren. Pilatus war in den Jahren 26 bis 36 Statthalter von Judäa, Herodes Antipas regierte von 4 v.Chr. bis zum Jahr 39, Philippus von 4 v.Chr. bis 34. Kajaphas war Hoherpriester von 18 bis 36.
Gregor der Große sieht in der Erwähnung des Kaisers Tiberius einen Hinweis darauf, dass das "Evangelium der ganzen Welt verkündet werden sollte" und nicht nur für die Juden, sondern auch für die Heiden bestimmt ist. Dieses Evangelium stammt nicht von Menschen, sondern von Gott selbst. Gottes Wort ist es, das Johannes in der Wüste beruft und an den Jordan sendet.
Schon als Kind war Johannes in die Wüste gegangen (vgl. 1,80). Ambrosius von Mailand schreibt über ihn:

"Johannes hatte im Geist und in der Kraft des Elija dieses Leben begonnen und lebte ohne Kontakt mit den Menschen, ganz frei für die Betrachtung der unsichtbaren Dinge, damit er sich nicht durch die Täuschungen der Sinne verwirren und beirren ließe, wenn es darum ging, den richtigen Menschen zu erkennen.
Er wurde zu einer solchen Höhe göttlicher Gnaden erhoben, dass ihm mehr Gnade eingegossen wurde als den Propheten, denn er richtete sein reines und von jeder natürlichen Leidenschaft losgelöstes Verlangen von Anfang bis zum Ende darauf hin, die göttlichen Dinge zu betrachten."

Johannes kommt, um dem Herrn den Weg zu bereiten. Dieser Weg ist nicht die prachtvolle Königsstraße durch die Wüste, die das Buch Baruch verheißen hat. Es ist der Weg in die Herzen der Menschen, den er bahnt, indem er den Menschen zeigt, dass sie umkehren müssen.
Wir richten es uns gerne gemütlich ein, doch das lässt uns träge werden und wir merken nicht, dass wir langsam aber sicher vom Kurs abkommen, wie ein Schiff, dessen Steuermann schläft, und wir sehen nicht die Gefahren, auf die wir zutreiben. Da braucht es eine Stimme, die uns wachrüttelt, die uns mahnt, wieder auf Kurs zu gehen.
Johannes traf die Herzen der Menschen. Obwohl er keineswegs ihren Ohren schmeichelte, waren viele bereit, auf ihn zu hören, sie kamen und ließen sich von ihm taufen, um so ihre Umkehr zu besiegeln. So sollten sie wachen Sinnes sein und aufmerksam dafür, das Heil zu sehen, das von Gott kommt.
Aufmerksam sein, um das Heil zu sehen, das von Gott kommt. "Meine Augen haben das Heil gesehen, das Gott vor den Augen der Völker bereitet hat", sagt der alte Simeon, als er das Jesuskind in seine Arme nimmt, "ein Licht zur Offenbarung für die Völker und zur Herrlichkeit für das Volk Israel" (vgl. 2,30-32). Er hat sein Leben lang auf diesen Augenblick gewartet.
Bin auch ich wach und aufmerksam? Halte ich meine Augen offen? Bin ich voll Erwartung und bereit für das Kommen des Herrn in mein Leben?

Advent

Johannes der Täufer

Johannes des Täufers ist der Vorläufer Jesu, der Rufer in der Wüste. Er ist mit Jesus verwandt, nur wenige Monate älter als er. Vom Geist getrieben geht er in die Wüste, lebt dort als Asket, isst wenig, trägt nur notdürftige Kleidung. Doch seine Sendung durch Gott und sein authentischer Lebenswandel geben ihm eine Autorität und weisen ihn als Prophet aus. Die Menschen kommen zu ihm und hören auf ihn, auch wenn das, was er ihnen sagt, alles andere als schmeichelhafte Worte sind.
Johannes ist der letzte der Propheten des alten Bundes. Anders als diese darf er Christus, den er verkündet, selbst schauen. Alle anderen haben sich nach dem gesehnt, was für Johannes Wirklichkeit wird. Seine Worte fassen die Botschaft der alten Propheten zusammen. Jetzt ist der Messias da, auf den die Menschen so lange gewartet haben. Die ganze Schöpfung soll sich auf sein Kommen vorbereiten. Berg und Tal werden eben, Krummeswird gerade, die Schöpfung macht den Weg frei für den, durch den sie geschaffen wurde.
Nun gilt es, dass sich auch die Menschen auf sein Kommen vorbereiten. Wenn sie die Augen des Herzens nicht bereit machen, werden sie nicht das Heil sehen, das sich vor ihren Augen ereignet. Das ist die Situation der Menschen zu allen Zeiten. Es gibt so viele wichtige Dinge im Leben, aber das, was eigentlich wichtig ist, Gott und die Menschen auf unserem Weg, übersehen wir leicht.
So braucht es auch in unserer Zeit Menschen, die den Ruf Gottes hören und Gott ihre Stimme geben für das, was er den Menschen sagen möchte. Falsche Propheten gibt es wohl genug, auch in unserer Zeit. Wir brauchen Menschen, die nicht ihre Botschaft verkünden, sondern das Wort Gottes. Die Welt braucht Menschen, die selbstlos leben und nicht die anderen an sich binden möchten, sondern sie zu Gott führen möchten, auch wenn sie dann selbst am Ende vielleicht alleine dastehen. Menschen, die sich bewusst sind, dass sie anderen nur in soweit helfen können, dass sie ihnen Wasser geben um überleben zu können und deshalb auf den hinweisen, der den Geist gibt, durch den die Menschen wahrhaft leben können, auf Jesus Christus. Beten wir darum, dass Gott auch unserer Zeit solche Menschen schenkt und ihnen Kraft gibt für ihren Dienst.
Wenn wir es recht betrachten, scheint Johannes der Täufer damals auf einem ganz aussichtslosen Posten gestanden zu haben. In der Einöde in der Nähe des Flusses Jordan kündigt er einen Heilbringer an, von dem die ganze Welt erfahren soll und gibt sich als dessen Wegbereiter aus. Ein Irrer, wie es viele auf der Welt gibt?